Ich habe einen Rock, der ist mein Liebling. Dabei ist er nicht der schönste Rock im ganzen Schrank, da gibt es noch ganz andere Perlen. Aber all diesen Perlen fehlt, was dieser Rock hat: Taschen. Tiefe, weite Seitentaschen. Taschen, in die sowohl mein Handy als auch meine Schlüssel locker hineinpassen, in denen ich – sogar wenn ich noch Kaugummi und Lippenbalsam dazu stecke – den Geldbeutel unterbekomme, wenn ich mich schlau anstelle. Wenn jemand sagt: „Schöner Rock“, rufe ich: „Und er hat sogar Taschen!“

Der Rock stammt aus einem Second-Hand-Shop, sieht aus, als hätte ihn eine sehr weise Frau einmal selbst genäht und ist mit seinem Vorzug komplett aus der heutigen Zeit gefallen. Also aus einer Zeit, in der die Modeinstrustrie Frauen dazu verdammen will, ihre Besitztümer in Handtaschen unterzubringen.

Hässliche Ausbeulungen an den Seiten sind der modernen Frau offenbar nicht gestattet

So gibt es in den Läden seit Jahren hauptsächlich taschenlose Röcke und Kleider zu kaufen. An Frauen-Hosen immerhin gefallen Taschen, sie gelten als schön. Bei Skinny Jeans zeigen Nähte also oft an, dass sich an dieser Stelle eine Hosentasche befände. Wer aber freudig versucht, mit den Finger hineinzufahren, stellt dabei viel zu oft fest, dass die vermeintlichen Taschen Fake und rein dekorativ gemeint sind.

Und selbst, wenn sich dort tatsächlich eine Tasche öffnen lässt, klappt das oft nur einen Spalt breit. Da ist Platz für ein Taschentuch, eine Visitenkarte, vielleicht mit etwas Krafteinwirkung für das halbe Handy. Hauteng soll die Hose schließlich sein und möglichst schlank die Silhouette des Menschen darin. Hässliche Ausbeulungen an den Seiten sind der modernen Frau offenbar nicht gestattet, sie werden von der Modeinstrustrie schon von vornherein unterbunden.

Die Enttäuschung über diese Bevormundung, die mangelnde Entscheidungsfreiheit und, vielleicht banaler, zu wenig Stauraum ist groß. Seit einiger Zeit zeigt sich das auch an einem Hashtag in den Sozialen Netzwerken: #WeWantPockets. „Wir wollen Hosentaschen“ fordern damit Hunderte, wenn nicht gar Tausende Frauen.

Seit Kurzem bringt eine von ihnen sogar den Newsletter „Pocket to the Moon“ heraus, der nur dazu da ist, anderen Frauen Kleider mit tiefen Seitentaschen vorzustellen. Außerdem gibt es inzwischen sogar Kollektionen wie die von „Pocketship“, die nur dafür entworfen werden, um Frauen endlich ein Leben mit tiefen Seitentaschen zu ermöglichen.

Es gibt auch dann einen Gender Gap, wenn es um Jeans-Taschen geht

Neben der Enttäuschung über den eigenen Mangel, gibt es nämlich noch einen ganz anderen Grund für die verzweifelte Suche der Frauen nach Kleidung mit Seitentaschen: die Empörung darüber, dass sich die Taschenlosigkeit wohl auf nur ein Geschlecht beschränken soll.

Haben nicht Männer seit Jahren und Jahrzehnten das Vergnügen, Anzughosen, lange wie kurze Jeans, sogar Leder- und Badehosen mit Taschen tragen zu dürfen? Beobachten wir nicht schon länger, wie unsere Freunde, Brüder, Väter alles, was sie brauchen, bequem am Körper tragen können? Sexismus zeigt sich eben oft im Kleinen – auch an fehlenden oder zu kleinen Hosentaschen.

Natürlich werden jetzt einige erwidern wollen, dass das aber doch übertrieben sei. Dass es natürlich auch Taschen für Frauen gäbe – wenn sie nur nicht Skinny Jeans, sondern ähnlich lockere Hosen trügen wie Männer üblicherweise. Diesen Menschen zeige man eine aktuelle datenjournalistische Erhebung der Seite The Pudding. Darin wurden Blue Jeans der jeweils gleichen Marken auf Unterschiede zwischen Männer- und Frauenhosentaschen hinsichtlich ihrer Größe untersucht. Das Ergebnis: Es gibt auch dann einen Gender Gap, wenn es um Jeans-Taschen geht.

Die Taschen der Frauen sind im Schnitt nur halb so tief wie die von Männern. Außerdem sind sie weniger breit, die hinteren Taschen lassen sich oft kaum öffnen – so sehr zielt der Schnitt für die Frau darauf ab, an ihrem Hintern anzuliegen und ihre „Weiblichkeit“ auszustellen. Haben Männer bei allen untersuchten Hosen nie Probleme ein Smartphone in der Hosentasche unterzubringen, ist das bei Frauen selten und wenn überhaupt nur knapp möglich – zum Beispiel in unpraktischer und vor allem ungemütlicher Querlage des Handys.

Als Frauen schleppen wir also fast immer eine „externe“ Tasche mit uns herum

Die Vorgaben der Modeinstrustrie lassen uns, insofern wir das Schneidern nicht selbst übernehmen können oder wollen, also kaum eine andere Wahl: Als Frauen schleppen wir fast immer eine „externe“ Tasche mit uns herum. Ob Handtasche, Clutch oder Rucksack – Wer eigentlich nur zwei, drei Kleinigkeiten dabei haben möchte, muss sich zwangsläufig damit beladen.

Das dürfte dann letztlich auch der Grund dafür sein, dass uns bereits integrierte Taschen von vornherein vorenthalten werden: Die Modemacher verdienen schließlich auch mit der Produktion mehr oder weniger hübscher „Damen-Täschchen“ ihr Geld. Alleine im Jahr 2017 wurden in Deutschland Handtaschen im Wert von 1,3 Milliarden Euro gekauft. In den USA machte die Handtaschen-Industrie im selben Zeitraum sogar über 8 Milliarden US-Dollar Umsatz.

Seit einigen Jahren wittert die Industrie aber wohl auch die Möglichkeit, noch mehr Geld zu verdienen. Sie versucht, Handtaschen auch unter Männern alltagstauglich zu machen – im Zuge der Gleichstellung der Geschlechter quasi. So richtig durchgesetzt haben sich die Handtaschen-tragenden Männer im Stadtbild aber noch nicht. Immerhin haben sie ihre Habseligkeiten bereits in den Hosentaschen verstaut. Würden wir natürlich auch gerne machen – aber so weit geht der Gedanke der Gleichberechtigung dann wohl doch nicht, oder?

Es braucht gar keine Handtaschen: