Warum nicht immer alles viben muss

Vibes sind überall – in unseren Feeds, unseren Gesprächen, unserem Alltag. Was bedeutet was eigentlich?
Foto: halayalex / Freepik

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

    

Vibt? Vibt nicht? In Situationen, die uns ein gutes Gefühl geben, sprechen wir von „Good Vibes“. Wir checken im Raum „den Vibe“, bevor wir entscheiden, ob wir den Abend auf einer Party verbringen. Und falls wir uns überraschend schnell mit einem Fremden verstehen, „viben wir instant“. „Vibes“ sind allgegenwärtig. Allein auf Tiktok finden sich 66 Milliarden Videos, die mit dem Hashtag #vibe hochgeladen wurden. Knapp sieben Milliarden hat der Hashtag #vibecheck. Es existieren auf der Plattform fast so viele Videos, in denen Vibes gecheckt werden, wie Menschen auf diesem Planeten. Aber was ist ein „Vibe“ eigentlich? Und warum dient er mittlerweile als Argument für alles?   

Wenn wir von einem Vibe oder dem Plural Vibes sprechen, meinen wir meist so ein Gefühl, eine Stimmung, die jemand oder etwas in uns hervorruft. Der Begriff ist schwammig genug, um für nahezu alles genutzt werden zu können: Er soll die Ausstrahlung eines Menschen beschreiben, genauso wie die Atmosphäre in einer Situation. Außerdem soll der Vibe die „Wellenlänge“ oder die „Chemie“ meinen, die zwischen Menschen stimmen oder auch nicht stimmen kann.  

Durch das Wort Vibe werden Stimmungen, Schwingungen, Atmosphären sagbar

Es gibt also gute Gründe dafür, warum „der Vibe“ überall ist: Wer auf einen Vibe hinweist, lädt die jeweilige Situation sofort mit Spannung und Atmosphäre auf, vielleicht sogar mit Bedeutsamkeit. Möge sie auch noch so stumpf sein. Ein Beispiel: Als leere sie auf einer Baustelle einen Schubkarren vor sich aus, kippt eine Kundin Hunderte Bierdosen aus ihrem Einkaufswagen auf das Warenband. Nicht alles landet da, wo es soll. Der Supermarktkassierer protestiert, die Frau schüttet weiter. Das Tiktok der Berliner DJ Stella Bossi ist mit dem Hashtag #weekendvibes versehen. Mit ihrem Video trifft sie einen Nerv, 25 Millionen Menschen haben es inzwischen gesehen. Ohne den Hashtag #weekendvibes könnte ihr Video auch an einem Dienstagmorgen spielen, ohne #weekendvibes würde man ihre Einkaufsliste vielleicht sogar als Sucht interpretieren. Erst mit dem Verweis auf die besonderen Vibes am Wochenende bekommt das Tiktok die Aufbruchsstimmung eines Freitagnachmittags, an dem der nächste Montagmorgen so weit weg und Alkoholkonsum legitim erscheint. Wir lesen automatisch eigene Erinnerungen und Assoziationen an wilde Wochenenden ins Video hinein.  

Ein Vibe kann also in uns Assoziationen triggern und damit eine Stimmung erlebbar machen. Der Chef oder die Chefin betritt morgens die Kaffeeküche und die hitzigen Gespräche der Angestellten ebben plötzlich ab. Diese Stille, diese Unbeholfenheit, diese drastische Änderung des Raumklimas konnte man mit Begriffen der geschriebenen Sprache bislang kaum fassen. Jetzt aber geht es ganz leicht: Es ist ein Vibe. Vielleicht ein „Bad Vibe“, vielleicht ein „Weird Vibe“, aber es ist ein Vibe. Es ist eine Stimmung, die man spüren kann, für die aber die richtigen Worte fehlen. Ein Vibe kann helfen, die Sprachlosigkeit zu überlisten. Durch das Wort Vibe werden Stimmungen, Schwingungen, Atmosphären sagbar. 

Wer ganz im Moment aufzugehen scheint, einen intensiven, selbstvergessenen Augenblick erlebt, der „vibt“

Inzwischen gehen wir mit der Verwendung des Wortes noch weiter: Aus dem Vibe, den wir beobachten, wird eine Handlung: Wir viben. Ein Beispiel: Eine erwachsene Frau hüpft in einem Video flummiähnlich und sturzbetrunken durch ein Trampolinparadies, sie strahlt. Sie vibt. Ein anderes: Zwei Fremde begegnen sich und verfallen schnell in ein intimes Gespräch. Sie viben. Wer ganz im Moment aufzugehen scheint, einen intensiven, selbstvergessenen Augenblick erlebt, der „vibt“. Ein Zustand des totalen Jetzt, totaler Aufgehobenheit. Zeitlos, ziellos. Wer vibt, vibt. Für die Philosophin Mary Retta bedeutet viben, Zeit in Genuss zu wandeln. Und das gilt für die Person, die den Vibe offline vor der Kamera zuerst lebt, aber auch für die, die das Viben auf dem Smartphone später online nacherlebt. Auch das ist Viben: dem Viben der Anderen zuzusehen und ausgelöst durch ihr Sekundenglück selbst ein positives Gefühl zu erhaschen.      

Im Mittelpunkt dieses Zeitgeistes, dieses Lebens in Vibes, steht das Gefühl des Einzelnen. Keine Formel, keine Beobachtung, keine Argumentation, keine Messung, sondern ein Gefühl. Das bringt uns dazu, heute unsere Gefühlslage ständig zu prüfen und mit Bedeutung zu versehen. Der permanente „Vibe-Check“ nach innen und nach außen, mit sich und seiner Umwelt, drängt uns zum dauerhaften Horchen in uns selbst, zu einer Priorisierung der eigenen Gefühle vor allen anderen Kriterien, die eine Situation einordnen könnten. Und weil wir uns nur noch in Situationen aufhalten wollen, in denen der Vibe für uns „instant“ zu stimmen scheint, bekommt der Vibe übergroße Bedeutung. Der Vibe einer Situation, einer Umgebung, einer Person lässt uns über dessen Rolle in unserem Leben entscheiden. Wir suchen in ihnen den harmonischen Zustand des Vibens, den Algorithmen in unseren cozy Bubbles sonst liefern.   

In einer Welt, in der Vibes als Argument für alles gelten, wird es zu einfach, auf echte Argumente zu verzichten

Das Schwierige daran: In einer Welt, in der Vibes als Argument für alles gelten, wird es zu einfach, auf echte Argumente zu verzichten. Denn Vibes sind kein Gesprächsangebot. Das Gegenüber kann den Vibe nur akzeptieren, nie Einspruch erheben. Vibes rechtfertigen sich in sich selbst, weil das Gegenüber ja nicht spüren kann, was man selbst spürt und damit keinen Zugang zu der Wahrheit des Vibes hat. Anders als ein Argument, ist ein Vibe nicht zu kritisieren. Über einen Vibe kann man nicht streiten. Weil er subjektiv ist, kann er alles bedeuten und nichts, lässt sich nicht festmachen und nicht belangen. Ein Vibe muss nicht erklären. Er kann nur gefühlt und erlebt werden. Wer mit Vibes argumentiert, kann zwar die Freuden eines Freitagnachmittagssuffs im Supermarkt verständlicher machen, viben und diese Harmonie mit anderen teilen, aber läuft auch Gefahr, Fakten mit Feelings zu tauschen.  

„Vibt eben nicht“, das kann auch Ausrede sein für das Fehlen anderer Argumente. Eine Ausrede, die uns der Vibe leicht macht. Selbstverständlich muss niemand eine soziale Situation aushalten, die sich unsicher anfühlt, die man als bedrohlich oder belastend erlebt. Trotzdem darf ein „Vibe“ nicht allein entscheiden, mit welchen Menschen wir uns umgeben, an welchen Orten wir uns aufhalten. So sprechen nur noch die miteinander, die da sowieso immer miteinander sprechen. Der ständige Fokus auf den Vibe kann innerliche Abschottung auslösen. Das Viben als alleiniger Gradmesser einer Erfahrung kann uns zögerlich machen, mit allem, was neu und fremd ist und nicht in der ersten Minute das wohlige Gefühl in uns aufsteigen lässt, das wir beim Scrollen durch unsere Feeds spüren. Vielleicht verpassen wir so die besten Gespräche, die besten Partys, die besten Dates. Und das nur, weil wir zu ungeduldig waren. Nur, weil der Vibe auf sich warten ließ. 

  • teilen
  • schließen