Schluss mit der Impfscham!

Illustration: Angelina Bambina / Adobe Stock; Bearbeitung: jetzt

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Ein Pflaster auf einem Oberarm, der lange keine Sonne gesehen hat. Das „Vaxxie“, das Selfie, das ich nach der Covid-19-Impfung in der Kabine von mir mache, hätte ich vor ein paar Tagen noch in alle Chats gepostet, die meine Finger im Impfrausch erwischt hätten. Alle hätten den Pieks de Triomphe geschickt bekommen. Aber jetzt, als es soweit ist, entscheide ich mich dagegen. Im Warteraum des Impfzentrums lösche ich den Schnappschuss schnell, bevor der Mittfünfziger auf dem Stuhl neben mir einen Blick auf mein Display werfen kann. In meiner Blutbahn zirkuliert ein Serum, das mein Risiko, an Covid-19 zu sterben, deutlich senkt. Auch die Angst, meine Eltern anzustecken, fällt von mir ab. Ich hätte viele gute Gründe, sehr glücklich darüber zu sein, aber bin es nicht. Mir ist, als hätte ich ein Bündel Geldscheine auf der Straße gefunden und heimlich behalten. 

Verdiene ich diese Impfung als gesunder 31-Jähriger?

Denn, wenn ich ehrlich bin, schäme ich mich ein bisschen. Ich bekomme die Frage nicht aus dem Kopf, ob ich die Impfung als gesunder 31-Jähriger bereits verdiene. Ob es richtig ist, auf dem Plastikstuhl im Impfzentrum zu thronen, den Oberarm voll mit diesem wertvollen Gut, während es andere dringender bräuchten als ich. Auch wenn ich mich wie alle anderen für diesen Termin in der digitalen Warteschlange angestellt habe, bin ich unsicher, ob es richtig war, ihn anzutreten. Woher kommen diese Zweifel? Und: Wie wird man sie los? 

Als ich vergangene Woche einer Bekannten von meinem Impftermin erzählte, ging das mit der Scham los. Auch wenn sie sagte, sie freue sich für mich, war da zwischen meiner Erzählung und ihrer Reaktion eine kurze Stille. Für einen Augenblick sah ich, wie enttäuscht sie von mir war, sah in ihrem Gesicht eine Frage, die ich in den Tagen vor meiner Impfung in manchen Gesichtern las: „Darf der das?“ Manche überspielten diesen spontanen Vorwurf, aber alle wollten wissen, warum ich junger, gesunder Mann ohne Job im Pflegesektor denn schon dran sei. Und auch andere jüngere Menschen mit Impftermin spüren diesen Rechtfertigungsdruck. Die 44-jährige Musikerin Judith Holofernes etwa twitterte am Dienstag, dass sie geimpft worden sei – und ergänzte direkt: „Vorerkrankungen und so.“

Selbst im Warteraum des Impfzentrums habe ich das Gefühl, die Älteren, die keinen Impfneid haben müssten, weil sie ja offensichtlich auch schon dran sind, werfen mir diesen Blick zu, den sonst wohl nur stark alkoholisierte Väter auf dem Kinderspielplatz abbekommen.  

Alte und Kranke zuerst, das gilt weiterhin, nun gilt es aber auch, freie Termine zu nutzen

Doch der Vorwurf, der da mitschwingt, ich würde mich unsolidarisch verhalten, mich vordrängeln, hilft niemandem. Ich habe den Termin rechtmäßig gebucht, ohne „Vetterleswirtschaft“, wie man es in diesem Impfzentrum in der schwäbischen Provinz nennen würde. Die Zeiten von Impfstoff-Knappheit und Sonderkommandos, die mit abgezählten Dosen die Altenheime versorgen, liegen hinter uns. 23 Millionen Menschen sind in Deutschland geimpft, die gesamte Risikogruppe voraussichtlich schon Ende Mai. Alte und Kranke zuerst, das gilt weiterhin, nun gilt es aber auch, freie Termine zu nutzen: Ärzt*innen sagen klar, dass jede Impfung heute helfe, das Infektionsgeschehen einzudämmen. Also auch meine. Statt „Darf der das?“ sollte die Frage heute lauten: „Nützt uns das?“ Und das tut es. 

Vielen, mit denen ich über meine Impfung gesprochen haben, ging es aber offensichtlich eigentlich um eine andere Frage: Hat der das verdient? Denn selten interessierte sich jemand in den Gesprächen vor meinem Impftermin für meine Gesundheit, mein Risiko, mich mit Covid-19 anzustecken, oder meinen Vater, der zur Hochrisikogruppe gehört. Die entscheidende Information war mein Beruf. Damit war der Fall schnell klar: Als Journalist führe ich für manche keine Tätigkeit aus, die es wert ist, durch eine Impfung geschützt zu werden. Jetzt, wo diejenigen mit einem besonders hohen Risiko für eine Ansteckung oder einen schweren Verlauf überwiegend die Möglichkeit zur Impfung bekommen haben, scheinen manche die Impfung eher als Belohnung zu sehen. Und dieses Ticket in die Freiheit muss man sich bitteschön erst mal verdienen. 

Die Debatte um mobile Impfteams in Hochhaussiedlungen wie Köln-Chorweiler ist ein gutes Beispiel für diese Haltung: Während eine Inzidenz von 543,4 in den Wohnblocks die Maßnahmen begründet, ärgern sich viele in den sozialen Netzwerken drüber, dass diejenigen, die aus ihrer Sicht weniger für die Gesellschaft leisten als sie, vor ihnen dran kommen. Abgesehen davon, dass das ein absolut unsozialer Gedanke ist, widerspricht er auch dem Pragmatismus, der jetzt nötig ist, wenn die Impfkampagne möglichst effektiv sein soll. Es geht nicht darum, wer früher welche „Privilegien“ zurückbekommt, sondern darum, wie wir alle möglichst schnell aus der Pandemie rauskommen. 

Eigentlich, denke ich, als ich aus dem Impfzentrum endlich ins Freie trete, machen Neid und Scham so doch alles kaputt. Jede und jeder Geimpfte ist der nächste Etappensieg gegen das Virus. Endlich Licht am Ende des Pandemietunnels! In allen Warteräumen dieses Landes könnten DJs auflegen, wie nach einer Achterbahnfahrt im Vergnügungspark könnte man sich am Ende ein Pieks-Foto abholen und stolz daheim aufhängen. Eigentlich, denke ich, als ich meinen gerührten Vater draußen vor dem Auto stehen sehe, könnten wir uns doch mit allen freuen, die diese Scheiße hinter sich haben, mit allen, die keine Angst mehr haben müssen. Jedes Vaxxie mehr ist ein Problem weniger für die Intensivstationen. 

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