Jungs, warum kauft ihr euch keine Blumen?

Sollen wir euch einfach mal einen Strauß mitbringen?
Von Nele Spandick und Kolja Haaf

Blumen als Deko – bei Männern eher selten gesehen. Wieso eigentlich?

Foto: Photocase Bearbeitung: jetzt

Liebe Jungs,

bei uns fing das irgendwann mit Anfang 20 an: Wenn wir an einem Blumenladen vorbeigehen, neigt sich unser Blick sehnsüchtig zu den bunten Tulpensträußen, langstieligen Sonnenblumen und rosa Pfingstrosen. Freundinnen mit frischen Blumen auf dem Küchentisch beeindrucken uns, weil sie ihr Leben im Griff haben (auch, wenn sich in ihrem Schlafzimmer die Wäsche häuft und im Badezimmer Haare den Abfluss verstopfen). Was Daydrinking für die Tagesgestaltung ist, sind Blumen für die Raumgestaltung: das ultimative Sich-etwas-gönnen. Wer sich Blumen kauft, gibt viel Geld für Dekoration aus, die nach einer Woche dahin ist. Das ist eigentlich unvernünftig und gerade deshalb so wunderbar. Wenn wir uns selbst Blumen kaufen, dann machen wir Fotos, schicken sie in unsere Familien-Whatsapp-Gruppe und zeigen unseren Eltern, dass wir endlich groß sind. Oder wir posten sie auf Instagram und präsentieren der Welt, dass wir einen guten Geschmack und viel Zeit für Vasen-Shopping auf Flohmärkten haben.

Sind Blumen für euch nur eine billige Romantik-Geste oder das einfachste Muttertagsgeschenk?

Euer Instagram-Feed sieht anders aus. Keine Sträuße in Vintage-Vasen weit und breit. Und in euren Wohnungen können wir die auch nicht finden. Wieso? Klar gibt es da die Klischees von der undekorierten Männerbude und dem fehlenden Sinn für Ästhetik, aber wenn wir uns eure Wohnungen angucken, sehen die gar nicht so klischeehaft aus. Auch bei euch hängen Bilder an den Wänden, stehen Kerzen auf dem Tisch und manchmal kümmert ihr euch auch liebevoll um Monstera, Sukkulenten und Kakteen. Nur Schnittblumen findet man wirklich nie.

Auch als Geschenk sind sie für euch anscheinend keine Option. Zumindest nicht für andere Jungs. Wenn wir zu einem Geburtstag eingeladen sind, weicht die obligatorische Flasche Alkohol immer häufiger dem Blumenstrauß. Währenddessen kauft ihr zwar auch keinen Billig-Wodka mehr, aber dafür eben den edlen Bio-Gin aus der Hinterhofdestillerie in Kreuzberg. Warum keine Blumen? Sind die für euch nur eine billige Romantik-Geste oder das einfachste Muttertagsgeschenk, wenn euch nichts kreativeres einfällt? Wie wäre das für euch, wenn ein Freund, eine Freundin oder Verwandte einen Blumenstrauß als Gastgeschenk mitbringen würde?

Bitte sagt doch mal, findet ihr Blumen einfach nicht schön? Findet ihr sie unnötig? Oder würdet ihr euch sogar freuen, wenn wir euch einen Strauß Blumen schenken, der eure Wohnung aufhübscht? Wenn ja, würden wir nämlich gerne beim nächsten sehnsüchtigen Blick in die Blumenauslage etwas für euch aussuchen.

Eure Mädchen

Illustration: Dirk Schmidt

Die Jungsantwort:

Liebe Mädchen,

beim Nachdenken über eine Antwort auf eure Frage schweift mein Blick verträumt durchs Zimmer: Bilder an der Wand, nie gelesene Bücher im Regal, unzählige Flaschen Bio-Gin aus der Hinterhofdestillerie in Kreuzberg und da, etwas versteckt zwischen zwei Topfpflanzen auf der Fensterbank: ein runzliges, längliches Etwas, ein verdorrter Oktopusarm, der aus einer leeren Oranginaflasche schaut. Rittersporn? Fingerhut? Man müsste einen Archäologen fragen. Trotzdem kann man mit einiger Gewissheit behaupten: Das Ding war mal eine Blume. Soll heißen: Auch Männer leben nicht immer ein völlig blumenfernes Leben. Was aber auch stimmt, ist, dass ich keine Ahnung habe, woher die Gute kommt, seit wann sie da steht und wer sie mir gegeben hat. Und ja, wenn ich raten müsste, würde ich definitiv auf eine Frau tippen.

An dieser Stelle vielleicht eine kleine Kulturgeschichte der Blume (bedeutungsschweres Räuspern, Hornbrille zurechtrücken). Also. Wikipedia sagt: Im antiken Griechenland wurden jungen Frauen Blumen geschenkt, um ihre Schönheit zu preisen, ähnlich wie bei den Germanen, die ihre Frauen für Hochzeiten und Fruchtbarkeitsfeste mit Blumen bestückten. Seit der Renaissance wurden der Brautstrauß und der Blumenstrauß für die Angebetete üblich. Zu viktorianischen Zeiten gab es sogar eine eigene Blumensprache, mit der eben „durch die Blume“ geschäkert wurde. Hornbrille wieder ab.

Blumen assoziieren wir erstmal ziemlich stark mit Kitsch

Die Blume ist also schon seit längerem eher flirty, eher weiblich konnotiert (haben Blumenblüten nicht oft auch eine gewisse Ähnlichkeit mit Vulven?). Und da wir (hetero-) Männer eine panische Angst davor erlernt haben, in irgendeiner Form als weiblich zu gelten, insbesondere vor anderen Männern – naja, daher der Gin als Geschenk. Das wäre die wohl naheliegendste Erklärung.

Dann die Sache mit der Romantik. Ja, Blumen assoziieren wir erstmal ziemlich stark mit Kitsch. Üppig schmachtende Rosamunde-Pilcher-Bouquets, er-liebt-mich-er-liebt-mich-nicht-Gänseblümchen, aufdringliche Vier-Euro-Rosen abends in der Kneipe. Deshalb ist da auch eine gewisse Furcht vor der anzüglich augenzwinkernden Natur der Blume. Sie ist für uns beinahe auf der gleichen Stufe wie ein „Willst du mit mir gehen? Ja o Nein o Vielleicht o“-Briefchen.

Deshalb hier der Appell: Free the Blume!

Blumen als Innendeko sind vielen von uns auch grundlegend suspekt. Nicht nur wegen des Unvernunfts-Aspekts, sondern vor allem, weil sie für viele Männer die Chlorophyll-gewordene Spießigkeit verkörpern: Pastell-Töne, Biedermeier-Bürgertum, wohlig-warme Häuslichkeit. Wenn ihr emsig bienenhaft eure gezielt verträumt ausschauenden Wiesenblümchen oder Apfelblütenzweigchen in leeren Marmeladengläschen herrichtet, dann kann es passieren, dass dem ein oder anderen von uns ein eisiger Schauer den Rücken runterläuft. Viele Männer sehen da eine gruselige Ähnlichkeit mit kleinen Mädchen, die mit ihren Puppen Kaffee-und-Kuchen spielen, um sich spielerisch auf ein Leben als respektable Hausfrau vorzubereiten. Brrr.

Obacht: Es versteht sich natürlich von selbst, dass es auch blumophile Jungs gibt und Frauen, denen nichts ferner liegt, als mit ihren Marmeladengläsern ein konservatives Idyll heraufzubeschwören.

Trotzdem – die Blume schleppt, zumindest in unseren Köpfen, einen gewaltigen kulturellen Ballast mit sich rum. Was eigentlich ziemlich ungerecht ist. Sie ist ja so fragil. Andere Pflanzen könnten deutlich mehr tragen. Laubhölzer zum Beispiel. Ja, doch. Wir müssen diesen Ballast endlich abbauen. Denn Blumen sind letztlich einfach nur Grünzeug, das halt ziemlich gut aussieht. Es ist ihr Job. Es gibt keinen Grund, sich wegen irgendwelcher ungerechten Vorurteile und albernen Männlichkeitsgehabes nicht an diesen hübschen bunten Kräuseldingern zu erfreuen. Deshalb hier der Appell: Free the Blume! #freetheblume #dontgenderflowers #allflowersarebeautiful #exceptforstiefmütterchen #they'reuglyasfuck

Eure Jungs