Die Nominierung von Annalena Baerbock ist ein wichtiges Signal für junge Frauen

Mit Robert Habeck als Kanzlerkandidat hätten die Grünen nicht glaubwürdig vertreten können, dass ihnen Gleichberechtigung wichtig ist.
Kommentar von Sophie Aschenbrenner
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Will Bundeskanzlerin werden: Annalena Baerbock (Grüne).

Foto: imago images/photothek

„Schon lange nicht mehr so gefreut“ oder „Gänsehaut“ – Worte dieser Art teilen gerade viele junge Frauen in den sozialen Medien. Ihre Posts beziehen sich auf die Ernennung von Annalena Baerbock zur Kanzlerkandidatin der Grünen und zeigen: Die Entscheidung für Baerbock ist ein wichtiges Signal für viele junge Menschen, vor allem Frauen, die sich von den anderen Kandidaten nicht repräsentiert fühlen.

Wirklich überraschend ist die Entscheidung, die die Grünen-Parteivorsitzenden Habeck und Baerbock am Montagvormittag verkündet haben, nicht. Baerbock hat früh deutlich gemacht, dass sie sich das Amt der Bundeskanzlerin zutraut, obwohl sie noch keine Regierungserfahrung hat. Doch auch Robert Habeck, ehemaliger stellvertretender Ministerpräsident in Schleswig-Holstein, hätte die Grünen gerne als Kanzlerkandidat in den Bundestagswahlkampf geführt, das ist kein Geheimnis. Dass er das nicht tut, hat auch feministische Gründe. In der Runde der Kandidat*innen fällt Baerbock auf: Unabhängig davon, ob die Union nun Markus Söder oder Armin Laschet nominiert, sind die Kanzlerkandidaten von Union und SPD alle männlich, weiß, eher alt und regierungserfahren. 

Dass ihr Geschlecht für die Entscheidung relevant war, verhehlt die Kanzlerkandidatin nicht

Sie sind Teil der alten Strukturen, die Baerbock in ihrer Rede nach der Bekanntgabe ihrer Kandidatur kritisiert. Es gelte jetzt, neue Regeln zu schaffen, sagt Baerbock am Montagmittag. Sie spricht von einer „anderen Führungskultur“, von Wertschätzung, von Menschlichkeit und Empathie. Und davon, selbst transparent, lernfähig und selbstkritisch agieren zu wollen. Dieser Führungsstil ist das Gegenteil von dem Machtkampf zwischen Markus Söder und Armin Laschet

Dass ihr Geschlecht für die Entscheidung relevant war, verhehlt die Kanzlerkandidatin der Grünen nicht: „Natürlich hat die Emanzipation auch eine zentrale Rolle bei der Entscheidung gespielt“, sagt sie bei der Pressekonferenz deutlich. Und das ist ein Signal, an die Wähler*innen genauso wie an die vielen jungen Frauen in der Partei. An alle, die genau das täglich denken, was die 40-jährige Baerbock in ihrer Rede sagt: „Das haben wir schon immer so gemacht“ sei kein gutes Argument. In einer Partei, der Gleichberechtigung so wichtig ist, dann doch den bekannteren, regierungserfahrenen, älteren Mann nach vorne zu schicken – das hätte viele Menschen sehr enttäuscht und wäre unglaubwürdig gewesen. 

Baerbock ist, anders als Noch-Kanzlerin Angela Merkel, Mutter zweier kleiner Kinder, sie betont immer wieder, dass ihre Familie ihr wichtig ist. Die Grünen-Politikerin bemüht sich um gendersensible Sprache – und hat auch die passenden Studien parat, wenn Friedrich Merz in einer Diskussion das Gendersternchen scharf kritisiert. Sie ist elf Jahre jünger, als Merkel es bei ihrer erfolgreichen Kandidatur 2005 war. All das hebt sie ganz unabhängig von unterschiedlichen politischen Positionen von Merkel ab. Baerbock wird oft in einem Atemzug mit Sanna Marin genannt, der 1985 geborenen finnischen Ministerpräsidentin, die ihre kleine Tochter auch mal mit zu einer Sitzung bringt, oder mit der neuseeländischen Regierungschefin Jacinda Ardern. Viele junge Menschen verbinden diese Frauen mit der Hoffnung auf eine neue, nachhaltige Politik. 

Die Gesellschaft sei so viel weiter als es die Politik sei, sagt Baerbock nach ihrer Nominierung. Die Bilder, die sie auf Twitter teilt, sind inklusiv – sie haben eine Bildbeschreibung und sind so auch für blinde Menschen verständlich. Das klingt nach einer Lappalie, zeigt aber, dass Baerbock und ihr Team Menschen mitdenken, die sonst von der Politik oft vergessen werden. Ob sie all diese Hoffnungen durch ganz reale politische Entscheidungen und einen fairen Wahlkampf wirklich erfüllt, wird sich natürlich zeigen müssen. 

Baerbock hat nicht nur Fans – sie polarisiert

Baerbock hat nicht nur Fans. Sie polarisiert. Sitzt sie bei Markus Lanz, trendet ihr Name Sekunden später recht zuverlässig auf Twitter. Und das ist selten mit positivem Feedback verbunden. Sie erfährt als Frau Hass und sexistische Kommentare. Doch auch das könnte ein Grund sein für die Solidarität, die sie von vielen jungen Frauen erfährt, die sich gerade über ihre Nominierung freuen. Viele sehen in Baerbock eine Frau, mit der sie sich zumindest auf vielen Ebenen identifizieren können. 

Die Grünen wünschen sich natürlich, nach der Bundestagswahl die Kanzlerin stellen zu können, gewählt ist Baerbock jedoch noch lange nicht. In den Umfragen steht die Partei derzeit bei 21 bis 23 Prozent, die CDU/CSU bei 27 bis 29 Prozent. Dennoch ist sie Vorbild für viele junge Frauen in Deutschland: Annalena Baerbock hat sich nicht kleinreden lassen. Dass die Grünen mit dieser Kandidatur zu dem stehen, was sie sonst auch von anderen fordern – das ist nur konsequent. Und macht vielen Jungen Hoffnung. 

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