„Bereits existierende Ungerechtigkeiten werden sich verschlimmern“

Foto: Mary Ella Jourdak Photography / Shout Your Abortion

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Eine Schwangerschaft abzubrechen, ist in den USA nun deutlich schwerer geworden. Vor zwei Wochen machte der Supreme Court, das Oberste Gericht des Landes, seine Entscheidung im Fall Roe versus Wade rückgängig. Seit 1973 hatte die Entscheidung landesweit das grundsätzliche Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch geschützt. Jetzt ist es wieder den Bundesstaaten überlassen, ob und unter welchen Umständen sie Abtreibungen erlauben. Unmittelbar nach dem Urteil traten bereits in acht Staaten Gesetze in Kraft, die Abtreibungen verbieten oder stark einschränken, vier weitere werden voraussichtlich in den kommenden Wochen folgen. Insgesamt kann es sein, dass bis zu 26 Staaten Schwangerschaftsabbrüche stark einschränken oder verbieten.

Im Interview mit jetzt erklärt Elisa Wells, wie schwangere Menschen in den USA trotzdem weiter an sichere Abtreibungen kommen können. Wells ist Expertin im Gesundheitswesen und Gründerin der Organisation „Plan C Pills“, die zu medikamentösen Abtreibungen von Zuhause recherchiert und aufklärt. 

jetzt: Welche Optionen hat eine Person, die eine Abtreibung braucht, jetzt in einem Staat, in dem Abtreibungen nicht mehr erlaubt sind?

Elisa Wells: Es gibt zwei verschiedene Wege, eine Schwangerschaft trotzdem sicher zu beenden: Entweder man reist in einen Staat, in dem Abtreibungen noch legal sind, und bricht die Schwangerschaft dort ab, oder man lässt sich die Tabletten nach Hause schicken, die für eine medikamentöse Abtreibung notwendig sind. 

Wie realistisch ist es, dass jemand in einen anderen Staat reisen kann, um die Schwangerschaft dort abzubrechen? 

So eine Reise ist nicht für alle möglich. Es kann sehr teuer sein, in einen anderen Staat zu reisen. Außerdem muss man dafür oft Urlaub nehmen. Das ist in den USA nicht immer so leicht möglich. Wir haben schon von Leuten gehört, die ihren Job verloren haben, weil sie wegen einer Abtreibung Urlaub nehmen mussten. Noch dazu wird es immer schwieriger, bei einer Klinik einen Termin zu bekommen. Wegen des Urteils des Supreme Courts gibt es immer weniger Kliniken, die immer mehr Patient:innen versorgen müssen. 

Die andere Option ist also eine medikamentöse Abtreibung. Wie funktioniert das? 

Eine medikamentöse Abtreibung funktioniert mit zwei verschiedenen Pillen, Mifepriston und Misoprostol. Mifepriston beendet die Schwangerschaft, Misoprostol führt dazu, dass sich die Gebärmutter zusammenzieht und den Inhalt ausstößt. Diese Pillen gibt es schon lange, und sie sind ungefährlich. In einigen europäischen Ländern, wie Frankreich und Großbritannien, sind sie schon seit den 1990er Jahren zugelassen, in den USA seit 2000. 

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Vor dem Supreme Court verkaufen Aktivist:innen der Organisation Shout Your Abortion Limonade und informieren über Abtreibungspillen.

Foto: Mary Ella Jourdak Photography / Shout Your Abortion

Man kann sich diese Pillen nach Hause schicken  lassen und sie dort nehmen. Wie funktioniert dieser Prozess? 

Die sogennanten telemedizinischen Abtreibungen funktionieren so: Man sucht sich eine Klinik, die telemedizinische Abtreibungen anbietet, und telefoniert oder kommuniziert online mit einer medizinischen Fachkraft, die dort arbeitet. In dem Gespräch teilt man alle wichtigen medizinischen Informationen, wie zum Beispiel den ersten Tag der letzten Menstruationsblutung, die Schwangerschaftssymptome und mögliche Vorerkrankungen. Die medizinische Fachkraft prüft die Angaben auf Risiken und entscheidet, ob etwas gegen eine medikamentöse Abtreibung spricht. Wenn nicht, erklärt sie den Ablauf und stellt ein Rezept aus, das an eine Apotheke geschickt wird. Die Apotheke schickt die Pillen dann an die schwangere Person.

Ist es nicht gefährlich, die Pillen einfach daheim alleine einzunehmen? 

Die meisten Kliniken, die diesen Service anbieten, haben eine telefonische Hotline für Fragen. Studien zeigen, dass dieser Prozess ähnlich ungefährlich ist wie eine Behandlung in einer Abtreibungsklinik. Auch laut der WHO ist es bis zur zwölften Schwangerschaftswoche ungefährlich, einen medikamentösen Schwangerschaftsabbruch selbständig durchzuführen. Es ist nur wichtig, dass man die korrekten Informationen zur Einnahme der Medikamente hat und, falls nötig, medizinisches Fachpersonal kontaktieren kann. Dafür gibt es in den USA eine Hotline, die „Miscarriage and Abortion“- oder „M+A“-Hotline. Da wird man mit medizinischem Fachpersonal verbunden und kann seine Symptome, wie zum Beispiel Schmerzen oder starke Blutungen, besprechen. Die beurteilen dann, ob man zur Sicherheit in eine Notaufnahme fahren sollte, oder ob die Symptome normal sind.

Angenommen, man muss wegen der Abtreibung ins Krankenhaus. Kann man dafür angezeigt werden? 

Weniger als ein Prozent der Menschen, die Abtreibungspillen nehmen, müssen deswegen ins Krankenhaus. Aber wenn es dazu kommt, kann es leider schon passieren, dass jemand die Polizei verständigt. Ärzt:innen in den USA dürfen zwar eigentlich die medizinischen Informationen der Patient:innen nicht weitergeben, aber wir wissen, dass das trotzdem passiert. Um sich davor zu schützen, kann man in der Notaufnahme sagen, dass man einen ungewollten Schwangerschaftsabgang hatte. Die Symptome und die medizinische Behandlung einer Fehlgeburt und einer medikamentösen Abtreibung sind die gleichen. 

Kann man über telemedizinische Abtreibungen auch in einem Staat, in dem Abtreibungen verboten sind, an die Medikamente kommen? 

Dafür gibt es drei Möglichkeiten. Die erste Option sind sogenannte virtuelle Postfächer. Man kann in den USA relativ leicht ein virtuelles Postfach mieten. Wenn dort ein Paket ankommt, kann man es sich an eine andere Adresse schicken lassen. Das geht auch mit Abtreibungspillen. Man mietet sich ein Postfach in einem Staat, in dem telemedizinische Abtreibung legal ist. Dann bucht man einen Online-Termin mit einer Abtreibungsklinik in demselben Staat. Dort gibt man als Adresse das virtuelle Postfach an. Denn die Klinik darf die Pillen nur an eine Adresse innerhalb eines Staates schicken, in dem telemedizinische Abtreibungen legal sind. Sobald die Abtreibungspillen im Postfach ankommen, lässt man sie sich nach Hause schicken, wo sie innerhalb von drei Tagen ankommen sollten. Für das virtuelle Postfach muss man ungefähr 45 Dollar zahlen, zusätzlich zu den Kosten der Abtreibung. Die sind von Klinik zu Klinik unterschiedlich, aber man muss mindestens mit 150 Dollar rechnen. 

Das ist aber ziemlich teuer. Gibt es billigere Optionen? 

Das wäre zum Beispiel die in Europa sitzende Organisation „Aid Access“, wo man Abtreibungspillen online bestellen kann. Dafür muss man ein Formular mit allen wichtigen medizinischen Informationen ausfüllen, das überprüft wird. Falls es Probleme gibt, wird man kontaktiert. Wenn alles passt, stellen die Ärzt:innen bei „Aid Access“ ein Rezept aus, das sie an eine Apotheke in Indien schicken. Diese Apotheke schickt die Medikamente dann an die schwangeren Personen in den USA. Das Prozedere kann zwei bis drei Wochen dauern und kostet 110 US-Dollar. „Aid Access“ bietet aber, falls nötig, finanzielle Unterstützung an. Man kann über die Organisation in allen 50 Bundesstaaten der USA Abtreibungspillen bestellen.

Theoretisch kann man die Abtreibungspillen auch direkt bei einer Online-Apotheke bestellen, das ist aber noch teurer, da fangen die Preise bei 195 Dollar an. Bei dieser Option fehlt allerdings der Kontakt mit professionellem medizinischem Personal. „Plan C“ hat einige dieser Apotheken getestet – wir haben die Medikamente bestellt und in einem Labor testen lassen. Auf unserer Website gibt es eine Liste der getesteten Apotheken, die wir immer wieder aktualisieren. Man sollte auf jeden Fall darauf achten, wo man bestellt. 

Sind diese Optionen weiterhin überall legal? 

Die gesetzliche Lage zu Abtreibungen in den USA ist im Moment extrem kompliziert. Es gibt fast täglich irgendwo ein neues Gesetz dazu. Am besten wendet man sich deshalb an die „Repro Legal Helpline“. Das ist eine kostenlose, vertrauliche Hotline. Die klären einen dann auf, was die potenziellen legalen Risiken der verschiedenen Optionen sind. Da kann man auch anrufen, sollte man wirklich wegen einer Abtreibung in legale Schwierigkeiten kommen. Leider wissen wir, dass selbst Menschen, die mit Sicherheit kein Gesetz gebrochen haben, trotzdem manchmal für Abtreibungen kriminalisiert werden. Das sind vor allem People of Color, junge Menschen, queere Menschen, arme Menschen – also genau die, die sowieso schon systematisch benachteiligt sind. 

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Aktivist:innen demonstrieren gegen die Entscheidung des Obersten Gerichts

Foto: Mary Ella Jourdak Photography / Shout Your Abortion

Bevor durch Roe versus Wade in 1973 das allgemeine Recht auf Abtreibung eingeführt wurde, haben viele Menschen versucht, mit illegalen und gefährlichen Methoden abzutreiben. Glaubst du, das wird wieder zunehmen? 

Damals waren die wenigen Möglichkeiten, eine Schwangerschaft abzubrechen, oft sehr gefährlich – viele wurden dabei verletzt oder sind gestorben. Heute gibt es die Möglichkeit,  durch Abtreibungspillen weiterhin relativ leicht an eine sichere Abtreibung zu kommen. 

Wie wird sich das Urteil des Supreme Court auf die amerikanische Gesellschaft auswirken? 

Bereits existierende Ungerechtigkeiten werden sich verschlimmern. Es sind die Menschen, die in der amerikanischen Gesellschaft sowieso schon benachteiligt sind, die am meisten unter der Entscheidung leiden werden. Wer Geld hat, kommt auch weiterhin an eine Abtreibung. Aber wer kein Geld hat, wird durch die fehlende medizinische Versorgung in noch größere Schwierigkeiten kommen.  

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