„Es ist ziemlich uncool, wenn man von sich selber sagt, man sei cool“

Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock über jungen Protest und grüne Leidenschaft.
Interview von Christian Helten

Foto: Tobias Hase / dpa

Das Jahr 2019 war bisher ein gutes für die Grünen. Bei der Sonntagsfrage liegt die Partei stabil zwischen 17 und 19 Prozent und wäre damit aktuell zweitstärkste Kraft – hinter der CDU. Insbesondere in der Altersgruppe 18-24 hat die Partei starken Zuwachs. Woran das liegen könnte, haben wir Annalena Baerbock, 38 und seit gut einem Jahr neben Robert Habeck Bundesvorsitzende der Grünen, in Berlin gefragt.

jetzt: Sind Sie gerade neidisch auf Greta Thunberg?

Annalena Baerbock: Im Gegenteil, ich freue mich total, dass es sie gibt und dass sie etwas angestoßen hat, um der Politik den Spiegel vorzuhalten.

Ist es nicht ein Armutszeugnis für Ihre Partei, dass eine Schülerin plötzlich schafft, was Sie seit Jahrzehnten versuchen: Menschen für das Thema Klimaschutz zu begeistern?

Die Dynamik und den Schwung, der von ihr ausgeht, bewundere ich. Starke Umweltpolitik braucht genau diesen Rückenwind aus der Gesellschaft. Und zugleich gibt es natürlich unterschiedliche Rollen. Politik muss den gesetzlichen Rahmen dafür schaffen, die Klimakrise einzudämmen. Es ist ein Zusammenspiel. Den Appell der Schülerinnen und Schüler nehme ich als Ansporn.

Spüren Sie seit den Protesten Zulauf von jungen Leuten in Ihrer Partei?

Schon, aber der Protest ist so erfolgreich, weil er eben nicht parteipolitisch ist. Er kommt aus der Mitte der Schulen und Unis, wo junge Leute zu Recht sagen: Verspielt nicht unsere Zukunft. Das macht die Bewegung so stark und daher wäre es falsch, sie parteipolitisch zu vereinnahmen. Auch wenn ich mich natürlich über neue engagierte Leute bei uns sehr freue.

Die Lösungen liegen auf dem Tisch. Aber es passiert nichts

 

Warum, glauben Sie, ist der Protest so groß geworden in den vergangenen Monaten?

Weil junge Leute die Auswirkungen der Klimaerhitzung live und in Farbe sehen. Sie spüren den heißen Sommer, sehen die Bilder von Stürmen wie vor Kurzem in Mosambik. Sie sehen, dass Menschen an den Folgen von Hitze, Dürre und Unwettern leiden, in die Flucht getrieben werden, manche sogar ums Leben kommen. Die Schülerinnen und Schüler wissen: Wenn das jetzt schon solche Auswirkungen hat, dann droht es in 20, 30 Jahren, wenn sie voll im Leben stehen, noch deutlich schlimmer zu werden. Vor allem aber sehen sie: Die Lösungen liegen auf dem Tisch. Aber es passiert nichts. Daher verstehe ich die Empörung, die bei den Protesten mitschwingt. Die denken: Ihr wisst doch, was zu tun ist, also tut es endlich.

Bei den vergangenen Wahlen haben gerade die Jungen vermehrt grün gewählt. Wäre das eine gute Taktik: eine Partei für die Jungen sein?

Dass gerade viele junge Menschen unsere Politik unterstützen, liegt vielleicht daran, dass wir uns bemühen, nicht nur Politik für die Gegenwart zu machen, sondern die nächsten Generationen immer im Blick zu haben. Aber uns ist wichtig, nicht für eine Gruppe allein Politik zu machen, weder jung noch alt, sondern die Breite der Gesellschaft zu erreichen.

Sind die Grünen cool?

(lacht) Es ist ziemlich uncool, wenn man von sich selber sagt, man sei cool. Sind wir, glaube ich, auch nicht. Eher leidenschaftlich.

Verbote sind nicht cool. Die Grünen haben den Ruf einer Verbotspartei.

Mich stört das ehrlich gesagt nicht. Denn ich mache Politik, um zu verändern. Um Dinge gerechter zu machen. Und das schafft man nur, indem man die Regeln und manchmal auch das System ändert. Dazu gehören auch Verbote. Ein Beispiel: Wenn man in der Umweltpolitik etwas verändern will, gibt es unterschiedliche Wege. Man kann es über den Preis machen: Das würde bedeuten, etwa umweltschädlichen Kohlestrom teurer zu machen. Manche Umweltsauereien kann man aber nicht teuer genug machen, die gehören einfach verboten: zum Beispiel Mikroplastik in der Zahnpasta oder der fossile Verbrennungsmotor in den nächsten Jahren.

Dieses Jahr sind drei Landtagswahlen in Ostdeutschland. Dort sind die Grünen schon lange schwach. Warum?

Das hat unterschiedliche Gründe: Viele der Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtler, die 1989 auf der Straße waren und damals auch grüne Ideen mit unterstützt haben, sind nicht bei Bündnis 90/Die Grünen gelandet, weil sie gehadert haben mit den Parteien. Und weil wir offensichtlich in den Neunzigern nicht präsent genug im Osten waren und manche Probleme vielleicht nicht gehört haben. Die Leute hatten das Gefühl: Alle reden über die deutsche Einheit und wir reden vom Wetter. Natürlich war damals Klimaschutz auch schon ein zentrales Thema. Aber dass wir nicht verstanden haben, dass viele Menschen eher bewegt, wie wir in Zukunft zusammenleben, das hat es uns lange nicht leichtgemacht.

Persönliches Verhalten ist wichtig. Aber Moral kann Politik nicht ersetzen

 

Was bedeutet ein grüner Lebensstil für Sie persönlich?

Zu überlegen, wie ich mich verhalte und wie viel Schaden mein Verhalten heute und morgen für meine Kinder bedeutet. Deswegen versuche ich, so oft es geht, mit dem Rad oder mit der Bahn zu fahren und beziehe Ökostrom. Aber es gibt Momente, da geht's als Parteivorsitzende nicht anders und dann muss ich auch mal das Flugzeug nutzen.

Wo scheitern Sie noch im Alltag bei der Rettung des Planeten?

Oh, ich scheitere leider oft. Am meisten beim Einkauf: Ich habe den Anspruch, nachhaltig einzukaufen. Da ich es aber gerade nicht mehr schaffe, jeden Abend da zu sein, kaufe und koche ich gerne auf Vorrat. Und da kommt es vor, dass bei uns die Spaghetti noch drei Tage im Kühlschrank stehen und keiner sie aufwärmt und irgendwann schmeiße ich sie doch weg. Das wurmt mich echt. 

Vor einer Weile gab es ja Kritik für ihre Kollegin aus Bayern, Katharina Schulze, die in den Urlaub in die USA geflogen ist. Können Sie solche Kritik nachvollziehen?

Ich bin auch schon in den Urlaub geflogen. Ich versuche jedoch, möglichst selten ins Flugzeug zu steigen. Persönliches Verhalten ist wichtig. Aber Moral kann Politik nicht ersetzen. Zumal ein gutes Leben im falschen System extrem schwer ist. Aufgabe von Politik ist deshalb, das System zu verändern. Wir müssen unsere Wirtschaftsweise so ändern, dass wir die ökologischen Grenzen dieses Planeten nicht sprengen.

Wenn ich Ihren Lebenslauf angucke, kommt mir alles wahnsinnig zielstrebig vor. Es folgt ein Posten auf den anderen, nach dem Studium sind Sie sofort Büroleiterin geworden, wenige Jahre nach Parteieintritt schon Chefin in Brandenburg und so weiter. Sind Sie eine Streberin?

Zielstrebig sicher – wobei ich mein ursprüngliches berufliches Ziel gar nicht erreicht habe. Eigentlich wollte ich Journalistin werden, um über die Ungerechtigkeit dieser Welt zu schreiben. Heute fragen mich junge Grüne oft verwundert: Wie, du warst nicht in der Grünen Jugend? Wolltest du nicht Politikerin werden?

Sind Sie dann aber doch...

Ja, als ich bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung arbeitete, dachte ich: Wenn ich über Politik schreiben will, sollte ich ein Parlament mal von innen gesehen haben. So bin ich ins EU-Parlament gekommen. Da habe ich gespürt, was Politik eigentlich verändern kann. Das war 2004, als die EU-Osterweiterung stattgefunden hat. Das hat mich nicht mehr losgelassen.

Das erklärt aber nicht Ihre Zielstrebigkeit.

Ich ticke halt so. Wenn ich Dinge anfange, will ich sie auch richtig machen. Da bin ich durch den Sport geprägt. Da hofft man auch nicht, auf der Ersatzbank sitzen zu dürfen, sondern will selbst das Ding reinmachen. Und was ich während eines Wettkampftages nicht geschafft habe, habe ich schon damals in die Nachtschicht verlegt.

Sie haben eher nachts noch gearbeitet, als in der Kneipe mit Kommilitonen zu sitzen?

Meine Partyzeit ist nicht zu kurz gekommen. Ich brauch zum Glück wenig Schlaf. Das hilft mir auch heute.

Europa muss zur Klimaunion werden

 

Ihr Co-Chef Robert Habeck hat in einem Interview gesagt: „Annalena bringt eine grandiose Furchtlosigkeit mit.“ Was meinte er damit?

Ich glaube, wenn ich etwas für richtig halte, nicht lange zu hadern oder mich bei allem abzusichern, sondern einfach zu machen. Trotz Bauchkribbeln. Ist wie beim Trampolinspringen: Da springt man fünf Meter hoch. Wenn man vor dem allerersten Mal Doppelsalto mit Schraube zu viel nachdenkt, wird man niemals den Absprung wagen. Also „Augen zu und durch“. Sonst entsteht nichts Neues.

Wenn Sie einer jungen Frau, die heute in die Politik gehen will, einen Ratschlag geben dürften – wie würde der lauten?

Du bist eine tolle Frau, du kannst deinen Weg gehen, lass dich nicht verunsichern! Sei aber gleichzeitig selbstbewusst genug, über deine Unsicherheiten zu sprechen, auch wenn du dafür angefeindet wirst. Dann wirst du auch merken, dass du nicht allein damit bist.

Können Sie das erklären?

Als ich zum ersten Mal für den Bundestag kandidiert habe, war meine ältere Tochter zwei Jahre alt. Und ständig wurde ich gefragt, ob ich das überhaupt könne – noch so jung, erst 32, und dann auch noch mit einer kleinen Tochter. Natürlich hatte ich mich mit diesen Fragen vorher selbst intensiv auseinandergesetzt, aber dieses Bohren hat mich dann irgendwie doch getroffen. Ich hatte einen männlichen Mitbewerber im gleichen Wahlkreis, der genauso alt war wie ich und auch ein kleines Kind hatte, dem solche Fragen aber nie gestellt wurden. Das hat mir deutlich gemacht, dass es nach wie vor unterschiedliche Messlatten gibt, gerade bei jungen Frauen, und dass man das offen ansprechen muss. Sonst ändert sich nichts.

Was erhoffen Sie sich denn für ein Ergebnis bei der Europawahl?

Vor allem eine proeuropäische Mehrheit im nächsten Europäischen Parlament, die wirklich was verändern will, und natürlich ein gutes Ergebnis für meine Partei.

Was bedeutet gut?

Diese Wahl ist eine Schicksalswahl für uns Europäerinnen und Europäer und es ist extrem wichtig, dass möglichst viele Menschen, gerade junge, wählen gehen. Es ist ja keine abstrakte Gefahr mehr, dass Länder in den Nationalismus zurückfallen und Freiheitsrechte beschnitten werden. Und da hilft es auch nicht, wenn sich die Politik im Nichtstun einigelt. Europa muss zur Klimaunion werden, es muss einen sozialen Schutz in allen Mitgliedsstaaten gewährleisten, es muss die Rechte von Künstlerinnen auch im Netz schützen – ohne die unsinnigen Uploadfilter. Und klar, je stärker wir bei der Wahl werden, desto besser können wir uns für all das einsetzen. Deshalb hoffe ich auf mehr als die 11 Prozent vom letzten Mal.

Sie wollen also 17 Prozent holen.

Über Zahlen spekuliere ich nicht. Sorry.