Ist die ESA eigentlich neidisch auf den NASA-Hype?

Der Chef der Europäischen Weltraumorganisation erklärt, warum alle NASA-Pullis tragen und was die Raumfahrt für Europa tun kann.
Interview von Magdalena Pulz

Illustration: Federico Delfrati

„Gravity“, „Interstellar“, „Der Marsianer“ – dank unzähliger Hollywood-Filmen hat wirklich jede*r schon von der NASA gehört. Weniger Menschen kennen dagegen ihr europäisches Pendant: die Europäische Weltraumorganisation ESA. Johann-Dietrich Wörner ist seit 2015 der Generaldirektor der Space Agency. Mit jetzt hat er darüber gesprochen, ob irgendwann Europäer*innen auf dem Mond landen und warum die ESA für Europa so wichtig ist.

jetzt: Egal, wo man hinschaut, überall sind derzeit NASA-Pullis, NASA-Shirts, NASA-Bauchtaschen, NASA-Jogginghosen, NASA-Boxershorts. Warum ist die ESA nicht auch auf diesen Trend aufgesprungen?

Johann-Dietrich Wörner: Das funktioniert leider nicht so einfach. Das NASA-Logo hat den Vorteil, dass es wirklich sehr bekannt und schick ist. Und es ist rund. Das heißt, es passt prima auf T-Shirts. Dagegen dürfen wir bei unserem ESA-Logo nicht nur den runden Teil benutzen, der ist urheberrechtlich geschützt. Das macht es schon schwerer.

Aber hätten Sie denn gerne ESA-Boxershorts?

Tatsächlich haben wir das alles. Es gibt einen ESA-Shop, da kann man so was bestellen. Ich selber habe immer solche Sachen an: T-Shirts, Hemden, Krawatten mit dem Logo drauf. Aber es hat längst nicht die Verbreitung wie das Logo der NASA. Das liegt daran, dass man mit der ESA keine bekannte Weltraummission verbindet.

„Immer dieselbe Antwort: Mondlandung, Mondlandung, Mondlandung“

Wie meinen Sie das?

Wenn man die Leute fragt: „Warum kennt ihr die NASA?“, kommt immer dieselbe Antwort: Mondlandung, Mondlandung, Mondlandung. Sie werden nie hören: Erdbeobachtung. Darin ist die ESA aber zum Beispiel sehr stark. Wir haben die besten Daten über unseren Planeten. Damit tragen wir viel zur Forschung über den Klimawandel bei, oder zur Weiterentwicklung von Landwirtschaft. Auch die  Wettervorhersage kommt aus dem All. 

Bevor Johann-Dietrich Wörner ESA-Chef wurde, leitete er jahrelang das „Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt“. 2016 wurde dem ehemaligen Universitätspräsidenten der TU Darmstadt das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse verliehen.

Foto: European Space Agency

Die NASA-Pullis sind nicht nur hip, sondern stehen auch für etwas: gesellschaftliche Sichtbarkeit. Wie wichtig ist das für die ESA?

Es hilft natürlich, sichtbar zu sein. Wir brauchen ja auch immer das Geld der Steuerzahler. Das ist einer der Gründe, weshalb ich landauf, landab vor jungen Leuten an Universitäten und Forschungseinrichtungen Vorträge halte. Man muss sich auch vor den Leuten rechtfertigen, dass wir ihr Geld sinnvoll ausgeben.

Und warum nicht einfach eine ESA-Mondlandung angehen? Damit würde man die ESA doch auch den Leuten bekannt machen.

Wir fliegen bald mit zum Mond! Wenn die Amerikaner 2024 starten, dann gemeinsam mit der ESA. Ein ganz wesentliches Teil, ohne das die Mission nicht starten könnte, kommt aus Europa, genauer: aus Bremen. Das sogenannte Servicemodul ist unterhalb der Kapsel, in der die Astronauten sitzen und versorgt sie mit Sauerstoff und allem Möglichen. Und deswegen wird auch das Logo der ESA mit auf der Rakete sein.

Ist das etwa die Mondlandung, die US-Präsident Trump gerne hätte?

Für uns war das schon zuvor ein längerfristiges Projekt, aber nachdem Trump jetzt 2024 angesetzt hat, sagen wir: Auch da sind wir dabei.

Aber ESA-Astronaut*innen kommen so schnell nicht auf den Mond. 

Ich habe mich darüber mal mit dem Chef der NASA ausgetauscht. Er hat mir in einem Brief versichert, dass er sich dafür einsetzen und sicherstellen wird, dass auch Europäer auf die Oberfläche des Mondes kommen.

Die NASA trägt in den USA viel zum Nationalstolz bei. Hat die ESA nicht auch das Potenzial, die europäische Identität zu stärken?

Das tun wir schon. Die ESA hat niemals Projekte, die nur von einem Land gefördert werden. Da stecken immer mehrere Nationen dahinter. Dabei ist das natürlich schwerer zu kommunizieren und somit eine europäische Identität zu stärken, als das bei den USA und der NASA der Fall ist. Ich persönlich würde mich auch über die Vereinigten Staaten von Europa freuen. Die gibt es aber nicht – deswegen rede ich immer von „United Space of Europe“.

„Die Bürgerinnen und Bürger in Europa unterstützen die Raumfahrt sehr“

Zu den Vereinigten Staaten von Europa würde auch ein eigenes europäisches Militär gehören. Würde die ESA sich da beteiligen?

Nein, die ESA selbst arbeitet nicht an militärischen Projekten. In unserer Konvention steht: „exclusively peaceful purposes“ – ausschließlich friedliche Zwecke. Daran ist die ESA gebunden. Dann gibt es aber noch die Frage, was man mit unseren Technologien theoretisch machen könnte. Das ist wie mit dem Haushaltsmesser. Damit kann man Brot schneiden, aber natürlich kann man auch Menschen verletzen.

Wie ist es denn in den einzelnen europäischen Ländern, wie groß ist die Begeisterung für die Raumfahrt?

Die Bürgerinnen und Bürger in Europa unterstützen die Raumfahrt sehr – insbesondere die Deutschen. Wir haben die europäische Bevölkerung einmal befragt, wie viel Geld sie pro Jahr für die Raumfahrt abgeben würden. Was glauben Sie, was im Durchschnitt bei den Deutschen herausgekommen ist?

Mhh ... 40 Euro?

Ganze 381 Euro haben die Deutschen im Schnitt angegeben und sind damit im europäischen Vergleich Spitzenreiter. Der europäische Mittelwert lag bei 287 Euro, die Franzosen haben 172 Euro angegeben. 

Und wie viel muss der deutsche Bürger im Jahr wirklich für Raumfahrt abgeben?

Für die ESA etwa acht Euro.

Natürlich ist es eine fantastische Sache, dass wir zum Merkur fliegen“

Ist ja schon überraschend, dass die deutschen Bürger*innen so hinter der Raumfahrt stehen. Als der bayerische Ministerpräsident Markus Söder etwa das Konzept „Bavaria One“ vorgestellt hat, gab es jede Menge Hate.

Das ist typisch Deutschland. Wenn ein Deutscher sagt: „Wir überlegen uns, ob wir ein Raumfahrtprojekt machen“, wird gleich gelästert und kritisiert. Sagt dagegen ein Amerikaner: „Ich fliege Menschen auf den Mars und die sollen dafür ewig bleiben“, wird er als Visionär gefeiert – auch in Deutschland. Das finde ich verblüffend.

Welches Projekt der ESA sollte jeder junge Mensch in Europa kennen?

Ich bin Generaldirektor und finde alle spannend. Natürlich ist es eine fantastische Sache, dass wir zum Merkur fliegen. Ich bin sicher, dass erst mal keiner davon wirklich Notiz nehmen wird, aber wenn wir in sechseinhalb Jahren wirklich da sind, wird die Begeisterung wieder groß sein. So war das auch bei der Weltraumsonde Rosetta. Rosetta hat zehn Jahre gebraucht, um zu dem Kometen Tschurjumow-Gerassimenko zu fliegen. Die wenigsten kannten die Mission vor der Zeit.

Wenn Sie einen Traum hätten, was die ESA zu Ihren Lebzeiten noch erreichen soll – egal wie unrealistisch – was wäre das?

Wir haben gerade schon ein paar spannende Perspektiven, etwa das „Moon Village“ oder das „Lunar Gateway“. Aber was mich besonders fasziniert, ist die Rückführung von Proben vom Mars. Das machen wir gemeinsam mit den Amerikanern: Die fliegen hin und haben einen kleinen Rover, der auf der Oberfläche rumfährt und Proben nimmt. Dann kommt ein europäischer Rover, packt die Proben ein und fährt sie zu einer bereits wartenden US-Rakete. Die Rakete wirft die Proben dann in der Mars-Umlaufbahn wieder ab, die fliegen dann alleine um den Mars. Eine europäische Sonde fängt die dort dann wieder ein und bringt sie zur Erde.

Klingt kompliziert. 

Ja, das ist in der Zusammenarbeit von Europa und den USA schon etwas ganz besonderes.

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