Jungs, warum habt ihr so wenig Geschirr?

Seid ihr zu faul, es euch zu kaufen – oder einfach zu geizig?
Von Tami Holderried und Raphael Weiss

Gähnende Leere oder hässlicher Ramsch – die Küchenschränke von Jungs sind ein trauriger Anblick.

Foto: Nordreisender / photocase.de; Illustration: jetzt

Liebe Jungs,

vor kurzem sind mein Freund und ich zusammengezogen. Seine Handtücher wurden somit auch meine Handtücher, meine Bücher auch seine Bücher und seine Bettwäsche auch meine Bettwäsche.

Mein Geschirr wurde dabei auch zu seinem Geschirr – und nicht umgekehrt. Denn was mein Freund an Geschirr aus seiner alten WG mitgebracht hat, ist naja, übersichtlich: eine ausgeblichene Tasse mit Werder-Bremen-Logo, ein geklauter Moet-Kelch und eine Käsereibe. Das liegt zum einen daran, dass ich geschirrtechnisch ziemlich gut ausgestattet bin und der Platz in Münchner Wohnungen begrenzt ist. Vor allem aber liegt das daran, dass er einfach fast kein Geschirr besitzt.

„Weil immer wieder Teile kaputtgingen, wurde aus wenig immer weniger“

In der Männer-WG, in der er vorher gelebt hat, gab es einen winzigen Geschirrschrank. Das Geschirr der drei Jungs war eine Wundertüte aus Überbleibseln ehemaliger Mitbewohner, Geschenken von Ex-Freundinnen, im betrunkenen Zustand geklauten Sektgläsern und Werbegeschenken von Karrieremessen an der Uni. Niemandem schien irgendwas davon wirklich zu gehören. Und weil immer wieder Teile kaputtgingen, wurde aus wenig immer weniger.

Die meisten meiner männlichen Freunde leben so: Entweder sie haben überhaupt kein eigenes Geschirr und benutzen eben das, was vom Vormieter vergessen wurde. Oder sie haben eine Tasse, zwei Gläser und gerade genügend Teller für ein Essen für zwei Personen.

Das ist natürlich kein Problem. Aber der Unterschied zu meinen Freundinnen ist schon ziemlich interessant. Denn ihre Küchenschränke sind alle ausgestattet wie die Vorzeige-Küche im Ikea-Katalog – tiefe Gläser, hohe Gläser, kleine Teller und große Teller, Müslischalen, Espressotassen, Kuchengabeln und Latte-Macchiatto-Löffel. Alles da. Kaum waren sie von Zuhause ausgezogen, konnten die Frauen in meinem Freundeskreis schon eine ziemlich komplette Ausstattung an (oft farblich abgestimmten) Geschirr ihr Eigen nennen.

Seid ihr Marie-Kondos oder einfach nur geizig?

Ich kann das verstehen. Ich finde, dass Geschirr in einer Wohnung eine große Rolle spielt. Essen und Trinken schmeckt nämlich sehr viel besser, wenn man es aus schönen Behältnissen isst oder trinkt. Ich liebe Kaffee aus meinen eierschalenfarbenen Tassen und Nudeln aus meinen tiefen Tellern mit hellblauem Rand. Spritz schmeckt am besten im Sommer auf dem Balkon und vor allem aus den bauchigen Weingläsern, die ich mir selbst zum Auszug von Zuhause geschenkt habe. Und außerdem bin ich sehr faul, was das Spülen angeht. Meine Geschirrausstattung muss mindestens für dreimal Essen reichen.

Also, liebe Jungs, warum seid ihr beim Geschirr so schwäbisch? Oder ist es nicht der Geiz, sondern viel eher reiner Minimalismus und eigentlich seid ihr ganz Marie-Kondo-mäßig-glücklich damit? Seid ihr zu faul, euch Geschirr zu kaufen und damit umzuziehen – oder seid ihr einfach zu knauserig? Erklärt mal, Jungs: Warum habt ihr so wenig Geschirr?

Eure Mädchen

PS: Jetzt wo ich so drüber nachdenke – die Tassen in der Ex-WG meines Freundes, zu denen die coolsten Geschichten gehörten, vermisse ich schon ein bisschen. 

Die Jungsantwort:

Liebe Mädchen,

auch ich bin vor einigen Monaten mit meiner Freundin zusammengezogen und was ich an Geschirr so mitgebracht habe war ... überschaubar. Fünf Marmeladenlöffel, die mir meine Mutter aus irgendwelchen Gründen vor zehn Jahren zum Auszug mitgegeben hat, zwei gute Kochmesser, zwei Tassen, über die sich meine Freundin eher mittelmäßig freut, uuuuuuuund – das war’s. Wo ich jetzt darüber nachdenke: Es waren drei Tassen, aber meine Fußballtasse ist auf unerklärliche Weise verschollen!

Auch in meiner alten Jungs-WG war das Geschirr eine willkürliche Ansammlung: Sachen, die auf der Straße zum Verschenken lagen, Flohmarktfundstücke, Werbegeschenke und die Geschirrstücke, die ehemalige Mitbewohner zu hässlich fanden, um sie in die neue Wohnung mitzunehmen. I’m looking at you, kackbrauner Teller mit Sprung, der zu groß für die Spülmaschine war.

„Um zu geizig zu sein, müssten wir erst einmal wissen, was Geschirr überhaupt kostet“

Den Verdacht, dass wir zu geizig seien, um uns gutes Geschirr zu kaufen, kann ich relativ leicht entkräften. Denn um zu geizig zu sein, müssten wir erst einmal wissen, was Geschirr überhaupt kostet. Vielleicht sind wir als WG einmal beim Einzug zusammen ins Möbelhaus gefahren, um uns eine Garderobe, einen Vorleger für die Toilette und eine Küchenlampe zu kaufen. Vielleicht haben wir da auch drei, vier neue Teller gekauft. Aber um uns groß Gedanken über Design und Preis zu machen, waren wir schon viel zu erschöpft von dem grellen Licht, der endlosen Auswahl an Duschvorhängen und diesem penetranten Geruch, der Mischung aus Sperrholz, Köttbullar-Soße und Vanille-Duftkerzen.

Es ist nun mal so: Geschirr ist ein Gebrauchsgegenstand. Da gibt es in einer Jungs-WG kein meins und deins. Da gibt es nur sauber und nicht sauber – und manchmal „joa, sauber genug“. Sobald ein Geschirrstück einmal in der WG gelandet ist, wird es von ihr verschluckt, ist für immer darin gefangen und wird erst erlöst, wenn es auf irgendeiner Party runterfällt und kaputtgeht. Teures Geschirr wäre eine Riesenverantwortung, die niemand übernehmen möchte.

Ja, teures Geschirr ist sogar ein potenzieller Streitfaktor, der das friedliche WG-Leben stören würde. Wer hat schon den Nerv, sich anzukacken, weil „DIE TELLER MIT DEM GOLDRAND DOCH NICHT IN DIE SPÜLMASCHINE KOMMEN! ZUM 1000. MAL!“ Oder beim Auszug eines Mitbewohners Sätze zu sagen wie: „Du, diese Blümchen-Tasse, die du da gerade eingepackt hast, die hatte ich doch mal in diesem Antiquitätenladen ... Doch, doch, da bin ich mir ganz sicher ...“.

„100 Prozent hat sich niemand Zeit genommen, um die Teller zu würdigen“

Geschirr muss für uns nicht schön sein – das Essen schmeckt ja trotzdem. Es muss nur folgende Kriterien erfüllen: Auf die Teller muss eine Tifekühlpizza so passen, dass sie nicht auf dem Rand liegt und man sie beim Schneiden nicht hin- und herschieben muss. Und es gibt nur ein wirklich akzeptables Glas: Das 0,4-Liter-Longdrinkglas (Pokal). Ansonsten ist alles fein.

Wenn wir uns zum Essen treffen, dann ist das meistens mit irgendeiner Aktivität verbunden, wahlweise Vortrinken und irgendetwas vor dem Fernseher. Ich stand einmal vier Stunden in der Küche, um für meine Freunde zu kochen – wir hatten uns zum Fußballschauen verabredet. 15 Minuten nach dem Anpfiff war schon alles weg und zu 100 Prozent hat sich während des Schlingens niemand Zeit genommen, um die Teller anzuschauen, auf dem ich das Essen „serviert“ hatte.

Aber ja, wie gesagt, die Zeiten der Jungs-WG sind mittlerweile vorbei. Die Billig-Gläser und die Pizzateller sind dortgeblieben und ich habe tatsächlich das erste Mal schönes Geschirr gekauft. Wahnsinn, wie teuer das ist ... Und mittlerweile gebe ich euch recht. Das Essen schmeckt wirklich ein Stück besser, wenn es schön angerichtet ist. Und es macht auch deutlich mehr Spaß, vier Stunden lang in der Küche zu stehen, wenn das Drei-Gänge-Menü mehr Aufmerksamkeit bekommt als eine Tüte Erdnussflips. Ich mach mich jetzt trotzdem mal auf die Suche nach meiner Fußballtasse.

Eure Jungs

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