Macht nett wieder nett!

Einfach „nett“ sein reicht nicht mehr. Dabei könnten wir alle davon profitieren.
Von Anna Sophia Merwald

Illustration: Julia Schubert

Wer nett ist, ist naiv. Nett sein bringt nichts. Nett ist die kleine Schwester von Scheiße. Zu nett ist auch nicht gut. Nett macht unattraktiv. Diese Sprüche hat jeder schon mal gehört oder gelesen. Aber auch die Wissenschaft sagt: Wer nett ist, hat im Alter mehr Schulden als seine weniger sozialen Zeitgenossen. Außerdem heißt es oft, Altruisten würden sich in den Problemen anderer verlieren und nicht auf ihre eigenen Bedürfnisse hören. Sie könnten keine Konflikte austragen und hätten nicht das Rückgrat, ihre eigene Meinung zu verteidigen. So weit zumindest die Vorurteile der selbstzufriedenen Egoisten dieser Welt.

Nettsein hat einen schlechten Ruf. Diese Situation kennen wir alle: Man trifft sich mit entfernten Bekannten und erzählt hinterher, dass man sie als nett empfunden hat. „Ja, wie ‚nett’?“, ist dann häufig die Reaktion, bei der die Augen gerollt und die Brauen hochgezogen werden. Sagt man „Na ja, es war ganz nett“, steht das meist beschönigend für „Es war nichts Besonderes“. Nett reicht oft nicht mehr. Zumindest nicht als Antwort auf Fragen, auf die das Gegenteil, nämliche instagram-taugliche Lobeshymnen folgen sollen: Du musst Menschen getroffen haben, die dich mega inspiriert haben oder einfach wahnsinnig spannende Lebenswege hinter sich haben. Ich habe genug von diesen leeren Superlativen und fordere: Macht nett wieder nett!

Sprüche à la „Nett ist die kleine Schwester von Scheiße“ lassen sich am besten mit anderen Sprüchen vertreiben, zum Beispiel mit dem prägnanten „Seid’s freundlich“. Sticker mit dieser Aufschrift verteilte der Würzburger Student Julian Theis 2017 in seiner Stadt. Seine Aktion wurde in sämtlichen Medien als Kampagne gegen Unfreundlichkeit vorgestellt. Die Sehnsucht nach mehr Freundlichkeit ist also da.

Aber trotzdem sträuben sich viele dagegen: Zu oft gelten nette Menschen als naiv und unbekümmert, die vor allem viel für andere tun, aber nichts zurückkriegen. Der Nettigkeit wird oft fehlende Konkurrenzfähigkeit angehängt. Dabei muss sie sich gar nicht durchsetzen können. Sie steht für sich und ist unvergleichlich – das ist doch das Schöne daran. WikiHow erklärt, was zum Nettsein dazugehört: lächeln, andere Menschen anerkennen, ein guter Zuhörer sein, Höflichkeit, Freundlichkeit, Empathie. Die Webseite zählt noch viel mehr lobenswerte Eigenschaften auf. Es scheint aber beinahe zu einem No-Go geworden zu sein, auf andere Menschen Rücksicht zu nehmen. Das macht „bekanntlich“ unattraktiv: Wer geheimnisvoll und widersprüchlich scheint, wirkt anziehender als der, der sich durch seine Nettigkeit jeglichen Reiz nimmt. Wer auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist, in bestimmten Situationen seine Beziehungen zu nutzen weiß, der kommt voran.

Bei all diesen oberflächlichen Filtereffekten ist mir aber noch niemand begegnet, der sich nicht gefreut hat, wenn man ihm den Einkaufszettel hinterher trägt oder auf den Hausschlüssel aufmerksam macht, der beinahe aus der Jackentasche fällt. Ich plädiere für diese ganz einfachen Formen der Nettigkeit und dafür, dass sich keiner mehr davor graut: hilfsbedürftigen Menschen einen Platz im Bus anbieten, den Kinderwagen die Treppe rauf tragen und sich nicht darüber aufregen, dass „Die jetzt auch noch Bahn fahren muss“, wie ich es gestern erlebt habe.

Ob man es glaubt oder nicht, auch für Bertolt Brecht war Freundlichkeit besonders wichtig: Seiner Lebensgefährtin schrieb er in einem Brief einmal „Sei freundlich, ich mag dich“. Die Überleitung zu dem einflussreichen Dramatiker des 20. Jahrhunderts mag jetzt manchen Germanisten geschaudert haben, aber Brecht als Beispiel zeigt nur: Freundlichkeit freut jeden.

Bestimmt wird es jetzt Kommentare geben in die Richtung „Aber Frauen sind doch ohnehin schon zu nett!“ Na klar, ich als Frau, die sowieso als harmoniebedürftiger und von Grund auf netter gelte, schreibe ein Plädoyer dafür: Wie bescheuert! Damit das aber keine typische Frauensache bleibt, könnten wir alle ein bisschen mehr aufeinander achten. Vielleicht bedeutet „nett“ dann irgendwann wieder „strahlend“ (lateinisch), „klar“ (französisch) oder einfach nur „angenehm“. Und zwar für möglichst viele Menschen.

Für diejenigen, die die positive Auswirkung auf unsere Gesellschaft nicht überzeugt hat: Besondere Freundlichkeit (okay: und auch Trinkgeld) verschafft einem sogar größere Portionen in der Dönerbude oder der Eisdiele. Und zum Schluss halte ich es mit der amerikanischen Moderatorin Ellen DeGeneres, die ihre eigene Talkshow immer mit den gleichen Worten schließt: „Be kind to one another“.

  • teilen
  • schließen