Der Satz „Entspann dich mal!“ bewirkt genau das Gegenteil

Er macht mich rasend.
Von Lara Thiede
entspann dich cover
Illustration: Daniela Rudolf

Es ist ein Satz, den jede*r schon mal gehört hat. Gleichzeitig ist es ein Satz, den niemand hören will: „Entspann dich mal!“ Was soll diese Aufforderung überhaupt bezwecken? „Dass du dich entspannst“, würde der Oberschlaumeier erwidern, der mir den Satz gerade hingeschmissen hat wie einem Hund ein Stück Fleisch. Erwartungsfroh, als sollte und würde ich mich jetzt daran laben. Als sei „Entspann dich mal“ viel mehr als nur eine freche Aufforderung. Die Lösung nämlich, der Schlüssel zur Gemütsregulation.

Dabei möchte ich mich nach diesem Satz noch mehr aufregen, als ich es vorher angeblich schon getan habe. Denn dieser Satz kommuniziert so viel Hohn, dass er eigentlich schon längst aus unserem Alltags-Vokabular verbannt gehört. Denn „Entspann dich mal“ meint: „Hey, du wilde, hysterische Furie. Alles ganz easy, ganz locker.“ Die Aufforderung in drei Worten ist schlicht dazu da, sich selbst auf- und den anderen abzuwerten.

Erhöht wurde durch den Spruch: der Mensch, der „Entspann dich mal“ rät. Er selbst ist natürlich super chill und super fly, alles cool bei ihm. Er weiß halt, wie man’s macht; was wichtig ist, was nicht.

Entwertet wurde: ein Mensch, der sich mal entspannen soll, weil er gerade vor allem Stress- und Nervfaktor ist. Der TOTAL übertreibt, wo doch alles so voll easy ist und man sich sowas von keine Sorgen machen muss.

Vielleicht, liebe „Entspann dich mal“-Benutzer*innen, habt ihr hin und wieder sogar recht. Vielleicht seid ihr im Moment des Gebrauchs dieses Satzes tatsächlich mit einem Menschen konfrontiert, der aus (euch) unerfindlichen Gründen unfassbar aufgeregt ist – und daher selbst anstrengend wird.

Oft genug steht hinter dieser Aufregung aber eben etwas Reales. Etwas, das ihr womöglich nicht wahrnehmt, die andere Person aber schon. Denkt ihr beim Aussprechen des Satzes „Entspann dich mal“ denn nicht an diese Möglichkeit? Dass euer Gegenüber nicht vollkommen grundlos wütend oder besorgt ist? Dass euch stattdessen in diesem Moment einfach nur das Vorwissen oder gar das Mitgefühl fehlen könnte, um den Grund zu erkennen? Vermutlich nicht.

Und trotzdem nehmt ihr euch heraus, die Situation zu be- und entwerten, anstatt zu fragen: „Was ist gerade das Problem?“ oder auch „Warum regst du dich eigentlich so auf?“. Nachfragen würden zumindest Interesse an einer gemeinsamen Problemlösung, an einem Austausch signalisieren. Die Aussage „Entspann dich mal“ dagegen sagt schlicht nur, was ihr gerade von dem Verhalten des Gegenübers haltet: dass es aufhören muss. Ganz ohne euch dafür zu interessieren, was im anderen Menschen vorgeht.

Es ist ein einfacher Versuch, die Situation umzudrehen

Ihr setzt mit eurem Satz die Grenze, legt fest: „Diese Emotion ist im Rahmen und diese nicht.“ Ob der oder die andere nun findet, dass Entspannung gerade angemessen wäre oder nicht – egal. Hauptsache, ihr sagt ihm*ihr, wie er*sie sich zu fühlen hat.

Richtig wütend macht der Satz dann, wenn es überhaupt erst der „Entspann dich mal“-Befehler oder die -Befehlerin war, der oder die die Aufregung verursacht hat. Aus Erfahrung würde ich sagen, dass der Satz sogar am Allerhäufigsten in derartigen Situationen fällt. Wer andere hat warten lassen und dann zurechtgewiesen wird: „Entspann dich mal.“ Wer die Hausarbeit ständig Mitmenschen überlässt und darauf hingewiesen wird: „Entspann dich mal.“ Wer fremdgeflirtet hat: „Entspann dich mal.“

Es ist ein einfacher Versuch, die Situation umzudrehen: Plötzlich ist man selbst nicht mehr das Problem – sondern die „Unentspanntheit“ des Gegenübers. Mitschwingt die Forderung, das Fehlverhalten doch einfach zu übersehen, und das Lockmittel, durch das Tolererieren des Fehlverhaltens als ausgeglichenerer Mensch wahrgenommen zu werden. Dabei bestimmt die Tragweite von Fehlverhalten eben nicht die Person, die sich selbst falsch verhalten hat. Sondern diejenigen, die darunter leiden. Es ist daher natürlich vollkommen legitim, manchmal sauer zu sein. Das muss das Gegenüber gegebenenfalls aushalten – und nicht mit einem einzelnen Satz abbügeln wollen.

„Entspann dich mal“ hat nichts Deeskalatives an sich

Passionierte „Entspann dich mal“-Sager*innen finden diesen Text vermutlich übertrieben. Sie finden, dass man „hysterische“ Menschen halt auch mal zurück auf den Boden der Tatsachen holen muss. Vielleicht ist das auch so. Vielleicht brauchen die tatsächlich jemanden, der ihnen sagt, dass manches einfach nicht so wild ist.

Dafür allerdings gibt es auch noch andere mögliche Sätze. Solche, die positiver formuliert sind und daher sogar tatsächlich positive Wirkung haben könnten: „Ich würde mir darüber nicht so viele Sorgen machen, das wird schon“ zum Beispiel. Oder: „Die Aufregung ist es nicht wert“. Aber „Entspann dich mal“ ist von oben herab formuliert, mit jeder Menge Kritik am Gegenüber. Somit hat dieser Satz wirklich rein gar nichts Deeskalatives an sich.

Der Satz beweist lediglich, dass der Mensch, der ihn ausspricht, nicht willens ist, sich mit den Emotionen des Gegenübers auseinander zu setzen. Dass er andere nur solange ausstehen kann, wie sie negative Gefühle, Ängste, Sorgen, Aufregung abstellen. „Entspann dich mal“, sagt er also, weil er vermutlich findet: Unentspannte Menschen sind nervige Menschen. Dabei scheint er nur leider zu vergessen, dass es jemanden gibt, der noch nerviger ist: Ein Mensch, der anderen sagt, wann sie sich zu entspannen hätten.

Dieser Text wurde zum ersten Mal am 23. Juli 2018 veröffentlicht und am 1. Oktober 2020 noch einmal aktualisiert.

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