Ich will auf meinen eigenen Partys ins Bett gehen dürfen

Dann würde ich auch viel häufiger Feste feiern.
Von Mercedes Lauenstein

Illustration: Federico Delfrati

Mein zwölfter Geburtstag war legendär. Ich habe eine Übernachtungsparty veranstaltet. Ich wohnte damals im Keller und wir konnten dort aufgrund bester Schallisolierung tun, was wir wollten. Auf dem Boden lagen sehr viele Matratzen und meine etwa zehn bereits im Schlafanzug angereisten Gäste hörten bis etwa sechs Uhr morgens Musik, tanzten, schalteten den Fernseher ein und aus, lachten sich über Telefonsex-Werbungen tot und nippten reihum an dem heimlich mitgebrachten, aus Schattenmorellen und Vodka selbst hergestellten Kirschlimes.

Und ich lag mittendrin und habe geschlafen.

Gewundert hat sich darüber niemand, da „Übernachtung“ und damit im weitesten Sinne auch „Schlafen“ zum Partykonzept gehörte. Zwischendurch wachte ich mehrmals für eine Zeitspanne zwischen fünf und 30 Minuten auf, setzte mich auf, klinkte mich ins Gespräch ein, nahm einen Schluck Limes, legte mich wieder hin und hörten meinen Freunden mit geschlossenen Augen beim Lachen zu. Manchmal streckte ich meinen nackten Fuß unter der Decke hervor, wippte damit im Takt der Musik und dachte: guter Geburtstag.

Mittlerweile mache ich bei mir zuhause so gut wie gar keine Partys mehr. Das liegt zum einen daran, dass ich nicht mehr im Keller eines Einfamilienhauses, sondern im zweiten Stock eines Mietshauses wohne. Zum anderen liegt es daran, dass ich für mein geliebtes Übernachtungs-Partygenre gar nicht genügend Matratzen habe. Und es liegt daran, dass zu den Menschen, die ich heute auf eine gute Hausparty einladen wollen würde, viele Menschen zählen, die ich zwar gern als Abendgäste habe, aber – Verzeihung – nicht unbedingt gleich als Übernachtungsgäste. Was diese sicherlich nicht anders sehen.

Vor allem aber liegt es daran, dass Nichtübernachtungs-Partys im eigenen Wohnterritorium eine anstrengende Sache sind. Man ist wahnsinnig unflexibel. Man kann nicht einfach nach Hause gehen, wenn es einem reicht. Man ist ja schon zuhause. Man kann seine Gäste aber auch nicht aufgrund von Müdigkeit oder akuter Ruhebedürftigkeit hinauskomplimentieren. Das ist erstens sehr unhöflich und zweitens will man es ja auch gar nicht! Man hat sie ja gern! Sie sollen sich ja amüsieren! Und das sollen sie bitte munter weiter tun dürfen

An sich feiert es sich ja nirgends gemütlicher und vertrauter als zuhause

Ginge man auf einer eigenen Party nun aber einfach ins Bett, hätte das je nach Größe der Runde entweder zur Konsequenz, dass die Stimmung kippte und alle Gäste ebenfalls sofort Richtung Bett abhauten, beschämt von „Wir müssen ja fürchterlich anstrengend respektive totlangweilig gewesen sein“-Selbstzweifeln. Oder dass nach circa 30 Minuten eine Art völlig unübersichtliche Apokalypsen-Stimmung ausbrechen würde und nicht mehr auszuschließen wäre, dass nicht plötzlich lauter „Ich hab da noch jemanden mitgenommen, der noch jemanden mitgenommen, der noch jemanden mitgenommen hat“-Gäste im Flur stünden. Und man am nächsten Morgen aufwachte und nicht wüsste, ob das Sofa noch da wäre, der Inhalt des Bücherregals nicht im Hinterhof verstreut läge und drei unbekannte Menschen schlafenderweise über den Balkon hingen wie auszuklopfende Fußmatten.

Dass man auf eigenen Partys nicht einfach lange vor der Abreise des letzten Gastes ins Bett gehen kann, ist wahnsinnig schade. Denn an sich feiert es sich ja nirgends gemütlicher und vertrauter als zuhause. Das Essen hat man selbst gemacht oder zumindest selbst ausgesucht, die Getränke kosten nicht so abartig viel wie auswärts und besser sind sie oft auch noch. Die eigene Wohnung ist einerseits angenehm bekannt, verwandelt sich aber zu Partys aufregenderweise für ein paar Stunden optisch und atmosphärisch in einen völlig anderen Raum.

Man kann sich zwischendurch umziehen, wenn es einem danach beliebt, Schmuck wechseln, eine neue Lippenstiftfarbe auflegen, man kann jemandem lustige Privatsammlungen nutzloser Gegenstände zeigen, die man in einer geheimen Schublade versteckt, und man könnte eben auch, jedenfalls theoretisch, einfach ins Bett gehen! Könnte zur besten Partyzeit vor lauter sozialem Wohlgefühl gemütsmäßig zur Katze werden und sich entweder mittendrin oder im Nebenzimmer einfach einrollen und schnurrend wegnicken. Könnte in aller Ruhe ein bisschen schlafen, wieder aufwachen und zum Absacker zurückkehren in die Küche und doch noch ein letztes Lied mittanzen. Oder auch einfach durchschlafen und am nächsten Tag „Schön, dass ihr da wart, ich hoffe, ihr hattet es schön, ich hab jedenfalls sehr gut geschlafen“-Nachrichten verschicken. Das wäre schön. Ich würde jede Woche Feste feiern.