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Auf Kleinanzeigen-Plattformen im Internet gibt es Lampen, Wandspiegel oder Halsketten. Und beinahe alles wirkt schöner als in echt.

Grafik: freepic, jetzt

Ich weiß nicht, wie andere Menschen ihre Wohnung einrichten. Meine wäre jedenfalls ohne die Hilfe von Kleinanzeigen im Internet ziemlich leer. Genau wie mein Herz – denn ich hänge sehr an diesen Online-Handelsplattformen, egal ob man dort Dinge tauschen, verkaufen, oder verschenken kann.

Die offensichtlichen Gründe sind schnell genannt: Erstens gibt es auf diesen Plattformen meistens gut erhaltene Dinge zu einem Bruchteil des Preises, den man, sagen wir, in einem Möbelgeschäft zahlen würde. Wer 800 Euro Miete im Monat blechen muss, hat kein Geld für einen neuen Designersessel.

Zweitens ist da der Nachhaltigkeitsgedanke: Man unterbricht als kleines Zahnrädchen im System den ewigen Wegwerf-Kreislauf der Gesellschaft, in dem man virtuell die Hand hebt und sagt: „Bitte, entsorg das nicht, ich möchte es noch haben.“ Man tut also wirklich etwas Gutes.

Und dann ist da noch etwas anderes, viel subtileres. Kleinanzeigen zeichnen eine weichgespülte Version der oft harten, bitteren Realität. Hier sind die Menschen noch höflich zueinander und tauschen sich in einer Art Briefwechsel (mit Anrede! Und Verabschiedung!) aus. Wäre die Welt wie die Nachrichten auf einer Kleinanzeigen-Plattform, sie wäre sicher voller äußerst zuvorkommender und aufmerksamer Menschen.

In keiner Anzeige steht: „Ich hatte einfach eine krasse Geschmacksverirrung“

Auf die Nachfrage nach dem Zustand einer Goldkette, die ich nur zu Testzwecken angefragt habe, um die Freundlichkeit der Nutzer nochmal stichprobenartig zu überprüfen, antwortete die Verkäuferin, sie sei in einem optimalen Zustand – aber wenn ich möchte, würde sie sie vor meinem Kauf noch zum Juwelier bringen, um sie polieren zu lassen.

Das muss man sich mal vorstellen. Jemand will eigentlich seinen Schrott loswerden, aber wenn du möchtest, sorgt er dafür, dass er noch schön glänzt, bevor du ihn bekommst.

Ich weiß, dass nicht alle Menschen, mit denen man auf diesen Online-Plattformen kommuniziert, freundlich sind. Und dass es im Netz einen Haufen Idioten gibt, weiß ich auch. Kleinanzeigen-Plattformen gewinnen aber dadurch an Menschlichkeit, dass jeder sich ein bisschen besser darstellt, als er selbst ist. Keine Stehlampe wird auf einer Onlineplattform verkauft, weil der Besitzer sagt: „Ich hatte zum Zeitpunkt des Kaufs eine krasse Geschmacksverirrung“. In der Beschreibung wird stehen: „Wir trennen uns von dieser antiken Stehlampe mit Charme, weil wir keinen Platz mehr für sie haben.“

Second-Hand Möbel machen kompromissbereit. Und irgendwie froh.

Überhaupt ist nichts, absolut nichts, das auf diesen Plattformen verschenkt, verkauft oder getauscht wird, „kaputt“. Alles ist „Für Bastler.“ Das kann man als Betrug verstehen. Ich finde es schmeichelhaft. Ich bin zwar chronisch ungeschickt, was Reparaturen von Gegenständen oder Möbeln betrifft. Aber hey, wer sagt, dass ich kein „Bastler“ bin?

Man kann sich an dies Art, Dinge verbal zu verschönern, durchaus gewöhnen. Und wenn man dann ein Möbelstück erstanden hat, bedeutet das: absolute Kompromissbereitschaft. Im Retro- Schuhschränkchen von 1955 muss ich die Schuhe zum Beispiel quer legen, weil die Menschen damals halt noch nicht so riesige Quadratlatschen hatten wie ich heute.

Diese Kompromissbereitschaft ist etwas Feines. Der Online-Handel gibt mir ein wohliges Gefühl von Genügsamkeit und Bescheidenheit. Ich bin immer zufrieden mit den Sachen, die ich kaufe, allein schon, weil ich sie sonst wieder verkaufen oder (Horror!) selbst entsorgen müsste. Wie Astrid Lindgrens Kinderbuchchaotin Madita sagen würde: „Man wird ganz lieb und brav davon.“

Wann hat man schon Gelegenheit, sich fremde Wohnungen anzuschauen?

Und dann lernt man durch Online-Handel auch noch Menschen kennen, die man sonst vielleicht nie kennengelernt hätte. Und ihre Wohnungen. Weil man über Kleinanzeigen im Internet Handrührgeräte, Schreibtische, alte Kicker-Magazine, Geschirrspülmaschinen (für Bastler) und Hoolahoop-Reifen kaufen kann, trifft man zwangsläufig auch die Menschen, die diese Dinge loswerden wollen. Und ist meistens überrascht davon, wie sehr das Möbelstück (oder der Hoolahoop-Reifen) in die fremde Wohnung oder zu der neuen Bekanntschaft passt. Meistens wirkt es, als hätten die Menschen, die alte Möbel verkaufen, einen senfgelben Retro-Stich. Und die, die alte Kicker-Magazine herschenken, riechen immer nach Schweiß.

Die Gelegenheit, einen Einblick in so viele verschiedene Wohnungen und Zimmer zu bekommen, und vielleicht sogar noch etwas über den Verkäufer oder die Verkäuferin zu erfahren („Ich weiß nicht, seit wann ich diesen gelben Stich habe“), lohnt sich, finde ich, jedes Mal.

Falls das in diesem Text noch nicht klargeworden ist: Kleinanzeigen und Verkaufsplattformen haben ein enormes Suchtpotential. Man sollte sich immer genau vorher überlegen, was man wirklich braucht, sonst hat man die Wohnung schnell voller antiker Zeitschriftenständer, kaputter Schreibmaschinen oder Cord-Hosenträgern.

Bestimmt gibt es auch Menschen, die ganz furchtbare Erfahrungen mit Kleinanzeigen und Online-Second-Hand-Käufen gemacht haben. Und Zyniker, die behaupten, alle Vorteile, die ich oben aufgelistet habe, seien nur ein Gefühl, überlagert vom unendlichen Genuss des Konsums. Erstere möchte ich bitten, mir meine Illusion nicht zu rauben. Letzteren rate ich dringend zum Kauf eines Retro-Schuhschränkchens auf einer Online-Plattform. Mit Charme.

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