„Wir hoffen, dass Baerbock eine Kämpferin für linke Mehrheiten wird“

Annalena Baerbock könnte die erste grüne Bundeskanzlerin werden. Drei Grünen-Mitglieder erzählen, was sie von der Entscheidung für sie halten.
Protokolle von Katrin Fischer und Raphael Weiss
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Foto: privat, Martin Graf. Bearbeitung: jetzt

Seit Montagvormittag ist es offiziell: Annalena Baerbock ist die Kanzlerkandidatin von Bündnis 90/Die Grünen. Während sich die Union bei der Frage nach dem richtigen Kandidaten zu zerstreiten scheint, lief die Entscheidung für Baerbock, die einzige weibliche Kandidatin bei dieser Bundestagswahl, deutlich harmonischer ab. Bis zur Verkündung am Montag drangen keine Informationen an die Öffentlichkeit. Und auch die Basis erfuhr vorab nichts. Wie bewerten junge Mitglieder der Grünen die Entscheidung? Und welche Hoffnungen und Wünsche richten sie an die erste Kanzlerkandidatin in der Geschichte ihrer Partei?  

„Wir wollen andere Politik, wir wollen ein anderes System“

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Patrick: „Sie ist eine Frau, die die Interessen und Wünsche der jungen Generation versteht“

Foto: Martin Graf

Patrick Stephan, 22, Grünen-Mitglied, studiert in Kiel Politikwissenschaften, Ethnologie und Jura. 

„Ich habe im Vorfeld der Entscheidung eher zu Habeck tendiert. Vor allen Dingen, weil ich ihn für einen extrem kompetenten Politiker halte, der mit seinem philosophischen Hintergrund einen komplett neuen Typus verkörpert. Bisher waren fast immer Juristen und Wirtschafts- oder Naturwissenschaftler Kanzler oder Kanzlerin. Ich glaube, dass Habeck als Denker auf diesem Posten sehr gut gewesen wäre, um den dringend notwendigen strukturellen Wechsel in unserer Politik herbeizuführen.  Aber ich traue Annalena dasselbe zu. Auch von ihr bin ich absolut überzeugt. Wir wollen andere Politik, wir wollen ein anderes System und sie hebt sich allein als Personalie vom Rest der Kandidaten ab. Sie ist eine Frau, die die Interessen und Wünsche der jungen Generation versteht und vertritt. 

Annalena ist überzeugte Europäerin. Sie möchte Europa stärken und das nicht auf Kosten von anderen. Sie setzt sich für ein solidarisches Europa ein, das auch die Interessen von Partnern wie Afrika schätzt und diese achten will. Das ist eine Zukunft, in die wir gehen müssen. Nur so können wir die Krisen unserer Zeit besiegen. Nicht nur die Corona-Pandemie, sondern die deutlich größere Krise: den Klimawandel. Für den Wahlkampf wird es wichtig sein, dass das Duo Baerbock/Habeck weiter so viel Einigkeit zeigt wie bisher und weiterhin eng zusammenarbeitet. Denn dann, davon bin ich überzeugt, werden wir zum ersten Mal eine grüne Kanzlerin haben.“

„Die Beispiele aus aller Welt zeigen, wie gut Staaten funktionieren können, die von jungen, progressiven Frauen geführt werden“

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Marie: "Annalena Baerbock bringt sehr viel mit, was eine gute Kanzlerin ausmacht"

Foto: privat

Marie Müser, 23, ist Bundestagskandidatin für die Grünen in Leipzig.

„Ich habe erwartet, dass Annalena Baerbock die Kanzlerkandidatin wird. Auch weil die Stimmung innerhalb der Partei in meiner Wahrnehmung in Richtung Baerbock ging und sie auch bei Umfragen in der Gesamtbevölkerung zuletzt stark aufgeholt hatte. Ob man jetzt mit Habeck eventuell noch mehr konservative Wähler*innen angesprochen hätte, ist eine Überlegung, die für mich nicht relevant ist. Kanzlerkandidat*in muss werden, wer den von uns gewünschten gesellschaftlichen Fortschritt am besten vorantreiben kann. 

Wir hatten nun 16 Jahre lang eine Kanzlerin. Trotzdem haben wir im gesamten übrigen Bewerberfeld ausschließlich Männer im mittleren oder höheren Alter. Wenn die Politik mit den Kanzlerkandidat*innen ein breites Angebot an die Gesellschaft machen will, sollte die Bevölkerung nicht nur zwischen drei älteren Männern entscheiden können. Aus diesem Grund wäre Habeck als Kandidat für mich zwar keine große Enttäuschung gewesen, aber dennoch ein kleiner Dämpfer meiner Euphorie. Annalena Baerbock bringt sehr viel mit, was eine gute Kanzlerin ausmacht: Sie hat eine unheimliche Klarheit in der politischen Kommunikation, eine bemerkenswerte Kompetenz in der Breite der politischen Fragen und Themen und ist in der Lage, Menschen abzuholen – sowohl innerhalb der Partei als auch innerhalb der Gesellschaft. Daher glaube ich auch nicht, dass es eine Schwäche ist, dass sie noch nie ein Bundesland regiert hat. Vielmehr ist es eine Stärke, dass sie frischen Wind reinbringt. Die Beispiele aus aller Welt zeigen, wie gut Staaten funktionieren können, die von jungen, progressiven Frauen geführt werden.

Ich glaube nicht, dass die Richtung des Bundestagswahlkampfes nun verschoben wird. Wir sind eine basisdemokratische Partei und haben gemeinsam ein Programm entwickelt, das unabhängig von Personalien ist. Dennoch können natürlich auf einzelne Themen stärkere Akzente gesetzt werden. Hier würde ich mir wünschen, dass ein Fokus darauf gesetzt wird, wie wir es schaffen wollen, dass der Kampf gegen den Klimawandel nicht zu Lasten von Geringverdiener*innen geführt wird und dass wir uns für die Gleichberechtigung aller Geschlechter einsetzen.“

„An Angela Merkel sieht man, dass eine Frau als Kanzlerin nicht gleich eine feministische Politik bedeuten muss“

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Anne: "Regierungserfahrung ist kein Muss und ich bin der Meinung, dass Annalena frischen Wind mitbringen wird."

Foto: privat

Anne Kleine-Möllhoff, 20, studiert Jura in Köln und ist seit vier Jahren bei der Grünen Jugend aktiv.

„Ich habe den Entscheidungsprozess generell als sehr harmonisch wahrgenommen. Man hatte die ganze Zeit das Gefühl, Annalena Baerbock und Robert Habeck halten zusammen und geben sich da keinen Machtkampf, wer jetzt die oder der bessere ist. Wir als Grüne Jugend hoffen natürlich, dass Baerbock eine Kämpferin für linke Mehrheiten wird. Für uns ist ganz wichtig, dass die Union im September aus dem Kanzler*innenamt verschwindet. Baerbock ist dafür die perfekte Kandidatin, weil sie ein tolles Auftreten, Expertise und eben auch den Rückhalt in der Partei hat.

Ich war schon von Anfang an Team Baerbock. Aus verschiedenen Gründen, vor allem aber aus einer feministischen Perspektive. Wir als Grüne haben ja auch den Anspruch, Frauen in Machtpositionen zu begleiten. Und da bisher nur Männer als Kandidaten aufgestellt oder vorgeschlagen wurden, finde ich das auch nochmal ein riesen Zeichen für den Feminismus. 

Andererseits bedeutet Feminismus natürlich auch, dass man Menschen nicht auf ihr Geschlecht reduziert. An Angela Merkel sieht man ja, dass eine Frau als Kanzlerin nicht gleich eine feministische Politik bedeuten muss. Am Ende muss man schauen, wer die geeignetere Person für den Posten ist und da haben sich die beiden für Annalena entschieden, was ich aus feministischer Perspektive sehr begrüße. Regierungserfahrung ist kein Muss und ich bin der Meinung, dass Annalena frischen Wind mitbringen wird. Wind, den wir nach 16 Jahren ohne Veränderung gut brauchen können.“  

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