Wer im Erdgeschoss wohnt, wird zum Pakete-Depp

Ist aber überhaupt nicht schlimm.
Von Theresa Hein

Bildrechte: HerrSpecht / photocase.de; Bearbeitung: jetzt

Im Erdgeschoss zu wohnen mag Nachteile haben. Es ist in den Wohnungen oft etwas dunkler und wenn sich nicht gerade die Zentralheizung unter der Wohnung befindet, ist der Boden kälter und die Heizkosten steigen an. Und wenn man abends im Kino „Frankenstein“ angeschaut hat und es in der Nacht darauf so stürmt, dass die Mülltonnen im Innenhof umfallen, dann kann es schon sein, dass man sich etwas ängstigt. Weil Frankensteins Monster natürlich leichter in eine Wohnung im Erdgeschoss einsteigen könnte als, sagen wir, in eine Dachgeschosswohnung. Alles nachvollziehbare Gründe, warum man sich über eine Erdgeschosswohnung ärgern könnte. Aber ungern im Erdgeschoss zu wohnen, weil man automatisch zur Paketannahmestelle für die Nachbarn wird? Kann ich nicht nachvollziehen.

Es stimmt zwar: Wer im Erdgeschoss wohnt, wird zwangsläufig, gerade in der Weihnachtszeit, zur hauseigenen Postfiliale. Besonders trifft es diejenigen, die zu Zeiten, an denen die Paket- und Postboten klingeln, zu Hause sind – Studenten, oder, in meinem Fall, Selbständige, die viel von zu Hause aus Arbeiten. Und ja, die Päckchen der Nachbarn anzunehmen führt vielleicht zu etwas weniger Platz im Flur, weil du zwischen deinen Jacken irgendwo die übergroßen Zalando-Kartons der Nachbarn stapeln musst. Ziemlich sicher ist auch eine Folge, dass die Boten nur noch bei dir klingeln werden, weil sie wissen, dass du garantiert zu Hause bist. Und ja, es ist auch wahr, dass es im Vorbeigehen in deinem Flur immer ein ganz klein wenig nach abgeschleckten Briefmarken und nassem Karton riecht, ein bisschen nach Post eben. Alles nicht wirklich erstrebenswert. Trotzdem kann es schön sein, die Pakete der Nachbarn anzunehmen.

Kaum etwas ist so privat, wie die eigenen Schwächen vor dem Nachbarn zuzugeben

In dem Moment, in dem die Nachbarn bei mir klingeln und ihre Pakete abholen, entspinnt sich nämlich eine kurze, blitzartige aber sehr intime Beziehung, die gerade so lange dauert, wie man sich  in der Eingangstür gegenübersteht. Der Moment bildet vielleicht sogar das Maximum an geteilter Privatsphäre einer Hausgemeinschaft. Ich besitze nämlich etwas, das meine Nachbarn unbedingt haben möchten und weiß aufgrund des Kartons auch meistens, ob es sich um Kleidung, Bücher, elektronische Geräte, teure Unterwäsche (ja, ich google manchmal  eure Kartons, harr!) oder Schminkartikel handelt.

Durch ihre Konsumschwächen komme ich ihnen also ein ganzen Stück näher als bei der zufälligen Begegnung im Hausflur. Und wenn die Pakete abgeholt sind, sind wir beide zufrieden: Ich, weil der Flur wieder frei ist und die Nachbarin, weil sie ihre Bestellung abholen konnte. Und nächstes Mal, wenn ich die Nachbarin sehe, lächeln wir uns an und unterhalten uns vielleicht sogar kurz im Hausflur, weil ich weiß, dass sie rosa Passionata-Pakete bestellt und sie weiß, dass ich sie nicht deswegen auslache. Die Pakete haben eine Vertrauensgrundlage geschaffen.

Und dann ist da noch dieser sehr komische Moment, in dem alle, die bei Nachbarn an der Tür klingeln, um ein Paket oder Päckchen abzuholen, ein bisschen herumdrucksen, wie Schulkinder, die ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben. Dinge im Internet zu bestellen ist schließlich, als würde man das ganze Jahr im Bio-Supermarkt einkaufen und dafür fünfmal im Jahr nach Bali fliegen – ungefähr genauso ökologisch durchdacht.

Beichtvater des Konsums in Jeans und Hausschuhen

Was die Menschen, die an der Tür klingeln, nicht wissen: Ich verurteile sie nicht dafür. Nie im Leben würde mir einfallen, einen Nachbarn, der ein Paket bestellt und bei mir abholt, zu beschimpfen oder den bestellten Stabmixer an den Kopf werfen mit den Worten: „Ausbeuter! Klimasünder!“, denn ich bin ja selbst Teil des Problems und nicht besser als sie. Trotzdem ist der Rechtfertigungszwang der Nachbarn enorm hoch, als sei ich ein Beichtvater, der in Jeans und Hausschuhen zur Tür geschlurft kommt.

Auf meine Frage, „Du holst ein Packerl ab, oder?“, wird so ernst geantwortet, als hätte ich gefragt, „Wie viel Zeit ist vergangen seit deiner letzten Beichte?“. Das soll nicht sadistisch klingen. Aber es macht schon ein bisschen Spaß, einem fünfzigjährigen Zahnarzt dabei zuzusehen, wie er verlegen von einem Bein auf das andere wippt und sagt: „Ja, so ein großes, graues müsste das sein“, und erst aufhört zu wippen, wenn er die umzugskartongroße Bestellung in den Armen hält. Dann fällt die unangenehme Situation von ihm ab, und ich erfahre, was er bestellt hat (ohne danach gefragt zu haben) und warum er es online bestellt hat (ohne auch nur eine Augenbraue gehoben zu haben).

Erst dann, wenn der Nachbar merkt, dass ich nicht über ihn urteile, sondern ihm einfach nur freundlich das Paket gebe, entsteht so etwas wie die sekundenkurze Übergabefreundschaft. Nie im Leben würde ich eines der Geheimnisse meiner Nachbarn verraten (die in diesem Text alle verfremdet sind); denn dann müsste ich auf der Stelle inen Karton gesteckt und nach Sibirien verschifft werden. Ich weiß von meiner Hausgemeinschaft, wer ein Faible für handgefertigte italienische Herrenschuhe hat, wie viel Wein welche Altersgruppe konsumiert und dass der Schlagzeuger aus dem Dachgeschoss seine ganze Kohle am liebsten für Thomann-Bestellungen raushaut. Und die Namen, die man sonst nur auf Klingelschildern kennt, bekommen mit einem Mal ein Gesicht.

Wer sich übrigens ernsthaft darüber beschwert, dass die Pakete in der Vorweihnachtszeit immer bei ihm landen, dem sei die satirische Aufarbeitung der Arbeitsbedingungen der Paketboten von Jan Böhmermann ans Herz gelegt. Ob du jetzt den Weinkarton zwei, drei Tage im Hausflur rumstehen hast, ist dem Paketboten zu Recht wurscht, der einfach keine Zeit hat, in den fünften Stock zu laufen. Vielleicht ist das wichtigste Vorweihnachtsgebot der Neuzeit neben dem Gebot, dass man Weihnachtsgeschenke ohnehin lieber im Einzelhandel kaufen sollte: Du sollst nicht richten über die Pakete deiner Nachbarn. Es wird dir und ihnen gut tun.

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