Wir brauchen mehr weibliche Weirdos im Film

„Weirdos im Film hingegen können uns dabei helfen, selbstbewusster mit unseren Eigenarten umzugehen“, findet unsere Autorin.
Illustration: FDE

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Sie gelten als sonderbar, eigenbrötlerisch und irgendwie unnahbar: „Weirdos“. Im echten Leben begegnet man ihnen in den unterschiedlichsten Formen und Gestalten. Etwa als der Freund, der versucht, jedes Gespräch auf sein größtes Hobby (Fantasy-Rollenspiele) zu lenken; als die Kollegin, die wie eine „verrückte“ Katzenlady wirkt, weil auf ihrem Schreibtisch nur Fotos ihrer Miezen stehen, oder als die „schräge“ Fremde in der U-Bahn, die in Metal-Kutte und mit auffälligem Make-Up zu einem Konzert ihrer Lieblingsband fährt. Je nach Zusammenhang wird der englische Begriff „weird“ mit „bizarr“, „kurios“ oder „seltsam“ übersetzt, ist also hauptsächlich negativ besetzt – und das völlig zu Unrecht.

Denn warum finden wir manche Dinge eigentlich „weird“? Vor allem, weil sie sozialen Vorstellungen widersprechen. Das Auftreten oder Handeln von Weirdos weicht von der Norm ab. Sie verwirren die Menschen um sie herum, weil sie sich in keine der üblichen Schubladen stecken lassen. Genau das macht sie aber so großartig: Der Weirdo nimmt seine Andersartigkeiten an und macht einfach selbstbewusst sein eigenes Ding. Wir sollten deswegen Weirdos vielmehr feiern – besonders die als weiblich gelesenen in Filmen.

Es ist so: Man muss nicht Soziologie studiert haben, um zu wissen, dass wir vieles, was wir über soziale Hierarchien und Rollen wissen, gar nicht aus unserem eigenen Leben, sondern eigentlich aus Film und Fernsehen kennen. Auf den wenigsten Schulen in Deutschland gibt es beispielsweise Cheerleading-Kurse. Trotzdem weiß hier jedes Kind, dass ein „Cheerleader“ der Inbegriff eines beliebten Mädchens ist. Gesellschaft und Film beeinflussen sich also gegenseitig – und wenn wir also Darstellungen auf der Leinwand verändern, verändern wir am Ende vielleicht sogar uns selbst.

Weirdos sind die besseren Loser

Auch der Weirdo ist in Filmen ein gern genutzter „Trope“, also ein wiederkehrender Figurentyp. Der Weirdo ist dabei nicht ganz so klar zu fassen wie andere Stereotypen („die Schöne“, „der Athlet“, „die Smarte“). Aber wenn man Weirdos sieht, erkennt man sie: Captain Jack Sparrow wäre so ein Beispiel, aber auch Gru aus „Ich – Einfach Unverbesserlich“, Yoda ist ein ziemlicher Weirdo, alle vier Ghostbusters, die komplette Besetzung von „Anchorman“ und natürlich alle Charaktere aus jedem Wes-Anderson-Film. Aber aufgepasst: Film-Weirdos ähneln manchmal einem anderen Stereotyp, nämlich dem sogenannten „Loser“ – nur dass der Weirdo eben nichts auf Popularität gibt.

Und genau deswegen sollte man den „Weirdo“ auch nicht mit dem „Loser“ verwechseln: Während Ersterer sein Anderssein annimmt oder irgendwie stolz darauf ist, wäre Letzterer eigentlich lieber angepasst und beliebt, und leidet an seinem Dasein als Außenseiter.

Beide Stereotypen werden oft von Schauspielern verkörpert, denen das gleiche Label anhaftet: Jonah Hill, Michael Cera, Seth Rogan (als Nerds in „Superbad“) gehören zu den prominentesten Beispielen für den klassischen „Loser“. Ihnen geht es im Grunde oft nur darum, flachgelegt zu werden. Der Status als „Jungfrau“ macht den zentralen Makel aus, weshalb sie als Außenseiter gelten. Weitere Filme mit ähnlicher Besetzung, wie „Jungfrau (40), männlich, sucht …“ und „Beim ersten Mal“ bestätigen das Muster. Sie taugen wenig dazu, die eigene Andersartigkeit anzunehmen, schlimmer noch: Sie können den Druck, der auf einem lastet, sogar erhöhen, indem sie Sexlosigkeit und Unbeliebt-sein als Stigma, das automatisch ein unglückliches Dasein als Loser bedeutet, reproduzieren.

So oder so ist „unangepasst zu sein“ im Film traditionell eher eine männliche als eine weibliche Domäne. Ein Blick in die Kinogeschichte genügt, um festzustellen, dass mit dem „Outlaw“ im Western oder dem klassischen „Bösewicht“ im Thriller die Rolle des Rebellen meist für die männliche Hauptrolle reserviert gewesen ist.

Weirdos sind die ultimativen Nonkonformisten

Was für Frauen übrig bleibt, war (und ist!) viel zu oft nur die Rolle der Bewunderin oder des Liebesobjektes, mit dem stets eine gewisse Perfektion verbunden ist. Als Vorbilder taugen diese Frauenfiguren nicht, stehen sie doch eher für das ultimative Angepasst-sein und damit das genaue Gegenteil von Individualismus. Sie motivieren dazu, eher gesellschaftlichen Vorstellungen von der hübschen und zurückhaltenden Frau zu entsprechen, als eigenen Leidenschaften zu folgen.

Weirdos im Film hingegen können uns dabei helfen, selbstbewusster mit unseren Eigenarten umzugehen, unsere Spleens zu akzeptieren und unsere Marotten sogar lieben zu lernen. Ihnen zuzusehen, hat etwas Beruhigendes: Wenn man sich schon nicht komplett in ihnen wiederfindet, so haben wir doch alle Seiten an uns, die wir ungern offen zeigen. Und genau deswegen braucht es mehr weibliche Versionen dieses Tropes.

Tatsächlich haben zuletzt immer wieder weibliche Rollen die Ehrenrettung des Weirdos übernommen. Vereinzelt hatte es weibliche Weirdos auch früher schon immer in Filmen und Serien gegeben: Die ausschließlich schwarz tragende Wednesday aus der „Addams Family“, die zynische Daria aus der gleichnamigen Animationsserie und Einzelgängerin Allison aus dem „Breakfast Club“ sind nur einige plakative Exempel dafür. In der jüngeren Zeit haben die verträumte Luna Lovegood aus der „Harry Potter“-Reihe, die verschrobene „Juno“ sowie Molly und Amy, die zwei Musterschülerinnen ohne soziale Aspirationen aus „Booksmart“, ihr Erbe übernommen. Sie erweitern das Bild davon, was Frausein in Filmen und Serien bedeutet – und damit auch, was wir im wahren Leben als möglich oder sogar normal betrachten.

Genau diese Art der „empowernden“ Frauenfiguren schafft neue Vorbilder für Zuschauerinnen. Sie inspirieren dazu, mehr auf die eigene Individualität zu hören, egal was andere davon halten mögen. Sie ermutigen dazu, einfach mal so zu sein, wie wir wirklich sind. Also: Gebt uns mehr weibliche Weirdos im Film!

Das Gute ist: Der Trend geht zu „weird“. Zuletzt besonders in den Filmen „Ema“, „Shiva Baby“ und „Kajillionaire“, die ganz unterschiedliche Facetten eines wertvollen Außenseitertums abbilden.

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