Warum kennen wir unsere Nachbarn nicht?

Um das herauszufinden, hat Laura eine Woche lang bei ihren Nachbarn geklingelt.
Interview von Jamin Schneider

Foto: NDR

Wir grüßen uns meist nur flüchtig, nehmen mal ein Paket an oder holen eins ab, wenn’s ganz persönlich wird, dann gießt man die Blumen, während der andere im Urlaub ist. Mit unseren Nachbarn verbindet uns ein widersprüchliches Verhältnis. Vor allem in Großstädten leben wir häufig mit vielen von ihnen unter einem Dach. Ohne sie trotz der Nähe wirklich zu kennen. Akkurater formuliert: Wir koexistieren.

Ein Versäumnis, findet Laura Borchardt. Laura arbeitet für den NDR und hat für die Doku-Reihe „7 Tage …” einen kleinen Selbstversuch gestartet. Sieben Tage lang hat sie probiert, ihre Nachbarn in Hamburg kennenzulernen. Sie hat unzählige Pakete bestellt, um sie bei Nachbarn abzuholen. Einladungen verschickt. Stundenlang vor der Tür das Fahrrad geputzt. Und etliche Male einfach nur geklopft.

Eineinhalb Jahre wohnt sie schon dort, in dem Hamburger Mehrfamilienhaus, vorgestellt hat sie sich nie. Irgendwann war es einfach zu spät dafür. Jetzt hat sie es probiert. Ein Gespräch darüber, weshalb man seine Nachbarn kennen sollte. Und warum genau das manchmal ungeahnt kompliziert sein kann.

jetzt: Warum wolltest du einen Film über Nachbarn drehen?

Laura Borchardt: Ich komme ursprünglich aus München. Da haben meine Eltern und ich in einem Haus mit vielen Nachbarn gewohnt. Wir waren fast alle gut befreundet und haben sogar Weihnachten zusammen gefeiert. Das war wie eine große Familie und ich habe erlebt, wie schön das Zusammenleben mit den Nachbarn sein kann. Als ich dann nach Hamburg gezogen bin, kam das etwas zu kurz. Eigentlich gänzlich zu kurz. Ich hab mich nie vorgestellt, niemand hat sich mir vorgestellt, die Leute aus meinem Haus kannte ich nur vom Vorbeigehen. Das Gefühl mag ich nicht. Also wollte ich was dran ändern.

Wieso ist es oft so schwer, zu seinen Nachbarn einen guten Draht zu haben?

Da kommt so manches zusammen. Jeder hat ja zunächst einmal sein eigenes Leben. Die Leute gehen arbeiten, sind tagsüber nicht zuhause. Daher ist es nicht so einfach, überhaupt einen Kontakt herzustellen. Außerdem sind viele Menschen einfach zu faul, um sich kennenzulernen. Es ist einfach bequem, keine Ahnung zu haben, wer neben dir wohnt. Man hat nicht die Verantwortung, jetzt noch auf den Nachbarn achten zu müssen. Und ganz wichtig: Freunde sucht man sich aus, Nachbarn sind einfach da. Bei Freunden gibt es gleiche Interessen und Ansichten, bei Nachbarn ist das alles erst einmal nicht gegeben. Das macht es nicht leichter.

Wie wichtig sind Nachbarn für das „Zuhause-Gefühl“?

Für mich total wichtig. Nachbarn sind ein bisschen wie eine Ersatzfamilie. Wenn es gut läuft. Es sind Leute, deren Gesichter ich zuordnen kann, zu denen ich einen Bezug habe. Vor allem, wenn man in eine fremde Stadt zieht, wie es unsere Generation ja häufig macht, kann das toll sein. Nachbarn helfen einem dabei, anzukommen.

„Smalltalk im Treppenhaus tut niemandem weh“

Aber ist es nicht auch befreiend, anonym leben zu können? Ohne dass einen Nachbarn ständig mit Smalltalk nerven? Viele ziehen aus solchen Gründen ja auch vom Land in eine Großstadt.

Auf jeden Fall ist es das. Ich finde das aber schade. Man kann die Bekanntschaft mit denen, mit denen man unter einem Dach lebt, ja trotzdem noch regulieren. Ob man sich jetzt vorgestellt hat oder nicht. Ich bin auch froh, wenn Feierabend ist und ich meine Ruhe habe. So wie jeder andere. Aber ein Smalltalk im Treppenhaus tut niemandem weh. Und viel mehr bedarf es ja eigentlich nicht, um aus dem kalten, anonymen Nachbarschaftsverhältnis rauszukommen und ein etwas schöneres Beieinander zu erzeugen.

Wie haben die Leute reagiert, als du bei ihnen geklingelt hast? Und wie unangenehm war es, das erste Mal in den Wohnungen zu sitzen?

Es war so halb halb. Für mich selbst war es teilweise schon eine Überwindung. Ich bin jetzt nicht menschenscheu, aber ich hatte ja gar keine Begründung für meinen Besuch. Außer halt den Film. Da fragt man sich dann schon, wie die Leute reagieren. Die erste Reaktion fiel dann meist etwas irritiert aus. Das hat sich aber schnell gelegt. Ehrlicherweise gab es natürlich auch ein paar, die zwar die Tür geöffnet haben, aber keine Kamera in die Wohnung lassen wollten. Das muss man respektieren.

Haben sich Freundschaften entwickelt oder ist jetzt alles beim Alten?

Tatsächlich bin ich nach dem Film mit einer Nachbarin laufen gegangen. Sie stand auf einmal vor meiner Tür und wollte, dass ich mitkomme. Und weil ich mich eh nie so gut aufraffen kann, bin ich mitgekommen. Und auch mit Joanna direkt von nebenan habe ich jetzt viel Kontakt. Da entsteht sogar gerade eine Freundschaft, glaube ich. Wir helfen einander gegenseitig. Sie hat mich zu sich nach Polen eingeladen, ihre Familie mal kennenlernen. Das ist großartig. Und es hat bewirkt, dass ich auch mal aus der eigenen Blase rausgekommen bin. Ohne dieses Experiment hätte ich mit Joanna vermutlich nicht viel zu tun gehabt. Jetzt bin ich sehr froh darüber, dass es so gekommen ist.

Was nimmst du aus der ganzen Sache mit?

Ich glaube, am ehesten nehme ich die Erkenntnis mit, dass es sich lohnt, sich einfach mal zu überwinden. Es ist gar nicht so viel Arbeit. Nur der erste Schritt ist schwer. Aber danach ist es echt schön. Es lohnt sich, einfach mal zu klingeln. Einfach klingeln und reden, das ist es.

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