Warum ich Glühwein hasse

Und warum der Winter deshalb unerträglich für mich ist.
Von Nadja Schlüter

Illustration: Federico Delfrati

Viele Menschen lehnen Weihnachtsmärkte ja aus Prinzip ab. Sie finden sie zu deutsch (obwohl es die ja nicht nur in Deutschland gibt), zu piefig, zu kitschig, mit schrecklicher Musik und billigem Ramsch, der überteuert als „Kunsthandwerk“ verkauft wird. 

Ich finde das nicht. Ich halte Weihnachtsmärkte für eine gute Idee. Der Dezember ist schlimm genug: Dauernd muss man frieren, ständig ist es dunkel, viel zu oft sitzt man deprimiert daheim und hofft, dass bald wieder Frühling ist, und danach folgen trotzdem noch mindestens zwei weitere fiese Monate. Da ist es doch sinnvoll, ein paar Wochen lang draußen Buden aufzustellen, das Licht anzumachen, sich mit anderen Menschen dort zu treffen und sich im Pulk zu wärmen wie die Pinguine. So merkt man, dass das mit der Kälte und der Dunkelheit gar nicht so schlimm ist, wenn man nicht alleine ist, und die grauen Winterinnenstädte wirken insgesamt ein bisschen weniger grau. Ich jedenfalls, die ich den Winter wirklich aus tiefstem Herzen hasse, würde sehr gerne regelmäßig Weihnachtsmärkte besuchen, um mir den Dezember zu verschönern. Aber es geht nicht –  denn noch mehr als den Winter hasse ich Glühwein.

Ich kann gegen meinen Glühwein-Hass nichts tun. Er sitzt tief in meinem Körper und ist mit ihm verwachsen

Es gibt viele Menschen, die das von sich behaupten. Aber die meisten sind, wie die eben beschriebenen Weihnachtsmarkt-Hasser*innen, eher Glühwein-Gegner*innen aus Prinzip, die viel auf sich und ihren Geschmack halten. Sie schimpfen, Glühwein sei ein stilloses Proletarier*innen-Gesöff, gepanscht und eine Beleidigung für alle, die guten Alkohol schätzten.

Mir ist das egal, ich kann mit Gepanschtem gut leben. Mein Glühwein-Hass hingegen ist einer, gegen den ich nichts tun kann. Er sitzt irgendwo tief in meinem Körper und ist so sehr mit ihm verwachsen, dass ich ihn mit reinem Willen einfach nicht besiegen kann. Dabei bin ich eigentlich gut darin, zu essen und zu trinken, was die Situation verlangt, egal, wie es schmeckt: Von Schnaps mit scharfer Sauce und Olivenöl über Innereien bis hin zu Heuschrecken habe ich schon alles klaglos runtergeschluckt. Aber wenn ich auch nur einen Schluck Glühwein trinke, ziehen sich in einer Reaktion heftigster Abwehr sofort alle meine Gesichtsmuskeln zusammen und meine Zunge schreit: „Zu bitter! Nein, zu süß! Nein, zu sauer! Was zur Hölle…???“ Und dann muss ich mich schütteln und mir wird schlecht. Schon der Geruch, dieses Schwere, Würzige, Sprittige macht mir Schwindel.

Wer jetzt behauptet, das sei doch kein Grund, dem Weihnachtsmarkt fern zu bleiben, man könne ja auch was anderes trinken oder einfach drei Tüten gebrannte Mandeln essen: weit gefehlt! Als Glühwein-Hasserin weiß ich ganz genau, dass Glühwein das Herzstück des Weihnachtsmarkts ist – und dass man ihn trinken muss, um dazuzugehören.

Ich habe schon sehr oft anderen neidisch beim Glühweintrinken zugeschaut

Wie oft stand ich schon unter einem mit Tannenzweigen vollgenagelten Holzbuden-Vordach und habe, die Nase wegen des Geruchs tief im Schal versteckt, neidisch zugeschaut, wie Menschen mit Vorfreude im Gesicht bestellten, dann glücklich die Hände um die heißen, dampfenden Tassen legten, pusteten und schlürften und mit der Zeit unter ihren Mützen immer rotnasiger und fröhlicher wurden. Ja, okay, vorher haben sie eine Runde gedreht, ein Stück Seife und einen Christbaumschmuck gekauft und Szegediner Gulasch aus einem Brottopf gegessen. Aber eigentlich sind sie nur hergekommen, um sich danach aufzuwärmen und langsam, aber stetig zu betrinken. Beides geht mit einem Getränk, das es von März bis Oktober nirgends gibt und auf das sie sich seit Wochen schon freuen. Glühwein, sagen diese Menschen, schmecke nach Weihnachten und Gemütlichkeit. Und ich will ihnen das glauben, nein, ich glaube es ihnen sogar – aber für mich schmeckt er leider nach Gift.

Ich habe es wirklich versucht. Jahrelang habe ich jeden Dezember doch wieder mitbestellt, an verschiedenen Buden, auf verschiedenen Märkten. Ich bin jedem „Auf diesem netten kleinen Weihnachtsmarkt machen sie den Glühwein noch so richtig selbst, probier den mal“-Hinweis gefolgt. Und ja, ich habe auch schon wirklich hausgemachten Glühwein getrunken, und ja, auch Feuerzangenbowle und weißen Glühwein, sogar Kinderpunsch und Früchtetee. Immer wurde mir übel. Mir scheint, mein Körper lehnt Heißgetränke mit Fruchtgeschmack grundsätzlich ab – vor allem aber Glühwein.

Wie gerne würde ich mich bei Spaziergängen auf das heiße Getränk freuen, das mich warm und beschwipst machen wird!

Und diese tiefe Abneigung macht mich zur Advents-Außenseiterin. Zum Winter-Misfit. Ich kann nicht Skifahren und gläubig bin ich auch nicht – viel bleibt da nicht mehr an Winter-Ritualen, an denen ich fröhlich teilnehmen könnte. Der Glühwein wäre das niederschwelligste, aber selbst das funktioniert nicht für mich. Wie gerne würde ich mich bei Spaziergängen in der Kälte schon auf das heiße Getränk freuen, das mich warm und beschwipst machen wird! Wie gerne bekäme ich wohlige Gänsehaut, wenn in vorweihnachtlichen Einladungsmails was von „… und zum Abschluss gibt es Plätzchen und Glühwein für alle“ steht! Wie gerne würde ich ab Tag eins der Weihnachtsmarktsaison regelmäßige Treffen mit Freund*innen am Glühweinstand organisieren! Und wie gerne wäre ich eine von denen, die nach der vierten Tasse sogar den blinkenden Rentierhut vom Typen an der Nachbarbude witzig findet!

Stattdessen stehe ich jedes Jahr wieder betrübt daneben, während alle anderen genießen und Spaß haben, trinke mit Wasser angemischten Kakao (wenn möglich mit einem Schuss Rum) und denke daran, wie gerne ich Rotwein mag und Orangen, Zimt und Nelken, Sternanis und Honig – und frage mich, wieso sie in Kombination für mich zu einem Brechmittel werden. Den Rest der Glühweinzeit bleibe ich dann daheim. Ich bin ein hoffnungsloser Winter-Fall. Er hält nichts für mich bereit. Da bleibt nur abwarten, bis es Frühling wird. Sind ja nur noch ein paar fiese Monate.

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