Horror-Schwiegereltern: Die ewige Babymama

Den Partner oder die Partnerin sucht man sich selbst aus, die Schwiegereltern aber leider nicht.

Illustration: Julia Schubert

Alter zum Zeitpunkt der Beziehung: Beide 16

Beziehungsstatus: Zwei Jahre zusammen geblieben

Horrorstufe: 6 von 10

„Der Föhn! Vergiss den Föhn nicht, um Himmels willen!“ So drang es von außen durch die Scheiben des klapprigen VW-Polo, mit dem meine große Schwester mich und meinen ersten Freund bei ihm zu Hause abholte. Wir waren zarte 16 und ein paar Wochen zusammen. Dieses Wochenende wollten wir bei den Punks auf der Wiese oder am Skatepark rumhängen, ein rebellisches Bier in der Mittagssonne trinken. Mein Freund wollte bis zum nächsten Tag bei mir bleiben. Keine große Sache. Für seine Mutter, wie sich nun allerdings herausstelle, schon.

Mit einem Schlafsack in der einen und einem gigantischen Föhn in der anderen Hand eilte sie zum Auto. Ich hatte mal erwähnt, dass ich meine Haare nicht föhnte, weshalb sie offenbar davon ausging, unser Haushalt sei auf bestenfalls mittelalterlichem Zivilisationsstand und ihr Sohn würde mit Lungenentzündung und Erfrierungen heimkehren. Wenn er denn überhaupt heimkehrte. Solche Dramatik jedenfalls strahlte ihr Gesicht aus, als wir sie mit Schlafsack und Föhn zurückließen.

Was sich hier bereits abzeichnete, sollte sich in den kommenden Monaten in ungeahnter Dimension zuspitzen. Einige Tage nach besagtem Wochenende erhielt meine Mutter einen Anruf. Darin befragte sie die Mutter meines Freundes umständlich nach meinen Verhütungsvorkehrungen und schlug vor, fünfzig Prozent meiner Pille zu bezahlen. Dabei erstaunte mich allerdings weniger der Anruf selbst als die Tatsache, dass sie offenbar überhaupt bereit war, ihrem Sohn eine Entwicklung zuzusprechen, die ihn bereits aus dem Kleinkindalter herausgeführt hatte. Alles was sie sonst tat, sprach nämlich dagegen.

Am nächsten Morgen ließ sie uns wissen, wie süß wir im Schlaf ausgesehen hätten

Kamen wir nachts nach Hause, rief sie durch ihre geöffnete Schlafzimmertür seinen Namen und bat ihn an ihr Bett, wo sie tapfer ausgeharrt hatte, um ihn nach allen Einzelheiten des Abends zu befragen,  bevor sie ihn entließ. Womit ich beim nächsten Ort der mütterlichen Infantilisierung wäre: dem Kinderzimmer meines Freundes. Auf Regalen, der Fensterbank und dem Bett reihten sich kleine Plüschfiguren aneinander, die die Mutter täglich liebevoll arrangierte.

In der Vorweihnachtszeit ließ die ewige Babymama, wie ich sie insgeheim bald nannte, sein spitzengardinenverhängtes Fenster mit allerlei Beleuchtung erstrahlen. Zu meinem Grauen schlich sie sich allerdings aus Angst vor einem nächtlichen Kurzschluss mitten in der Nacht ins Zimmer, um sämtliche Illuminationsgebilde aus der mit Aufklebern verzierten Mehrfachsteckerleiste zu ziehen. Und sie verließ das Zimmer nicht, ohne uns einen liebevollen Blick zuzuwerfen. Wie übergriffig das war, schien sie nicht ansatzweise zu reflektieren. Am nächsten Morgen ließ sie uns wissen, wie süß wir im Schlaf ausgesehen hätten.

Wann immer ich das Haus betrat, lauerte Fürsorge hinter jeder Ecke. Torkelte ich nach durchzechten Nächten ins Bad, erwartete mich dort meine Zahnbürste. Sie war liebevoll auf einem bereits mit Wasser gefüllten Zahnputzbecher (mit dem schrillen Maskottchen einer Kinderzahnpastamarke bedruckt) drapiert und benutzerfreundlich mit Zahnpasta bestrichen. Morgens war meine Kleidung bereits gewaschen und getrocknet, meine Schuhe geputzt, mein Frühstück bereitgestellt. Ich bekam auch allerlei Geschenke. Putzige Kuscheltiere, kitschige Döschen und Schächtelchen mit kuriosem Inhalt. Eine Blumenvase in Form eines Jeanshemdes, mit Edelweiß bestickt. Einwände meinerseits wurden freundlich ignoriert.

Bei alledem blieb mir aber auch die Traurigkeit in ihrem Leben nicht verborgen

 

Auch der Grauhaardackel, der bald angeschafft und mit mütterlicher Liebe bedacht wurde, rettete mich nicht davor. Denn nun hatte die ewige Babymama eben anstatt zwei einfach drei Kinder im Hause – was ihr Selbstvertrauen in ihre Fähigkeiten nur noch zu steigern schien.

Bei alledem blieb mir aber auch die Traurigkeit in ihrem Leben nicht verborgen: Das Weinen aus ihrem Zimmer. Die offensichtliche Kaufsucht. Der Streit mit ihrem Mann und ihren älteren Söhnen, die nicht mehr daheim wohnten. Und die Tatsache, dass die umfassende Pflege aller Hausbewohner zwar stets belächelt und verspottet, aber doch auch dankbar angenommen wurde. 

All die strahlenden, tönernen Hutzelzwerge, Kürbisse mit feixenden Gesichtern und gekrönten Frösche auf den Stufen, Simsen und Sideboards schrien förmlich heraus, wie unglücklich die Frau war, die hier wohnte. All das, aber auch die Tatsache, dass mein Freund sich in dieser infantilen Flauschigkeit ausruhte, war am Ende der Grund für unsere Trennung.“

Dieser Text wurde von einer Leserin verfasst, die hier nicht namentlich genannt werden will. Ihr Name ist der Redaktion aber bekannt.