Wieso „zwischen den Jahren“ viel mehr als die Woche vor Silvester ist

Auf der Suche nach einem Gefühl, das wir alle kennen – und doch kaum zu fassen bekommen.
Von Quentin Lichtblau
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Zwischen den Jahren sind die Straßen leer – doch das ist nicht alles, was dieses Gefühl ausmacht.

Foto: atzeton / photocase.de

So manche Nutzer*innen von Kalender-Apps horchen auf, wenn man sich mit ihnen zu einem Treffen zwischen den Jahren verabreden will. Wann das denn sein soll, fragen sie dann. Und nicht selten muss eine dritte Person erklären, es handele sich dabei um die Zeit zwischen Weihnachten und Silvester, die letzte Kalenderwoche des Jahres also. Da aber für viele das Jahr bereits vor dem Silvesterabend abgeschlossen sei, und das neue Jahr frühestens mit dem bösen Erwachen am ersten Januar beginne, sei diese Phase eben „zwischen den Jahren“. Die Anführungszeichen malt er dabei mit seinen Fingern in die Luft. Das klingt schlüssig. Und doch ist es falsch, was diese Person sagt.

Oder besser: nicht direkt falsch – aber eben lange nicht ausreichend. „Zwischen den Jahren“ ist schließlich weder an Kalenderwochen, noch an Jahreszahlen gebunden. „Zwischen den Jahren“ ist vielmehr ein Gefühl als ein Datum oder Zeitraum. Mit „den Jahren“ sind nämlich nicht etwa bestimmte Jahre wie 2020 oder 2021 gemeint. Das „zwischen“ bezieht sich nicht auf zwei Jahre. Sondern alle Jahre.

Ist das zu unverständlich? Versuchen wir anders, an dieses Gefühl zu kommen, poetischer. Wir reden hier schließlich über etwas tief Poetisches.

„Zwischen den Jahren“, das  wäre ja zum Beispiel auch kein schlechter Albumtitel. Und wenn man dieses Bild nun nutzt, dann wäre „Zwischen den Jahren“ garantiert die Schallplatte, die man im Schrank stehen hat und immer dann auflegt, wenn die ersten vertrockneten Tannennadeln auf den Wohnzimmerboden fallen. Der Soundtrack zur Zeit nach der weihnachtlichen Harmonie-Breitseite bei den Eltern, in der man sich fragt, ob man nicht doch langsam wieder besser in der eigenen Wohnung aufgehoben ist, wo man die Wände der Duschkabine nicht immer abziehen muss – und gleichzeitig weiß, dass dort noch unangenehmere Pflichten auf einen warten.

Es ist die Unsicherheit, wenn die Eltern bei der zum dritten Mal aufgewärmten Weihnachtsgans nachfragen, wie lange man denn wohl noch bleiben mag, und man nicht genau weiß, welche Antwort ihnen eigentlich am Liebsten wäre.

„Zwischen den Jahren“ ist dabei ein seltsames Gemenge aus Nähe und Sehnsucht. Das Hintergrundrauschen des Telefonhörers, wenn man mit der weit entfernten Liebsten telefoniert, die sich in ihrem Heimatort befindet, bei der eigenen Familie. Und man selbst ist es dann, der zum Abschied fragt, wie lange sie denn wohl noch bleiben mag.

Dann ist es die ungewohnte Stille auf der Straße in den Ort, die man auf dem Fahrrad der Mutter hinabrollt. Oder die kilometerweit freien Parklücken in der ansonsten so gut wie unzugänglichen Innenstadt – zumindest dann, zumindest zu Zeiten, in denen keine Pandemie die Läden zur Schließung zwingt.

Zwischen den Jahren, das sind auch die durch Bewegungsmelder gesteuerten Laternen an den Haustüren. Viele erkennt man wieder und kann sich sicher sein, dass die Menschen, die man dort früher besucht hat, nun auch da sind, egal wo es sie sonst inzwischen hinverschlagen haben mag. Bei manchen fährt man deswegen schneller vorbei, bei anderen langsamer. 

„Zwischen den Jahren“ meint auch die Gespräche mit ehemals besten Freund*innen und Verflossenen, wenn man diese Menschen zufällig doch draußen beim Spazieren trifft oder beim Einkaufen. Unangenehme Smalltalk-Einstiege und peinliches Schweigen. Zwischen den Jahren ist das Eingeständnis, dass man doch eigentlich hierher gekommen ist, um nur über früher und die anderen zu reden und nicht darüber, dass man sein Leben gerade nur bedingt als Erfolgsstory verkaufen kann.

„Zwischen den Jahren“ ist gewissermaßen der Evergreen-Film zwischen „Der kleine Lord“ und „Dinner for One“

Ein paar Wenige wohnen ja sogar immer noch im Ort, was sie nur eher kleinlaut vortragen. Irgendwie auch schön, sagt man dann, und stellt sich kurz vor, mit ihnen in einem der Häuschen über dem Bach zu wohnen. Als Stadtbewohner vergleicht man die Mietpreise zwischen alter und neuer Stadt. Wird ja auch immer teurer, sogar hier. Zum Abschied verspricht man dem Gegenüber einen Kaffee, falls er oder sie mal in der Gegend der selbstgewählten Heimat sein sollte, und man sich wieder treffen darf. 

„Zwischen den Jahren“, das ist also gewissermaßen der Evergreen-Film zwischen „Der kleine Lord“ und „Dinner for One“. Gemein mit den Filmklassikern um Weihnachten ist ihm, dass er so gut wie unabhängig von den restlichen 8592 Stunden des Jahres funktioniert. Im Guten wie im Schlechten: Der Wehmütige bekommt Trost, ihm erzählt er von der einladend offenen Tür in die Vergangenheit, von Beständigkeit, der niemals verpassten Chance. Der Zukunftsgewandte erlebt wiederum verlässlich die Hölle daheim, die immergleiche Urmasse, aus der er sich mit aller Kraft und vielleicht auch mit ausgestrecktem Mittelfinger zu lösen versucht hatte.

Und damit ist „Zwischen den Jahren“ auch etwas, das mit den Jahren weniger und weniger aufwühlt. Das verblasst und an Farbe verliert – ohne je ganz auszubleichen.

Um auf das Schallplatten-Bild zurückzukommen: Mit den Jahren wird die Platte staubiger, Kratzer machen ganze Lieder so gut wie unhörbar, das Wurmloch für die Zeitreise wird kleiner. Die ersten verbringen Weihnachten und die Tage danach in der Ferne und kappen damit endgültig jede Chance auf ein unverabredetes Wiedersehen. Von anderen hört man, dass sie auf ihre Psyche Rücksicht nehmen müssen, und man fragt sich, ob der eigene Name schon einmal auf einer Therapeutencouch gefallen ist. Die Vergangenheit verkriecht sich zwischen den Dielen im ehemaligen Kinderzimmer. 

Wenn die Platte dann langsam ausläuft, setzt man sich in einem Zustand totaler Verwirrung in einen Zug oder ins Auto, beladen mit einer Ikea-Tasche voller gutgemeinter Geschenke und so viel Restessens-Tupperware, als ob es in der neuen Heimat keine Supermärkte gäbe. Dort macht man die nächsten Tage eigentlich gar nichts, selbst wenn man arbeiten muss. An Silvester schickt man um 0 Uhr noch eine Nachricht an die eine Person, bei der man sich besonders gefreut hat, sie zumindest kurz zu sehen. Dann beginnt das neue Jahr, das Vage wird wieder konkret. Vom Album „Zwischen den Jahren“ ist nur noch ab und an ein leises Knacken in der Auslaufrille zu hören. Der Januar wird sehr kalt.

Hinweis: Dieser Text wurde zum ersten Mal am 28. Dezember 2016 veröffentlicht und am 29. Dezember 2020 noch einmal aktualisiert. 

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