horrordate schoene frau cover
Grafik: jetzt

Dating-Situation: Tinder Date

Geschlecht und Alter des Dates: männlich, 25

Horror-Stufe: 6 von 10

Ich hatte erst seit ein paar Wochen Tinder und saß dem Irrglauben auf, man könne sich einfach mal ungezwungen mit jedem treffen, der entweder ganz süß aussieht oder ein, zwei witzige Sätze schreibt. Ich musste mich durch einige langatmige Abende quälen, bis ich erkannte, dass zu einem gelungenen Date irgendwie mehr gehört. Einer dieser langatmigen Abende begann auch mit einer Nachricht, die ich längst vergessen habe – irgendwas daran muss mir aber gefallen haben, sodass ich einem Treffen zustimmte. 

Wir trafen uns in einer Kneipe, die, so stellte sich dann heraus, im selben Haus wie seine Wohnung war. Es war Frühsommer, wir saßen im offenen Fenster. Das Gespräch war nicht brillant, aber solide, keine groben Humormissverständnisse, keine Stille. Zudem fand ich ihn tatsächlich auch im echten Leben ganz süß. Wir tranken zwei Bier – oder waren es drei? – und ich begann darüber nachzudenken, wie praktisch es ist, dass unser Heimweg der kürzeste der Welt wäre, sollten wir noch zu ihm gehen. 

Davor ging ich erst nochmal auf die Toilette. Als ich wiederkam, sah ich, wie er gerade ein Telefonat beendete. Und zehn Minuten später erschien plötzlich die schönste Frau im Lokal, die ich in den letzten Monaten gesehen hatte. „Das ist Rebecca“, sagt er (Name geändert). „Wir gehen vielleicht später noch feiern.“ „Was zur Hölle?“, dachte ich, aber ich sagte: „Ah.“ 

Rebecca jedenfalls schien mir meine Irritation nicht anzusehen, sie setzte sich neben mein Date, schlug elegant die Beine übereinander und ließ sich von ihm ein Bier ausgeben, weil sie „absolut kein Bargeld“ dabeihatte. Das Bierglas hielt sie so, wie Frauen, die bereits seit ihrer Kindheit Klavier oder ein Streichinstrument spielen. Alles an ihr war elegant und großartig. Ich hatte mich zuvor an diesem Abend okay bis attraktiv gefühlt, jetzt kam ich mir vor wie ein Bauarbeiter, der nach Feierabend noch ein paar Bier weghacken wollte. Ich fühlte mich, als hätte ich ein Date gestört – spätestens, als sich der Mann, mit dem ich verabredet war, nach und nach von mir wegdrehte.

Sie fiel mir um den Hals und beteuerte, wie schön es war, mich kennengelernt zu haben

Apropos Störung: Gekrönt wurde die ganze Situation noch davon, dass ein alter, betrunkener Mann vor dem Fenster stehenblieb und mich nach meinem Sternzeichen fragte. An meiner Antwort war er allerdings nicht interessiert, denn als ich anfing zu sprechen, hatte er die andere, deutlich attraktivere Frau am Tisch entdeckt und ging zu ihr weiter, ohne mich noch einmal anzusehen. Es folgten einige unangenehme Minuten, in denen er nicht aufhörte, ihre außergewöhnliche Schönheit zu betonen. 

Ziemlich kurz danach sagte ich, dass ich nun gern heimgehen würde und die beiden sagten, sie würden dann auch aufbrechen. Ich bezahlte meine Getränke, er seine und die seiner Begleitung. Draußen umarmte mein Date mich ganz kurz, unsere Körper berührten sich kaum. Sie hingegen fiel mir förmlich um den Hals und beteuerte, wie schön es war, mich kennengelernt zu haben. Als ich die Straße Richtung Bahnstation langging und mich noch einmal umdrehte, sah ich, dass sie sich nicht irgendwohin zum Feiern aufmachten, sondern einfach in seinem Hauseingang verschwanden. 

Ich bin sicher, die beiden hatten noch eine tolle Nacht. Ich fuhr nach Hause und achtete penibel darauf, mich in keiner Scheibe zu spiegeln. Ich weiß aber auch noch, dass ich lange nicht so gelacht habe wie beim WG-Frühstück am nächsten Morgen, als ich von meinem Abend erzählte.

Die Autorin dieses Textes hat darum gebeten, anonym bleiben zu dürfen. Sie ist der Redaktion aber bekannt.

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