Wie geht Klimaaktivismus auf dem Land?

Und hat er vielleicht sogar Vorteile gegenüber dem Engagement in der Großstadt?
Von Nadja Schlüter
klimaaktivismus auf dem land

Illustration: FDE

Das Jahr 2020 hat auch gezeigt: Es ist wichtig, dass man sich im eigenen Zuhause wohlfühlen kann, wenn draußen Infektionsgefahr herrscht. In der Corona-Pandemie wurde das Landleben plötzlich attraktiver als beengte Mietshäuser in der Stadt. In unserem Dorf-Schwerpunkt widmen wir uns diesem neuen Sehnsuchtsort – mit all seinen schönen, aber auch anstrengenden Seiten.

Die erste Demo war ein totales Chaos. Sagt zumindest Jon. Am 15. März 2019 war das, als in ganz Deutschland 300 000 und weltweit 1,5 Millionen Menschen in 125 Ländern beim großen „Fridays for Future“-Klimastreik auf die Straßen gingen. Auch in Jons Heimatort: Niebüll in Schleswig-Holstein, Nordfriesland, 10 000 Einwohner*innen, bekannt vor allem durch das Verladeterminal für den Autozug nach Sylt. 

„Wir haben uns mit unserem Orga-Team 13 Tage vor dem Termin zum ersten Mal zusammengesetzt und gesagt: Okay, wir machen jetzt eine Demo. Aber wie geht das eigentlich?“, erzählt Jon, 18. Nach unzähligen Telefonaten und viel Ungewissheit stand er dann am besagten Tag im strömenden Regen auf dem Niebüller Rathausplatz – mit 400 weiteren Menschen, ungefähr vier Mal so viele wie geplant. Und dann tauchte das Mädchen, das versprochen hatte, ein Megafon mitzubringen, mit einem Spielzeug-Megafon auf. Jon lacht sehr, als er sich daran erinnert.

klimaaktivismus auf dem land portrait

Jon Callsen hat in Niebüll eine eigene FFF-Ortsgruppe gestartet.

Foto: Lene Callsen

Von diesem ersten weltweiten Klimastreik gibt es vor allem Bilder aus den großen Städten: aus Berlin und Prag, Zürich und Sydney, Seoul und Neu Delhi, Köln und Stockholm, Kapstadt und New York. Aber es wurde unter anderem auch in Bad Säckingen (Baden-Württemberg, 17 000 Einwohner*innen), Arnstadt (Thüringen, 27 000 Einwohner*innen) und eben in Niebüll gestreikt. Klimaaktivismus gibt es also nicht nur in der Großstadt, im Gegenteil: Auf der FFF-Webseite findet man viele Ortsgruppen im ländlichen Raum, etwa Kusel (Rheinland-Pfalz, 4900 Einwohner*innen), Sebnitz (Sachsen, 8700 Einwohner*innen) oder Teisbach (Bayern, 1700 Einwohner*innen). Wie aktiv diese jeweils sind, ist fraglich (auf mehrere Anfrage von jetzt gab es nur eine Reaktion aus Niebüll) – doch es zeigt immerhin, dass sich auch dort schon mal kleine Netzwerke gebildet haben.

Aber wie funktioniert Aktivismus im ländlichen Raum, wo es weniger Menschen gibt, die man mobilisieren kann? Wo der Bus selten fährt und es noch keine aktivistische Infrastruktur gibt, auf die man einfach zurückgreifen kann – keine bestehenden Gruppen, kein erfahrenes Orga-Team, keine regelmäßigen Proteste, keine diverse Bevölkerung? Ist das vor allem schwieriger als in der Stadt? Oder hat es vielleicht sogar Vorteile?

In Niebüll zumindest war die fehlende Infrastruktur ein Grund, warum die erste Demo überhaupt stattfand: Eigentlich wollten die Streikwilligen gemeinsam in die nächste größere Stadt fahren, nach Flensburg, etwa 50 Kilometer östlich. Mit dem Zug braucht man für diese Strecke zwischen eineinhalb und zwei Stunden und muss mindestens ein Mal umsteigen. Als sich dann doch relativ viele Menschen meldeten, die gerne mitkommen wollten, gab es die Überlegung, einen Bus zu mieten. „Aber dann dachten wir aus irgendeinem Grund, dass es leichter wäre, eine Demo zu organisieren als einen Bus“, sagt Jon. Und lacht wieder. Denn das war natürlich ein Fehlschluss.

Wenn man sich im ländlichen Raum engagieren will, dann muss man in Vorleistung gehen. Selbst aktiv werden

Jon sitzt für das Gespräch per Videochat im Aufenthaltsraum seines Gymnasiums in Niebüll. „Knapp unter Dänemark, knapp neben der Nordsee“, so beschreibt er die Lage seines Heimatorts. Hinter ihm steht ein Plakat mit der Aufschrift: „Fehlstunden verkraftet man, Klimawandel eher nicht so”. Er hat es extra für das Interview dorthin gestellt und es passt gut zu seiner trockenen, nordischen Art. Die FFF-Ortsgruppe hat er gemeinsam mit zwei anderen Schüler*innen gegründet. „Wäre ich in Hamburg, gäbe es da tausend andere Gruppen, die sich für Umweltschutz einsetzen, da müsste ich mir nur eine aussuchen“, sagt er. Heißt: Wenn man sich im ländlichen Raum engagieren will, dann muss man in Vorleistung gehen. Selbst aktiv werden. Weil es noch kein Netzwerk gibt, auf das man zurückgreifen kann. 

Trotzdem ist Aktivismus nicht nur ein städtisches Phänomen – war es auch nie explizit, man denke nur an die Anti-Atom-Proteste ab den Siebzigerjahren im Wendland. Das sieht auch Moritz Sommer vom Berliner Institut für Protest- und Bewegungsforschung so. Gerade FFF hält er für gut verankert im ländlichen Raum, auch, wenn der Hauptadressat immer noch in Berlin sitzt, nämlich die Bundesregierung, die dafür sorgen müsste, dass die Klimaziele von Paris eingehalten werden. „Der erste Mobilisierungshort dieser Bewegung waren die Schulen und die gibt es ja wirklich überall im Land“, sagt Sommer. „Außerdem sind die Aktivist*innen sehr netzaffin. So konnten Leute, die nicht in der Großstadt sind, von Anfang an gut eingebunden werden. Die vielen kleinen, regionalen Ortsgruppen sind ein gutes Beispiel dafür.“ Bei FFF haben sie jeden Sonntag eine überregionale Telefonkonferenz, an der alle Gruppen teilnehmen können. Allerdings haben die mit mehr Mitgliedern, die man eben meist in den größeren Städten findet, dort mehr Gewicht, weil sie mehr Personal haben, das teilnehmen kann. Jon sagt, dass FFF Niebüll nicht regelmäßig teilnimmt: „Dafür fehlen uns einfach die Kapazitäten.“

„Wenn es in hundert Jahren richtig losgeht mit den Klimawandel-Folgen, sind wir hier ziemlich stark betroffen“, sagt Jon

Auch Demos organisieren sie in Niebüll nur zu den globalen Streikterminen, öfter lohnt es sich einfach nicht. Moritz Sommer kann das nachvollziehen. „Natürlich sind Demonstrationen dann besonders sichtbar, wenn sie besonders groß sind und vor symbolträchtigen Orten wie dem Reichstag stattfinden“, sagt er. Zudem seien urbane Zentren aufgrund ihrer diversen Bevölkerung „Brenngläser“ für globale Themen, etwa Armut, Flucht oder Krieg – es gibt für viele Menschen dort also schlicht mehr Gründe, auf die Straße zu gehen. „Aber die erstmal abstrakten Themen Umwelt, Klima und globale Erwärmung haben auch auf dem Land viele lokale Anknüpfungspunkte“, so Sommer. Erneuerbare Energien, nachhaltige Landwirtschaft, Recycling – das alles ist auch auf dem Land wichtig. 

Bei Niebüll kommt hinzu, dass es nur drei Meter über dem Meeresspiegel und nur etwa zehn Kilometer von der Küste entfernt liegt. „Wenn es in hundert Jahren richtig losgeht mit den Klimawandel-Folgen, sind wir hier ziemlich stark betroffen“, sagt Jon. Da werde wohl auch der kürzlich noch einmal erhöhte Deich nicht helfen. Jon glaubt allerdings nicht, dass das im Bewusstsein der meisten Menschen vor Ort schon angekommen sei. Und um das zu ändern, ist er nicht nur bei FFF aktiv, sondern auch im Kinder- und Jugendbeirat von Niebüll, der aus sieben jungen Menschen besteht, die ihre Anliegen an die lokale Politik herantragen. Früher hat der mal einen Skatepark durchgesetzt. Jetzt pocht er darauf, dass der Stadtrat verbindliche Klimaziele verabschiedet. 

Im Gespräch mit Jon wird ein Vorteil seines Engagements im ländlichen Raum deutlich: dass er als Einzelner sichtbarer ist. Weil mehr Nähe gegeben ist. „Ich arbeite samstags immer auf dem Wochenmarkt, da sehe ich den Bürgermeister, die halbe Stadtvertretung und dann noch die Geschäftsführerin von einem Lobbyverband für Windenergie“, sagt er. „Auf dem Land kann man, glaube ich, leichter Einfluss auf große Projekte nehmen. Und ich sehe, was möglich ist, weil ich nah dran bin.“ In einem Nachbarort gebe es gerade zum Beispiel ein Pilotprojekt mit einer besonders effizienten und leisen Windkraftanlage. 

Nach weiteren Unterschieden des Aktivismus in der Groß- und in der Kleinstadt gefragt, nennt Jon natürlich den offensichtlichsten: „Zur Demo in der Großstadt kommen halt 4000 oder 40 000 Leute, nicht 400, wie bei uns.“ Aber dann fällt ihm noch etwas anderes ein: „Wenn wir hier über klimafreundliche Landwirtschaft reden, dann denke ich auch an meine Eltern, die auf einem Bauernhof aufgewachsen sind, und an all die Leute, die ich hier kenne, die in der Landwirtschaft arbeiten. Denen kann ich nicht mir irgendwelchen idealistischen Forderungen kommen. Hier muss man pragmatisch an die Sache rangehen.“ Gegenwind bekämen sie für ihr Engagement zwar nicht, sagt Jon. Aber mit der „Systemwandel- statt Klimawandel“-Parole, die man auf einer großen Demo auf einem Plakat präsentieren oder an die Bundesregierung oder die EU richte kann, kommt man auf der lokale Ebene nunmal nicht weit. Da geht es dann eher um die Energieversorgung oder eben die Landwirtschaft vor Ort und wie man sie Schritt für Schritt verändern und nachhaltiger machen kann. 

Dass man in kleineren Strukturen als Einzelner mehr bewirken kann, hält auch Moritz Sommer für einen Vorteil. Einerseits. „Andererseits ist man auch mehr auf die Einzelnen angewiesen“, sagt er. „Wenn die fehlen, fehlt auch die Mobilisierung.“ Jon sieht das ähnlich: „In großen Ortsgruppen haben sie eine Orga, die sich nicht nur auf einen Freundeskreis beschränkt“, sagt er. Im kommenden Schuljahr macht er Abitur, eine seiner Mitstreiterinnen schon im nächsten Sommer, der andere ist bereits fertig mit der Schule. Er sei noch nicht so weit in seiner Planung, sagt Jon, aber es könne schon sein, dass er wegzieht. Dann wäre wohl auch FFF in Niebüll erst mal Vergangenheit. „Aber vielleicht übernimmt ja jemand anders. Oder es bildet sich eine neue Gruppe, die etwas anderes veranstaltet“, sagt Jon. Das Thema Klimaschutz bleibt ja. Auch auf dem Land. Oder sogar gerade dort. 

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