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Illustration: Daniela Rudolf

Dating-Situation: Tinderdate in einer Kneipe

Geschlecht und Alter des Dates: Männlich, 25 Jahre alt

Horrorstufe: 7 von 10

Nichts gegen Typen, die ihr aufdringliches Verhalten reflektieren. Sein Ego beiseite zu schieben und sich mal zu hinterfragen, ist ja eigentlich lobenswert. Aber die Art und Weise, auf die Paul* (Name geändert) das versucht hat, war schräg!

Wir hatten ein Match auf Tinder. An seinem Profil mochte ich besonders, dass es so anders war: Keine braungebrannten Urlaubs- oder Work-out-Fotos frisch aus dem Gym und auch keine Katzenbabys. Er allein, lächelnd, mit einer Tasse Kaffee in der Hand.

Zur Begrüßung schickte er dann direkt ein lustiges GIF, was ein Eisbrecher und deswegen eine direkte Punktlandung bei mir war. Wir verabredeten uns spontan für den kommenden Abend auf ein Feierabendbier. Obwohl er aus dem benachbarten Düsseldorf kam, kannte er sogar meine Duisburger Lieblingskneipe und war von ihr ebenso angetan wie ich. Beeindruckend! Ganz offensichtlich hatte er Stil.

Diese Annahme bestätigte sich, als er vor mir stand: Der ultimative Schönling, bei dem jedes Mittelstandsmariechen nach rechts swiped. Selbst im vergammelten Pulli sah er noch gut aus. Dunkle, wellige Haare, lässiges Auftreten, arbeitet in der Werbebranche. Sein leicht verpeilter Blick schmeichelte ihm. „Er sieht supergut aus, Jackpot“, dachte ich.

Bis er nach einer Viertelstunde Smalltalk plötzlich sein Handy aus der Hosentasche holte. „Ich würde gerne aus meinen Fehlern lernen und unser Date aufnehmen“, sagte er. Ich hielt es für eine Scherz und bekam einen heftigen Lachanfall. „Das ist schon mein Ernst. Hab schlechte Erfahrung gemacht und würde das zukünftig gern vermeiden“, erwiderte er, als ich mich etwas beruhigt hatte. Ich nahm ihn weiterhin nicht ernst, setzte einen gekünstelt ernsten Blick auf und nickte: „Ok, verstehe.“

Für ein paar Minuten spielte ich also mit. Beantwortete ihm brav all seine Fragen, ohne mich von dem Voice Recorder seines Handys irritieren zu lassen. Ihn interessierte vor allem, was mir an Männern gefiele und ob ich das in meinen Exfreunden bisher immer wiedergefunden habe. Natürlich gab ich ihm keine ehrlichen Antworten darauf: „An Kerlen mag ich sehr, wenn sie sich wie die letzten Arschlöcher verhalten. Ganz dem Klischee entsprechend, dass wir Frauen es eher mögen, schlecht behandelt zu werden.“ Ich wartete sehnsüchtig auf den Moment, in dem er sich den Schwachsinn nicht länger anhören und seinen Streich zugeben würde.

Fehlanzeige. Stattdessen schien er amüsiert und rückte sein Handy näher an mich heran. „Eigentlich ist der Voice Recorder zuverlässig, hier sind die Hintergrundgeräusche aber ziemlich laut“, sagte er. Hilfe, ich war wirklich an einen Verrückten geraten. „Was machst du später mit der Aufnahme“, fragte ich skeptisch. Er wiederholte, dass er damit Fehler entdecken wolle. Als eine Art Vorbereitung auf unsere zweites Date. Umso mehr er sich rechtfertigte, desto gruseliger kam er mir vor. Heute bereue ich, dass ich daraufhin schnell mein Bier ausgetrunken, jeder weiteren Unterhaltung aus dem Weg gegangen bin, die Kneipe also verlassen und ihn auf allen Kanälen blockiert habe. Eigentlich hätte ich ihn darauf aufmerksam machen sollen, dass er mich auch einfach fragen kann, wie es mir gefallen hat. Und das ihm das auch erheblich viel Arbeit ersparen würde. Dafür habe ich mich in der Situation aber zu unwohl gefühlt.

Die junge Frau, die unserer Autorin diese Geschichte erzählt hat, hat darum gebeten, anonym bleiben zu dürfen. Sie ist der Autorin aber bekannt.