Spotify-Playlists sind das neue MTV

Mit den Listen lässt sich viel Geld verdienen. Inzwischen sind sie deshalb auch Mittel zum Betrug.
Von Maximilian Senff

Dass jeder auf Streamingdiensten wie Spotify öffentliche Playlists erstellen kann, revolutioniert unsere Art, Musik zu hören.

Foto: unsplash / sgcdesignco

Viele Klicks bedeuten auf Spotify auch mehr Geld. Das haben auch Betrügerinnen und Betrüger erkannt, zum Beispiel ein Bulgare: Er ist zwar kein Musiker, hat die Plattform aber ausgetrickst – ohne dabei Gesetze zu brechen. Das berichtete die Plattform Music Business Worldwide vergangenes Jahr. „Soulful Music“ hieß die Liste, mit der er im September 2017 auf Platz 35 der weltweit umsatzstärksten Spotify-Playlists lag. Er erwirtschaftete vermutlich mehr als eine Million US-Dollar damit.

„Den Einfluss von Playlists könnte man mit dem früheren MTV oder auch mit Radio heute vergleichen. Spotify-Playlists wie Top Hits Deutschland oder New Music Friday sind für Nutzer ein äußerst beliebtes Tool, um neue Musik zu entdecken“, sagt Maik Pallasch, Head of Music Spotify GSA und verantwortlich für die deutschen Playlists. Sie sind aber auch ein wichtiges Mittel, um Geld zu verdienen.

Die Wiedergabelisten helfen Künstlerinnen und Künstlern natürlich nicht nur dabei, bekannt zu werden – vergleichbar mit Radio- und TV-Auftritten. „Es ist eine Tatsache, dass Streaming schon jetzt in Deutschland den größten Anteil zu den offiziellen Single-Charts beisteuert“, sagt Maik. Der Umsatz beim Audio-Streaming hat sich in Deutschland allein in den letzten fünf Jahren mehr als verzehnfacht. Wurden 2013 noch 61 Millionen Euro umgesetzt, waren es im Jahr 2018 schon 734 Millionen. Davon verdienen neben Spotify auch die Künstlerinnen und Künstler 0,4 Cent pro Wiedergabe ab einer Dauer von 30 Sekunden. „Es gibt kein Geschäftsmodell bei Spotify, um als Privatperson mit Playlists Geld zu erwirtschaften. Auch kann man sich als Künstler nicht in Playlists einkaufen, das Sequencing der Playlists bestimmen oder die Gestaltung des Playlist-Covers beinflussen“, erklärt Maik.

„Niemand kann sich auf Spotify-Playlists einkaufen“

Seiten, auf denen Privatpersonen anbieten, bestimmte Künstlerinnen und Künstler in ihre Wiedergabelisten aufzunehmen, sieht Maik kritisch: „Wir halten es für eine sehr bedenkliche Entwicklung, dass hier mit den Träumen von noch unerfahrenen Musikern versucht wird, Geld zu verdienen. Niemand kann sich auf Spotify-Playlists einkaufen. Wir empfehlen Künstlern und Labels, niemals Geld an Anbieter zu zahlen, die behaupten Spotify-Playlists zu beeinflussen.“

Wie hat es der mutmaßliche bulgarische Ganove nun geschafft, Geld mit seiner Paylist zu verdienen? Ein Erklärungsversuch: Die Wiedergabeliste „Soulful Music“ enthielt 467 Songs. Durchschnittlich dauerten sie nur 43 Sekunden. Der Trickser soll die Songs, die größtenteils aus kostenlosen Online-Soundbibliotheken stammten, selbst auf die Plattform geladen haben, also wurde er auch als Rechteinhaber geführt. Anschließend soll er Bots programmiert haben, mit deren Hilfe 1 200 Accounts seine Playlist ohne Pause immer wieder im Shuffle-Modus abgespielt haben. Mindestens für eine weitere Liste des Bulgaren, die allerdings ein bisschen kleiner war, ist dieses Vorgehen noch bekannt.

Aufgeflogen ist der Betrug nur, weil ein Musiklabel Spotify auf den komischen Inhalt der erfolgreichen Playlist aufmerksam gemacht hatte. Als Urheber der Songs kassierte der Bulgare die auf Spotify üblichen 0,4 Cent pro Wiedergabe. Wenn die Bots die Songs nach den für die Monetarisierung notwendigen 30 Sekunden geskippt haben, könnten alle seine Accounts zusammen mögliche 102 Millionen monatliche Plays kreiert haben. Das würde für „Soulful Music“ einen monatlichen Umsatz in Höhe von 415 000 US-Dollar ergeben.

Die Playlists mit den meisten Followern werden von Spotify selbst verwaltet

Laut Music Business Worldwide soll die Trickserei erst nach vier Monaten aufgeflogen sein. Es ist also gut möglich, dass der Playlist-Gauner in einem Vierteljahr mehr als eine Million Dollar verdient hat. Wie hoch die genaue Summe war und was aus dem Bulgaren geworden ist, weiß man bis heute nicht.

Wie hat Spotify auf diesen Vorfall reagiert? „Wir nehmen künstliche Manipulation von Aktivitäten auf unserem Streaming-Service sehr ernst“, sagt Maik Pallasch. „Um Missbrauch zu erkennen, verfügt Spotify über mehrere Erkennungsmaßnahmen, die das Streaming-Verhalten überwachen“, erklärt er. Vor allem rechtmäßige Urheberinnen und Urheber, sowie alle Rechteinhaberinnen und Rechteinhaber werden durch Betrügereien geschädigt. Sie bekommen dadurch weniger Geld aus dem Ausschüttungs-Pool für alle Künstlerinnen und Künstler.

Die Playlists mit den meisten Followerinnen und Followern in Deutschland waren 2018 Top Hits Deutschland, Main Stage, Modus Mio, Chillout Lounge und Techno Bunker. Sie werden alle von Spotify selbst verwaltet, so wie es bei einem Großteil der Top 100 der Fall ist. Wer kümmert sich um die von Spotify kuratierten Playlists? Maik erklärt: „Unser globales Playlist-Team besteht aus rund 150 Kuratoren, darunter Musikexperten für verschiedene Genres sowie für globale und lokale Musikkultur. Sie bearbeiten über 4500 Spotify-Playlists, davon sind über 400 für den deutschsprachigen Raum konzipiert.“

Streamingdienste sind wichtige Marketingplattformen und Vertriebskanäle

Durch die Nutzungsdaten ist für den Streamingdienst jederzeit ersichtlich, wo die Präferenzen der Nutzerinnen und Nutzer liegen. „Sobald wir merken, dass ein Song gut in den Playlists funktioniert oder organisches Wachstum zeigt, integrieren wir ihn in weitere Listen und überlegen, wie wir ihn darüber hinaus auf unserer Plattform unterstützen können“, sagt Maik. Mehr Streams und mehr Followerinnen und Follower für einen Song führen wiederum zu mehr personalisierten Vorschlägen über die Playlists, die per Algorithmus erstellt werden, wie etwa der „Mix der Woche“. Streamingdienste wie Spotify sind also mittlerweile weit mehr als nur ein Ort, um Musik zu hören – sie sind wichtige Marketingplattformen und Vertriebskanäle.

Davon profitiert hat zum Beispiel der niederländische DJ und Produzent R3hab. Das zeigen Daten, die das Streaming-only Label Awal dem US-Blog Recode zur Verfügung gestellt hat. Am 27. Oktober 2017 wurde einer seiner Songs in die von Spotify kuratierte Playlist New Music Friday aufgenommen. Allein dadurch haben sich die wöchentlichen Streamingzahlen des Produzenten mehr als verdoppelt: Von 1,3 Millionen Streams in der ersten Woche auf über 3 Millionen. Heute hat R3hab knapp 15 Millionen monatliche Hörerinnen und Hörer. Damit gehört er zu den beliebtesten 150 Künstlerinnen und Künstlern auf Spotify weltweit.

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