Wenn Nachbarn sich verraten, stirbt die Demokratie

Die Harvard-Professorin Nancy Rosenblum hat ein spannendes Buch über Nachbarschaft geschrieben.
Interview von Nadja Schlüter

Nancy Rosenblum ist emeritierte Professorin für „Ethics in Politics and Government“ an der Harvard University und hat 2016 ein Buch über Nachbarn veröffentlicht: „Good Neighbors – The Democracy of Everyday Life in America“. Im Interview erklärt sie, was Nachbarschaft und Demokratie miteinander zu tun haben, warum es wichtig ist, dass wir die Herkunft unserer Nachbarn ignorieren, und woran man erkennen kann, dass eine Demokratie in Gefahr ist.  

jetzt: Angenommen, mein Nachbar war immer höflich, hat mir sogar schon mal geholfen, und dann merke ich bei einem Plausch im Treppenhaus, dass er politische Ansichten hat, die ich nicht teile oder sogar falsch finde. Sollte ich das mit ihm ausdiskutieren?

Nancy Rosenblum: Ich finde: nein. In den USA gibt es momentan so eine Art „Vorschrift“, dass man mit jedem über alles reden soll, egal ob über Politik, Herkunft oder was auch immer…

… in Deutschland auch. Viele fordern mehr Diskussion, mehr Streit, mehr Gespräche mit Menschen, die anderer Meinung sind als man selbst.

Und ich widerspreche da – zumindest, wenn es um den Nachbarn geht. Natürlich kannst du mit ihm über Politik sprechen, wenn du das willst, und wenn es funktioniert, ohne dass eure Beziehung darunter leidet, umso besser. Aber ich denke, die meisten Menschen wollen mit ihren Nachbarn gar nicht über Themen wie Politik oder Religion sprechen, für solche Gespräche gibt es unzählige andere Orte und Gelegenheiten. Ich bin der Meinung, dass diese besondere Beziehung namens „Nachbarschaft“ einen Wert hat, den es aufrecht zu erhalten gilt, ähnlich wie bei einer Familie: Brichst du mit deiner Mutter wegen einer politischen Meinungsverschiedenheit? Klar ist das schwierig, aber meistens kriegen wir es irgendwie hin, weil wir finden, dass diese Beziehung schützenswert ist. Mit Nachbarn ist es genauso. 

Ohne Einschränkungen?

Natürlich gibt es Grenzen. Wenn der Typ von gegenüber anderen Menschen Angst einjagt oder aggressiv ist, dann sollte man sich ihm entgegenstellen.

„Weil es keine festen Regeln fürs Nachbarn-Sein gibt, müssen wir sie selbst festlegen“

Der Untertitel Ihres Buchs „Good Neighbors“ lautet: „The Democracy of Everyday Life in America“. Wie genau hängen Nachbarschaft und Demokratie zusammen?

Ich würde gerne unterscheiden zwischen der alltäglichen Demokratie einer Nachbarschaft und der unter Nachbarn, weil es dabei um unterschiedliche Aspekte von Demokratie geht. In den USA verstehen wir unter einer Nachbarschaft, also einer „neighborhood“, eine öffentliche und geografische Einheit, die oft stark institutionalisiert und quasi ein eigenes Rechtssystem ist. Wenn Menschen dort interagieren, dann tun sie das als Bürger: Sie gründen Freiwilligen-Verbände, sie reichen Anträge bei der Schulbehörde ein und so weiter. Die Nachbarschaft als öffentlicher Raum motiviert die Menschen dazu, politisch und demokratisch zu handeln, gemeinsam Probleme zu identifizieren und sie gemeinsam zu lösen. Aber mich interessiert etwas anderes.

Die alltägliche Demokratie unter Nachbarn.

Genau. Anders als die Beziehungen in einer Nachbarschaft sind die unter Nachbarn unabhängig von Institutionen und Organisationen, sie sind persönlich, individuell und geprägt von unmittelbarer, physischer Nähe. Interessanterweise gibt es für diese sehr spezielle Beziehung aber keinerlei ausformulierten Ethos. Klar, das, was überall gilt, also Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, das gilt auch hier – aber darüber hinaus gibt es nur dieses abstrakte Ideal vom „guten Nachbar“, der irgendwie ein anständiger und moralischer Mensch sein soll.

Nancy Rosenblum

Foto: oH

Und was hat das mit Demokratie zu tun?

Weil es keine festen Regeln und Werte fürs Nachbarn-Sein gibt, müssen wir die Bedingungen für unseren persönlichen Umgang untereinander selbst bestimmen und festlegen. Und ich glaube, dass dieser nachbarschaftliche Umgang miteinander einen demokratischen Charakter hat, weil er auf Reziprozität basiert – auf „Geben und Nehmen“. 

„Wenn wir mit Nachbarn umgehen, übersehen wir Aspekte ihrer Persönlichkeit, die in anderen Bereichen des Soziallebens überwiegen“

Also: Ich tue meinem Nachbarn einen Gefallen, er revanchiert sich. Oder: Ich höre nachts nicht laut Musik, er ist dafür leise, wenn er zur Frühschicht das Haus verlässt.

Weil die Konditionen dafür nicht eindeutig sind, zum Beispiel, wann man sich für einen Gefallen revanchieren muss oder wie, kann man dabei natürlich sehr viele Fehler machen. Aber insgesamt hat dieses Geben und Nehmen unter Nachbarn etwas Egalitäres an sich. Wir legen gemeinsam Bedingungen fest, wie man sich als Nachbar zu verhalten hat, und regieren uns in diesem Sinne selbst. Es gibt aber noch einen weiteren demokratischen Aspekt des Nachbarn-Seins. 

Und zwar?

Wenn wir mit Nachbarn umgehen, dann übersehen wir oft Aspekte ihrer Persönlichkeit, die in anderen Bereichen des Soziallebens überwiegen, wie etwa ihr sozialer Status, ihre Herkunft oder ihr Einwanderungsstatus. Wir beurteilen sie allein danach, ob sie „anständige Nachbarn“ sind, gleichzeitig äußern wir uns auch, wenn sie es nicht sind, sich also unangemessen verhalten. Wenn ich aufhöre, meinen Nachbarn in seiner Funktion als Nachbar zu sehen, sondern unter der Voraussetzung seines sozialen Status’, seiner Ethnie oder was auch immer, ist das gefährlich für unsere Demokratie.

Wieso?

Liberale Demokratien sind pluralistisch in dem Sinne, dass wir in ihnen in verschiedenen Bereichen leben: auf der Arbeit, in der Kirche oder dem Tempel, in der Freiwilligengruppe, in unseren intimen Beziehungen mit Freunden oder der Familie. In all diesen Bereiche gelten bestimmte Normen und man muss sich umstellen, wenn man von einem Bereich in den anderen wechselt. Wodurch wir selbst pluralistisch werden – wir sind Formwandler, werden zu jemand anderem, je nachdem, ob wir im Büro oder in der Kirche sind. Wenn aber nun diese verschiedenen Sphären deckungsgleich oder sich zu ähnlich werden, ist die Demokratie in Gefahr.

Ich verstehe es immer noch nicht ganz. Wie kommt es denn dazu, dass die Sphären sich „zu ähnlich“ werden?

Meist dadurch, dass Politik und die „externe Welt“ in sie eindringen, den singulären Charakter der Sphären auslöschen und sie einander angleichen.

„Der Anstieg rassistischer und antisemitischer Vorfälle ist außergewöhnlich – und oft passieren sie unter Nachbarn“

Können Sie das am Beispiel der Nachbarn genauer erklären?

Es passiert zum Beispiel, wenn politische Instanzen dafür werben, die eigenen Nachbarn zu verpetzen, weil sie etwa einer bestimmten Ethnie angehören oder eine bestimmte politische Einstellung haben. Wir kennen das von außergewöhnlichen politischen Situationen, wie etwa in der ehemaligen DDR durch die Stasi. In den USA gab es zwei Phasen, in denen es besonders gravierend war: Die Internierung japanischstämmiger Amerikaner während des Zweiten Weltkriegs, als Menschen aus ihrem Zuhause gerissen und in Gefangenenlager geschickt wurden, und ihre Nachbarn haben ihre Häuser geplündert und ihren Besitz gestohlen. Die andere war die Zeit der Lynchmorde an Afroamerikanern im Süden der USA. Es waren nicht unbedingt Fremde, die sie gelyncht haben, sondern oft Menschen, die die Opfer ihr Leben lang kannten. 

Wenn man wissen will, wie der Zustand der Demokratie insgesamt ist, sollte man sich also anschauen, wie Nachbarn miteinander umgehen?

Absolut. Wenn politische Instanzen auf diese Weise die alltägliche Demokratie beeinflussen, stören oder sogar zerstören, dann wissen wir, dass die Demokratie im weitesten Sinne in Gefahr ist. Das ist der Kanarienvogel in der Kohlemine, ein Frühwarnsystem.

Wie sieht es denn heute aus?

Es gibt hier in den USA zum Beispiel „If you see something, say something“…

ein Programm, das vom US Department of Homeland Security initiiert wurde, um Nachbarschaften sicherer zu machen, indem man „verdächtige Situationen“ meldet...

… und das ist eine Aufforderung, ja, sozusagen eine Lizenz dafür, Nachbarn bei den Behörden zu verpfeifen. Im Großen und Ganzen sehe ich aktuell zwei Entwicklungen, die dafür sorgen, dass sich Nachbarn gegeneinander wenden: Das eine ist die überspitzte Diskussion über die „Gefahr“, die von illegalen Immigranten ausgeht, die es zur Zeit ja in ähnlicher Form in Deutschland gibt. Da werden Menschen als Vergewaltiger und Mörder charakterisiert, und andere werden ermutigt, zu melden, wenn sie von einem Nachbarn wissen, dass er illegal im Land ist. Das andere sind der Rassismus und der Antisemitismus, die es immer schon gab, aber die durch Trumps Präsidentschaft nun wieder verstärkt sichtbar sind. Der Anstieg der rassistischen und antisemitischen Vorfälle ist außergewöhnlich – und in vielen Fällen passieren sie unter Nachbarn. 

„Nachbarn gegen Einwanderer aufbringen, das gab es früher so nicht“

Bedeutet dem Frühwarnsystem zufolge: Die Demokratie ist in Gefahr.

Ja. Nachbarn gegen Einwanderer aufbringen, das gab es früher so nicht. Man hat Seite an Seite gelebt und die Immigranten waren als Nachbarn gut genug, solange sie ihren Rasen sauber hielten, nachts leise waren und in ihrer Garage keine Drogen verkauft haben. Es war ein Geben und Nehmen. Wenn diese Grundsätze verletzt werden, ist die Demokratie bis in die Basis erschüttert.

Seit Trump ist auch die politische Spaltung in den USA noch extremer geworden. Hat diese Polarisierung auch einen Effekt auf Nachbarn?

Die politische Polarisierung kann nachbarschaftliche Beziehungen verschlechtern und Trump hat da einen großen Effekt gehabt: Nachbarn misstrauen einander oder halten sich gegenseitig für verrückt, wenn der jeweils andere Trump beziehungsweise Clinton gewählt hat. Aber ich glaube, dass diese rein parteiischen Aspekte kurzlebig sind. Wenn jemand den Typen von gegenüber hasst, weil der ein Trump-Plakat auf seinem Rasen stehen hat, hat er ja deswegen noch keine Angst vor ihm. Wohingegen Fälle, in denen Politiker und Behörden Nachbarn zu Misstrauen und potenziell sogar Gewalt aufwiegeln, sehr viel böswilliger sind und sehr viel schwerer zu überwinden. Aber: Durch sie besteht natürlich auch die Möglichkeit für Nachbarn, einander wohlwollend zu begegnen.

Inwiefern?

Es ist immer nur eine Minderheit, die dabei mitmacht, Nachbarn zu melden oder zu verpetzen. Die Frage ist, ob Nachbarn, die den illegalen Einwanderer, der nebenan lebt, nicht melden wollen, sich für ihn aussprechen, ihm anbieten, ihm zu helfen, oder ob sie sich zurückziehen. Wenn sie sich für den Rückzug entscheiden, befördert der, genauso wie Gewalt und Hass, den Zerfall der alltäglichen Demokratie. 

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