„Als er sich wieder treffen wollte, bin ich abgetaucht“

Andere zu „ghosten“, ist im digitalen Zeitalter einfach. Aber haben Ghosts kein schlechtes Gewissen?
Von Lara Thiede

Illustration: Julia Schubert

Triggerwarnung: In diesem Text kommen Vergewaltigung und Suizidabsicht vor.

„Ich mache nicht mal vor meiner eigenen Familie Halt“, sagt Sissi. Ghosting, also der plötzliche Kontaktabbruch auf sämtlichen Netzwerken, ist zum Verhaltensmuster der 33-Jährigen geworden. Immer wieder und manchmal völlig ohne Erklärung antwortet sie ihren Bekannten, Verwandten, Freund*innen oder potenziellen Partnern nicht mehr. Nie mehr. Zuletzt war das nach einem Date der Fall. „Es war eigentlich total nett mit dem Mann, wir saßen sechs Stunden zusammen und hatten Spaß. Aber als er sich wieder treffen wollte, bin ich abgetaucht, ging nicht ans Telefon, reagierte auf keine seiner Nachrichten.“

Die Journalistin Tina Soliman stuft dieses Kommunikationsverhalten als mittlerweile typisch für unsere Zeit ein. Sie beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema, für ihr Buch „Ghosting – Vom spurlosen Verschwinden des Menschen im digitalen Zeitalter“ hat sie mit Hunderten Ghosts und Geghosteten gesprochen. Sie sagt: „Ghosting ist geradezu epidemisch geworden. Für viele Menschen ist es das einfachste Tool, sich aus Beziehungen zu ziehen, die sie nicht mehr weiterbringen.“

Plötzliche Kontaktabbrüche gab es zwar schon vor SMS und Whatsapp-Calls, doch durch die digitale Kommunikation sind sie häufiger geworden. 2015 wurde der Begriff „Ghosting“ sogar in den Collins, eines der wichtigsten englischen Wörterbücher, aufgenommen. Besonders im Online-Dating ist das Phänomen bekannt: Die Auswahl an potentiellen Partner*innen ist dort so groß, dass viele sich bei schwindendem Interesse nicht mehr die Mühe eines echten Abschieds machen und stattdessen direkt weiterziehen. Doch auch Freundschaften und feste Beziehungen werden mittlerweile durch Ghosting beendet.

Die Verlassenen leiden oft stark unter dieser Form des Kontaktabbruchs, wie Solimann erklärt: „Viele verstehen einfach nicht, warum der Andere nicht mehr reagiert. Für sie kommt das aus dem Nichts.“

„Nach fünf Jahren Beziehung hatte er sich nicht verabschiedet“

So ging es wohl auch Romans Ex-Freundinnen. Drei von ihnen hat der mittlerweile 23-Jährige geghostet. Die erste hörte einfach nichts mehr von ihm, nachdem er zum Highschool-Jahr in die USA gegangen war. „Ich war jung und hab mich irgendwie besonders gefühlt, weil ich in den USA war und sie noch im alten Trott. Alles hat sich verändert, alles war spannend. Da hatte ich schlicht keine Lust, meiner Freundin zu schreiben. Ich hab durch das Ghosten quasi Energie gespart.“ 

Zehn Monate später kam Roman aus den USA zurück nach Deutschland und ließ wieder eine Freundin zurück. Während sie einen Studienplatz in Deutschland suchte, um die Beziehung zu retten, hatte er sich bereits vorgenommen, sie zu ignorieren, sobald er am Münchner Flughafen ankäme. „Sie wollte ihr Leben für mich umwerfen – aber ich mich einfach noch nicht festlegen“, erklärt er. Und tatsächlich: Sie schrieb ihm in den Tagen und Wochen nach seiner Ankunft etwa 50 Nachrichten, war verzweifelt. Doch Roman meldete sich nie bei ihr zurück. Selbst dann nicht, als er über gemeinsame Freunde erfuhr, dass sie überlege, sich umzubringen. „Ich hätte auch gar nicht gewusst, was ich da hätte tun können“, erklärt er.

Ghosting: Warum meldet sich meine beste Freundin nicht mehr? | Wie finde ich Freunde? Folge 2

Vielen Geghosteten setzt das plötzliche Verschwinden eines wichtigen Menschen laut Soliman psychisch stark zu. Sie verstünden den Kontaktabbruch als Angriff auf ihre eigene Identität: „So ging es auch einer Frau, die ich kennengelernt habe. Sie kam eines Abends nach Hause und ihr Partner war ausgezogen, seine Handynummer abgemeldet, das Bankkonto gesperrt. Nach fünf Jahren Beziehung hatte er sich nicht verabschiedet.“ Offenbar hatte der Mann sein Verschwinden monatelang geplant – aber niemanden eingeweiht.

„Ghosting ist für mich reiner Selbstschutz“

Haben Ghosts denn kein schlechtes Gewissen, ihre Mitmenschen einfach so aus ihrem Leben auszuschließen? Doch, sagt Sissi. „Aber das schlechte Gewissen ist nicht so schlimm, als dass ich es über mein eigenes Wohlbefinden stellen würde.“ Sissis Ghosting ist wohl das, was man pathologisch nennen würde. Nach schweren Traumata hat sie Probleme, andere Menschen an sich heranzulassen. Sie wurde bereits als Kind sexuell missbraucht, vor einigen Jahren wurde sie wieder Opfer einer Vergewaltigung. „Mir kommen Menschen einfach zu schnell zu nah. Besonders bei Männern kann ich damit nicht umgehen. Ghosting ist für mich reiner Selbstschutz.“ 

Tina Soliman ist sich sicher: Hinter fast jedem Ghost steht eine Geschichte, die sein Verhalten erklärt. „Fast immer rührt Ghosting von einer Verletzung her – oder daher, dass man es nicht anders gelernt hat.“ Roman hat selbst noch keinen Zusammenhang hergestellt, aber antwortet auf Nachfrage: „Kontaktabbrüche gibt es in meiner Familie viele. Meine Eltern haben kaum mehr Kontakt zu Verwandten – obwohl es davon viele gäbe.“ Oft, so sagt Soliman, seien Ghosts besonders beziehungsängstlich – und ghosten daher immer wieder.

Aber es gibt eben auch viele Menschen, die einfach aus Nachlässigkeit oder Faulheit ghosten. Das erzählt auch der 22-jährige Adam über sich: „Ich hatte ein paar Mal einen Typen gedatet und wusste schnell: Der will mehr als ich.“ Also reagierte Adam einfach nicht mehr auf Kontaktversuche des Mannes – bis der irgendwann bei seinem Arbeitsplatz aufkreuzte und aufgebracht eine Erklärung forderte. „Ich hab ihn dann beschwichtigt und meinte, ich würde mich bei ihm melden. Das hab ich dann aber nie. Teils, weil die Aufgabe so unangenehm war, dass ich sie vor mir hergeschoben habe. Aber ich hab es oft auch einfach vergessen.“ 

Was für viele wegen der kurzen Beziehungsdauer der beiden wie eine Lappalie klingt, könnte den Geghosteten allerdings schwer getroffen haben. Denn, so erklärt es Soliman, der oder die Verlassene hat bei kurzen Beziehungen oft nur die beste Seite des Ghosts gesehen, noch keine Alltagsprobleme mit ihm durchgemacht, sich Luftschlösser aufgebaut – und wird sich daher noch lange fragen: „Was wäre gewesen, wenn … ?!“

„Die meisten machen das ja aus Angst – und für Angst kann man nichts

Die verschiedensten Menschen ghosten also aus verschiedenen Gründen – und doch fällt Soliman auf, was sie gemeinsam haben: „Ghosts scheuen oft Konflikte, wollen aber gleichzeitig nicht zu viel Energie verschwenden für Kontakte, die ihnen nichts bringen. Sie suchen rastlos nach etwas oder jemand noch Besserem. Oft sind sie sogar hoffnungslose Romantiker, die an die ultimative Beziehung glauben.“ Schlechtere Menschen seien sie aber auf keinen Fall, wie Soliman betont. „Die meisten machen das ja aus Angst – und für Angst kann man nichts. Sie werden außerdem selbst nicht zufrieden, viele vereinsamen durch das Ghosting.“

Sissi ist zwar nicht ganz alleine, sie hat eine Mutter und ihre Kinder, tauscht sich im Alltag mit vielen Menschen oberflächlich aus. Aber sie würde sich mehr tiefgehende Kontakte wünschen: den perfekten Partner für sich selbst, eine Freundin, mit der sie reden kann. „All das könnte ich haben. Menschen mögen mich, tolle Männer finden mich attraktiv. Aber ich verbaue es mir selbst.“ Sie hofft, eines Tages wieder vertrauen zu können.

Roman belastet sein Ghosting nicht besonders. Inzwischen ist ihm zwar bewusst, dass er sich seinen Ex-Freundinnen gegenüber nicht fair verhalten hat. Aber ohne darüber reden zu müssen, fallen ihm Abschiede am Ende doch immer leichter. Er sagt deshalb: „Ich denke, ich werde wieder ghosten. Es hat sich für mich einfach bewährt.“ Bei seiner letzten Partnerin lief es gut damit: Die beiden ghosteten sich zeitgleich. „Wir waren sozusagen das perfekte Match.“

(Dieser Text ist in inhaltlicher Zusammenarbeit mit Die Frage entstanden, einem Format von funk.)

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