Ich schäme mich, ein Millennial zu sein

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke / Foto: Brooke Cagle / Unsplash

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Früher mochte ich die Musik von Avril Lavigne und Wodka Bull. Außerdem ganz wichtig: Status-Updates auf Facebook. Mindestens zwei Drittel meiner alten Posts sind mir heute ein bisschen peinlich. Ich bin also ein echter Millennial. Damit gehöre ich zu der Generation von 90er Kindern, denen vor zehn Jahren angeblich noch die Welt gehörte. Und jetzt? 2021 ist alles noch dramatischer als damals. Die Klimakrise hat sich verschärft, wir müssen mit einer globalen Pandemie fertig werden, die die nächste Wirtschaftskrise in die Wege leiten könnte. Und was mache ich als Millennial? Ich sorge mich mal wieder vor allem um mich selbst. Und ich bin frustriert – weil gerade eine neue Generation an mir vorbeizieht, die alles besser macht als meine. Wie konnte das passieren?

Ich hatte einen schmerzfreien Start ins Leben. Mein sehr begrenzter Kosmos war intakt, ich wurde mitten in einen großen Haufen Privilegien hineingeboren: Eltern, die mir immer wieder versichert haben, ich sei etwas ganz, ganz Besonderes. Der feste Glaube daran, ich könnte alles schaffen, wenn ich nur wollte und hart genug dafür arbeitete (Grüße gehen raus an den Kapitalismus).

Ernsthafter Verzicht passte nicht in meine materialistische Millennial-Welt

Das Internet, das für mich noch eine harmlose Parallelwelt war, die ich vor allem für deepe Emo-Selbstverwirklichung auf Tumblr und MySpace genutzt habe – das Wort Shitstorm gab es noch nicht mal. Ein bisschen Weltverbesserer-Geist, der mir ein Gefühl von Überlegenheit gab – selbst dann, wenn ich auf der Fernreise bloß fünf leere Bierdosen am Strand eingesammelt habe (#beachcleanup). Kein Wunder also, dass ich dachte, ich wäre der Mittelpunkt der Welt. Hat ja auch niemand widersprochen. 20 Jahre später frage ich mich: Was habe ich daraus gemacht? Das ernüchternde Fazit: Nichts. Denn ich hatte ja schon alles – auch materielle Sicherheit, die dieses egozentrische Weltbild erst ermöglicht hat.

Heute weiß ich: Wir Millennials sind wirklich alles, außer besonders und mit unserem halb-ehrlichen Idealismus lässt sich wenig bis gar nichts verändern. Wir werden hysterisch bei Plastikstrohhalmen und matschen im selben Atemzug die dritte Avocado der Woche in die Mittags-Bowl, weil sich das Grün so gut im Insta-Feed macht. Zu lange habe ich mich dabei auf dem Wort „Ambivalenz“ ausgeruht und so getan, als würde ich mein Bestmögliches geben, um die Welt zu retten. In Wahrheit wollte ich nur mein Gewissen beruhigen und dabei war es so leicht, auf etwas Unwichtiges wie Strohhalme zu verzichten. Ernsthafter Verzicht passte nicht in meine materialistische Millennial-Welt.

Die besteht heute fast nur aus nostalgischen Hipster-Klischees, die eigentlich der Gipfel des spießig-konservativen Bürgertums sind: Wein-Verkostungen, bei denen man sich über die Spargel-Saison unterhält, eine Altbau-Wohnung, die nur so vor Vintage Biedermeier-Möbeln trieft und eine schon fast obsessive Beziehung zu meinen Zimmerpflanzen. Und das alles, während da draußen die Welt unter unseren Füßen wegbrennt. Das alles ist mir aber erst durch den schmerzhaften Vergleich mit der Generation Z klar geworden.

Statt darauf reinzufallen, haben sie den Turbokapitalismus durchschaut

Die machen nämlich irgendwie alles besser als wir. Da gehen Fünftklässler für die Umwelt auf die Straße, da wissen Teenager, was intersektionaler Feminismus ist. Meine größte Sorge mit 16 waren Marke und Größe meiner Skinny Jeans: Jedes unerwünschte Gramm Fett an meinem Körper war katastrophal, die falsche Modemarke ein Einschnitt in die Teenager-Reputation. Ich wünschte, ich hätte damals schon erkannt, dass es viel wichtigere Dinge auf der Welt gibt. Die Gen Z wird sich zwar auch in zehn Jahren über den ein oder anderen Hosentrend ihrer Jugend wundern, sie hält sich bei entscheidenden Fragen aber nicht mehr einfach so raus, wie ich das damals getan habe.

Die Generation Z hat die Illusionen und Probleme, mit denen wir aufgewachsen sind, schon weit vor uns Millennials durchschaut. Und vor allem: Sie werden dagegen aktiv. Sie gestalten die Politik mit und lassen sich den Diskurs zu entscheidenden Lebensfragen nicht von alten, weißen Männern diktieren. Ich dagegen habe so gut wie alles geglaubt, was mir ernste, Anzug-tragende Typen in TV-Diskussionen erklärt haben.

Auch die Arbeitswelt ist für die Gen Z nicht mehr der Heilige Gral der Selbstverwirklichung: Sie wissen, dass man schnell wegrennen sollte, wenn sich Agenturen mit gratis Obstkörben und Tischkickern anbiedern, wegen „Work-Life-Balance“ und so. Statt darauf reinzufallen, haben sie den Turbokapitalismus durchschaut – als Hamsterrad, das andere ausbeutet. Bei mir kam diese Erkenntnis spät und war entsprechend schmerzhaft. Bis dahin habe ich die angeblich besten Jahre meines Lebens damit verbracht, von Obstkorb zu Obstkorb zu tingeln und stolz auf meine wachsende Überstundenliste zu sein.

Und während ich auf Social Media immer noch damit beschäftigt bin, die ohnehin schon glatt gebügelte Fassade meines Lebens noch glatter zu ziehen, ballert die Gen Y so authentisch drauf los, dass ich kaum Schritt halten kann. Auf TikTok etwa zementiert sich der Unterschied zwischen Y und Z so drastisch, dass Millennials wie eine Karikatur ihrer selbst wirken, mit Anxiety, Sideparts und Zynismus. Und bei jedem Generation-Y-Roast, den mir der Algorithmus auf meine „For You“-Page spült, muss ich zustimmend nicken. Ich fühle mich ertappt.

Wenn ich mein gekränktes Millennial-Ego aber kurz wegpacke, staune ich, mit welchem Weitblick sich die Generation Z durch die komplexe, pluralistische Gesellschaft manövriert. Wie solidarisch sie sich verhält und wie radikal sie ihre Ideen verfolgt. Daneben sehe ich als egozentrischer Millennial ganz schön alt aus. Ich fühle mich wie damals am Schulhof, als ich unbedingt so sein wollte, wie die Schüler*innen der Stufe über mir – mit dem Unterschied, dass ich jetzt, peinlich berührt von mir selbst, neidisch zu den Jüngeren schiele.

Die Gen Z hält mir und meinem bequemen Halb-Idealismus den Spiegel vor

Wahrscheinlich schäme ich mich, weil ich jetzt sehe, dass ich zu untätig war. Ich habe es verpasst, aktiver und ehrlicher zu sein. Und ich schäme mich auch, weil die Generation Z mir und meinem bequemen Halb-Idealismus den Spiegel vorhält: Jetzt muss ich erstmal damit klarkommen, dass sehr vieles, was ich als selbstverständlich gesehen habe, von einer neuen Generation hinterfragt wird. Deshalb suche ich nach Auswegen – und der schnellste ist Humor. Ich lache über jeden Seitenhieb in die Millennial-Richtung, zu dem die Gen Z in den Sozialen Medien ausholt, schaffe damit Distanz zu meiner eigenen Generation und kann sie besser reflektieren.

Um nicht Boomer-mäßig abgekanzelt zu werden, versuche ich, so aufmerksam wie möglich zuzuhören und meine Millennial-Kleingeistigkeit aufzubrechen – indem ich differenzierter an gesellschaftliche Themen herangehe, die Jüngeren sprechen lasse und mich dadurch weiterentwickle. Ich folge Aktivist*innen auf allen Kanälen, höre mir ihre Diskussionen an und merke, dass wir im Grunde alle ähnliche Ziele haben – bloß sind sie in der Generation Y unter einer dicken Schicht Hedonismus begraben. In Sachen Klimakrise, Pandemie und Wirtschaft sitzen wir nämlich im selben Boot – und da haben überdimensionierte Gen-Y-Egos wirklich nichts verloren.

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