Hallelujah, Weihnachten fällt aus!

Für unsere Autorin ist es eine Erlösung, einmal auf das Fest verzichten zu können.
Kommentar von Luisa Thomé
lasst weihnachten ausfallen cover

Collage: Daniela Rudolf-Lübke / Foto: cookie_studio / freepik

Das Familien-Raclette bleibt dieses Jahr aus. Und das ist gut so. Denn das Narrativ der christlich-allheiligen Harmonie unterm Baum ist nicht nur verstaubt, es entspricht auch nicht der Realität. Zumindest nicht für jede*n.

Für viele bedeutet Weihnachten nämlich: in alte Strukturen zurückfallen, Geldsorgen schöntrinken, die Liebe verstecken, Gendern verteidigen, Mama vermissen, die Umarmung des Onkels ertragen, belächelt werden, sich klein fühlen, aushalten. Mehr als ein Drittel der Deutschen bezeichnet sich als nicht christlich. Jedes 16. Kind hat nur noch ein oder gar kein Elternteil mehr. Schätzungsweise jede*r siebte bis achte Erwachsene in Deutschland wurde in der Kindheit sexuell missbraucht oder körperlich misshandelt – oft von der eigenen Familie. Und jede*r hat diesen einen „Ismen“- Opa mit zu viel Redeanteil.

Es ist also keine Staatskrise, sondern eine Erlösung, dieses Jahr nicht Weihnachten feiern zu müssen. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Es sei jenen gegönnt, die feiern wollen. Es sei nur auch denen gegönnt, die es endlich einmal ausfallen lassen können. Und zwar einfach so: ohne Vorwürfe von Mutti, ohne fadenscheinige Ausrede, ohne Kampf, ohne Bauchschmerzen. Einfach, weil Corona ist.

Es ist denjenigen zu gönnen, die Weihnachten gar nicht feiern und den christlichen Wahnsinn trotzdem mitmachen. Denjenigen, die keine Familie haben und daran jedes Jahr schmerzlich erinnert werden, wenn es darum geht, bei wem sie sich diesmal auf dem Christbaumfoto dazu stellen. Und denjenigen, die eine Familie haben, aber nicht mit ihr feiern wollen, weil ihre Familie eine Belastung ist.

Merry Corona-Christmas!

Für all diejenigen bringt die zweite Welle bei all den schlechten Nachrichten auch etwas Positives mit sich. Denn jetzt können sie endlich das machen, was sie sich jedes Jahr insgeheim wünschen: Pyjama an, aufs Sofa, Topf Eiscreme und eine Schnulze auf Netflix. Und das Beste ist: Es fällt nicht nur niemandem auf, sie tun damit auch noch etwas Gutes. In diesem Sinne: Merry Corona-Christmas!

  

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