Retten wir das Klima, wenn wir massenhaft Bäume pflanzen?

Nicht immer. Denn ein paar Dinge sollte man beachten.
Von Marcel Laskus
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Illustration: FDE

Ein Baum kann alles. Ein Baum ist gut zum Klettern, gut zum Schattenspenden, und wer mag, für den ist ein Baum sogar gut zum Umarmen. Das Klima schützen kann er noch dazu. Denn wer heute etwas Gutes tun will, der spendet kein Geld. Der spendet einen Baum. Aber wie viel nützt es dem Klima wirklich, überall Fichten, Tannen und Birken hinzupflanzen? Die Antwort darauf ist nicht so leicht.

In der Politik, der Wirtschaft und bei Umweltverbänden gehört das Pflanzen von Bäumen seit Jahren zu den Mitteln, mit dem man verlässlich Beliebtheitspunkte sammeln kann. Die Supermarktkette Edeka versprach im vergangenen Jahr, der Natur immer dann einen Baum zu spenden, wenn eine Kundin oder ein Kunde ein Sammelheft vollgeklebt abgegeben hat. Die Suchmaschine Ecosia hat nach eigenen Angaben mithilfe von Werbeeinnahmen 95 Millionen Bäume gepflanzt – jede Sekunde werden es laut Ecosia zwei Bäume mehr.

In der Politik sind die Dimensionen noch einmal größer: Nach den vergangenen Dürresommern, unter denen gerade die Wälder gelitten haben, hat Sachsens CDU-Generalsekretär angekündigt, 50 Millionen Bäume in seinem Bundesland zu pflanzen. Und in Äthiopien steckten auf das Kommando von Staatschef Abiy Ahmed die Bürgerinnen und Bürger innerhalb von zwölf Stunden sogar mehr als 300 Millionen Setzlinge in den Boden. Die Liste solcher Aktionen ließe sich endlos fortsetzen. Gepflanzt wird überall.

Der Mensch hat einiges wiedergutzumachen gegenüber den Wäldern, die er jahrhundertelang geschunden hat

Und das ist ja auch nachvollziehbar: Dass Bäume gut für das Klima sind, ist unbestritten. Sie filtern das CO2, das wir mit unseren Abgasen verursachen. Und der Mensch hat einiges wiedergutzumachen gegenüber den Wäldern, die er jahrhundertelang geschunden hat und noch immer rücksichtslos abholzt – sei es im Regenwald Brasiliens oder den Urwäldern von Rumänien. In Äthiopien etwa lag der Anteil bewaldeter Fläche im 19. Jahrhundert noch bei mehr als einem Drittel. Heute ist er bei gerade einmal vier Prozent. 

Eine umfangreiche Studie der ETH Zürich bekräftigte vor gut einem Jahr, dass massives Aufforsten ein guter Weg sei, um das Klima zu schützen. Die Forscherinnen und Forscher regten darin an, die Waldfläche der Erde um ein Drittel zu vergrößern. Platz dafür gebe es genug – vor allem in Ländern wie Russland, den USA, Kanada, Brasilien, Australien und Chile. Die neuen Wälder könnten demnach zwei Drittel des weltweiten CO2-Ausstoßes aufnehmen.

Und auch Sven Wagner, Forstwissenschaftler an der TU Dresden sagt: „In den meisten Fällen ist Aufforstung gut.“ In den Tropen und Subtropen etwa sei es zumeist sinnvoll. Genauso auf vielen landwirtschaftlichen Flächen in Deutschland. „Wenn man einen ehemaligen Mais-Acker aufforstet, dann tut man Klima und Natur auf jeden Fall etwas Gutes, denn man speichert Kohlenstoff und bietet vielen Arten langfristig Lebensräume“, sagt auch Christian Ammer, Forstwissenschaftler an der Universität Göttingen. Auf solchen Äckern stand wahrscheinlich vor einigen Jahrhunderten noch ein Wald, also stellt man gewissermaßen den Ursprungszustand wieder her. Das heißt aber nicht, dass die Entscheidung für einen neuen Wald immer klug ist.

„Wenn man dagegen einen Trockenrasen mit seltenen Blütenpflanzen auforstet, dann erhöht man unter Umständen zwar den Kohlenstoffspeicher“, sagt Ammer, „aber man vernichtet gleichzeitig einen Lebensraum für viele seltene Arten.“ Genauso gibt es etliche vermeintlich unspektakuläre Standorte, die aber naturschutzfachlich besonders wertvoll sind – etwa wegen der Vielfalt der Pflanzen und Tieren. Dazu gehören Feuchtwiesen. Hier einen Wald hinzupflanzen, mag intuitiv richtig sein. Der Natur nützt das jedoch wenig.

Auch die CO2-Bilanz verbessert man nicht immer durch Aufforsten: „Wer Moore entwässert und abtorft und anschließend darauf Wald wachsen lässt, hat für das Weltklima nichts verbessert“, sagt Wagner. Denn Moore speichern mitunter sogar mehr CO2. Nicht überall, wo Platz für Bäume ist, ist es deshalb auch sinnvoll, welche zu pflanzen. Eine internationale Studie aus dem vergangenen Herbst antwortete gewissermaßen auf die Studie der ETH Zürich. Darin betonen die Autorinnen und Autoren, dass viele der empfohlenen Flächen für die Aufforstung nicht geeignet sind. Savannen und Torfmoore zum Beispiel, die natürliche CO2 Speicher sind. Oder Flächen in Russland, die man schlichtweg schwer erreichen kann, um dort aufzuforsten. Hier wäre es sinnvoller, diese Flächen unberührt zu lassen, als sie von Menschenhand neu zu bepflanzen. 

Den Eifer, Wälder dorthin zu pflanzen, wo sie vielleicht nicht hingehören, gibt es nicht erst seit der Klimabewegung. Zum natürlichen Landschaftsbild der USA etwa gehören Prärien, in denen kaum Bäume stehen. Manche dieser Prärien sind allerdings schon seit mehr als 100 Jahren verschwunden. In den 1870er Jahren störte sich der spätere US-Landwirtschaftsminister Julius Sterling Morton so sehr an der endlosen Weite, dass er beschloss: „Mit einer großen Armee von Landwirten werden wir die waldlosen Prärien besiegen.“ Zwei Jahre später rief er den „Arbor Day“ ins Leben – einen Tag, an dem US-Bürgerinnen und Bürger noch heute Bäume pflanzen. Nur pflanzen sie eben mitunter Bäume an Orte, an die sie eigentlich nicht hingehören.

Pflanzt man nicht-heimische Bäume, kann das Ökosysteme beeinträchtigen

Auch anderswo werden eifrig die „falschen“ Bäume gepflanzt. In Kalifornien stehen gigantische Eukalyptuswälder. Doch Eukalyptus wächst ursprünglich in Australien, nicht in Nordamerika. Die Folge ist, dass die Wälder meist sehr dicht wuchern. Denn anders als im heimischen Australien fehlen in Kalifornien die Insekten und Bakterien, die den Eukalyptus essen und seinen Wuchs dadurch kontrollieren. Pflanzt man nicht-heimische Bäume, kann das also Ökosysteme beeinträchtigen. Zumindest aber beeinflusst man sie. 

Aber nicht nur die Frage danach, wo welche Bäume gepflanzt werden, ist entscheidend. Genauso sinnvoll ist ein Blick darauf, wer verspricht, sie zu pflanzen. So berichtete die ZEIT im vergangenen Jahr, dass die Daten der deutschen Baumpflanz-NGO „Plant for the Planet“ widersprüchlich sind. Das Ziel der Organisation ist nach eigenen Angaben, eine Milliarde Bäume zu pflanzen. Ein Baum kostet dort zwischen zehn Cent und 20 Euro. Als die Organisation auf Ungereimtheiten in ihren Datenbanken hingewiesen wurde, sank die Zahl der angeblich gepflanzten Bäume, die auf der Website angegeben war, auf einmal. 

Wer mit gutem Gewissen Bäume pflanzen will, sollte genau hinsehen

Wer mit gutem Gewissen Bäume pflanzen (lassen) will, sollte also genau hinsehen, empfiehlt Forstwissenschaftler Sven Wagner. Dazu gehört ein Blick auf den Ort der Pflanzung und die Institution, die dahinter steht. Hilfreich bei einer Einschätzung können Gütesiegel sein. Als sinnvoll gelten der „Gold Standard“ und der „Verifed Carbon Standard“. 2018 bewertete die Stiftung Warentest Kompensationsangebote in Deutschland. Der Anbieter „Prima Klima“ wurde dabei mit „sehr gut“ bewertet. Ein gespendeter Baum kostet hier drei Euro.

„In Deutschland macht man sicher nichts falsch, wenn man bei Baumpflanzaktionen mitmacht, die von den Forstverwaltungen und den Umweltverbänden angeboten und unterstützt werden“, sagt Forstwissenschaftler Christian Ammer. Da gehe es nicht um Werbung, sondern darum, Wald wieder zu erschaffen und einen emotionalen Zugang dazu zu finden. 

Und weil es beim Aufforsten eben auch immer um diesen emotionalen Aspekt geht, hat Ammer noch einen anderen Rat: „Es lohnt sich, einmal selbst den Spaten in die Hand zu nehmen und über die Jahre zu verfolgen, was aus dem Bäumchen, das man einst gepflanzt hat, geworden ist.“

 

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