Dieses Orakel will das Ergebnis der bayerischen Kommunalwahl vorhersagen

Kann man diesem Ergebnis vertrauen? Der Mensch hinter dem Algorithmus sagt: schon ziemlich.
Interview von Magdalena Pulz
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Fotos: freepik / unsplash / Collage: Daniela Rudolf-Lübke

Vorhersagen, wie eine Wahl ausgeht? Marius Grünewald kann das – denn er betreibt gemeinsam mit drei Freund*innen ein Wahlorakel für Kommunalwahlen in Deutschland. Auch für Bayern, wo an diesem Sonntag gewählt wird, haben die vier eine Prognose veröffentlicht. Wir haben mit dem 27-jährigen Marius darüber gesprochen, was sein Orakel kann, was Umfragen nicht können, und welchen Job man als Wahl-Prophet bekommt.

jetzt: Ihr nennt euch Orakel, aber das trifft es ja nicht so ganz, oder? Ihr habt ja keinen Frosch, der irgendeine Leiter raufklettert.

Marius Grünewald: Genau. Wir treffen unsere Weissagungen mithilfe von Statistik: Die Grundidee ist es, Trends, Vorgänge und Muster aus der Vergangenheit herauszufiltern und damit Vorhersagen zu treffen. Das Ziel ist es, für jede*n Kandidierende*n die möglichst korrekte Anzahl der Stimmen vorherzusagen, die er oder sie bekommt.

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Foto: Marius Grünewald

Gibt es eine vergleichbare Wahl-Vorhersage in Deutschland?

Nicht, dass ich wüsste. Unsere Ergebnisse für die Kommunalwahl stammen eben nicht ausschließlich aus Umfragen, wie das sonst der Fall ist. Gerade für kleinere Städte gibt es ja meistens keine Umfragen. Wir haben daher den Vorteil, dass wir anhand unserer Daten für jede einzelne Gemeinde eine Vorhersage treffen können, welche Kandidierenden sich durchsetzen und damit die Anzahl der Sitze für jede Liste berechnen.

Das klingt nach ziemlich viel Arbeit …

Das ist es, absolut. Wir müssen die Daten per Hand sammeln und in unsere Tabellen eintragen. Da sind dann auch Umfrage-Ergebnisse drinnen, aber vor allem allgemeine Daten aus statistischen Landesämtern, polizeiliche Kriminalstatistiken und Daten, die wir selber erheben. Für diese Wahl haben wir uns bis jetzt an die 60 Gemeinden über die vergangenen 18 Jahre hinweg angeschaut. Das sind dann Daten für knapp 20 000 Kandidierende.

Polizeiliche Kriminalstatistiken? Wie kann man denn so etwas mit einberechnen?

Wir versuchen einfach alle möglichen Faktoren einzubeziehen, die die Wahlentscheidung von Menschen bewusst oder unbewusst beeinflussen. Etwa: Hatte ein*e Kandierende*r bereits ein politisches Amt? Ist es ein Mann oder eine Frau? Wie geht es der Gemeinde finanziell? Und eben auch, gibt es mehr oder weniger Verbrechen in der Gemeinde. Diese und noch viel mehr Faktoren fließen in den Algorithmus ein.

Wie viele Voraussagungen von euch waren bisher richtig?

2019 haben wir das Ganze schon einmal für die Kommunalwahl in Baden-Württemberg gemacht. Da hatten wir eine Erfolgsquote von 80 Prozent der Ratssitze. Das fanden wir schon ziemlich gut.

Und du bist so eine Art Oberpriester des Orakels?

Haha, ja, so kann man das sagen. Ich habe den Schätzer, der dahinter steckt, 2019 für eine Uni-Arbeit entwickelt. Und das ist auch bis heute der Grund, weshalb wir das Projekt fortführen: akademisches Interesse. 

„Letztendlich schmeiße ich eine Matrix in den Computer“

Wie viel Geld verdient man mit solchen Vorhersagen?

Gar keines – ich mache sogar Verlust, weil ich dafür zahle, die Website zu betreiben. Immerhin hat mir das Orakel aber dabei geholfen, einen Job zu bekommen: Ich warte gerade darauf, dass meine Arbeit beim Statistischen Bundesamt losgeht. In meinem Bewerbungssgespräch haben wir  auch länger über meine Erfahrungen mit dem Orakel gesprochen.

Das Orakel von Delphi ist berühmt für seine selbsterfüllenden Prophezeiungen, also dafür, dass seine Vorhersagen die Handlungen der Menschen beeinflusst haben. Habt ihr keine Angst, dass die Menschen nicht mehr wählen gehen, weil sie etwa denken, dass ihre Partei eh gewinnt?

Nein, eigentlich nicht. Die Veröffentlichung meines Algorithmus war eine Reaktion darauf, dass die Leute zu mir meinten: „Voll spannend, mach da doch etwas draus.“ Momentan sind wir wohl auch viel zu klein, um die Meinung vieler Menschen zu beeinflussen, wir erreichen keine Massen. Wenn sich das einmal ändern sollte, müsste man da vielleicht noch einmal darüber nachdenken.

Du warst auch mal für die SPD im Gemeinderat – muss man sich Sorgen machen, dass dein Orakel parteiisch ist?

Ich achte natürlich darauf, dass das nicht so ist! Es wäre aber auch schwer für mich, Partei für eine Partei zu ergreifen. Letztendlich schmeiße ich eine Matrix in den Computer – und die unterscheidet nicht zwischen Parteien. Das einzige, das ich beeinflussen könnte, ist die Auswahl der Daten. Das tue ich aber nicht. Wir halten uns ganz klar an amtliche Statistiken.

Und was sagst du deinem Wahlorakel für eine Zukunft voraus?

Das Best-Case-Szenario ist, dass wir diese Kommunalwahl möglichst richtig vorhersagen. Aber auch, dass wir den Leuten ein Stück weit erklären können, wie man mit Wahlvorhersagen umgeht. Wir versuchen, den Menschen immer auch klar zu machen, dass nichts in Stein gemeißelt ist. Dass jegliche Wahlvorhersage, ob sie auf einer Umfrage oder auf einer statistischen Methode basiert, nur eine Annäherung ist und nicht wörtlich genommen werden sollte.

Die Weissagungen des Wahlorakels für die bayerische Kommunalwahl gibt es hier zum nachlesen.

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