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So ist es, unter Corona-Bedingungen ins Studium zu starten

Foto: Josi Wiedemann

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Paula ist 19 und hat im vergangenen Jahr ihr Abitur gemacht. Die Zeit verbrachte sie seitdem mit Nebenjobs, Reisen und ehrenamtlicher Arbeit. Nun will sie mit dem Studium der Sozialen Arbeit beginnen. Aber durch die Corona-Pandemie wird für sie, wie für hunderttausende andere Studierende in diesem Semester, alles anders sein als sonst. Ein Tagebuch.

Donnerstag, 17. September: Ins Ungewisse

„Dieses Warten strengt mich an. Wäre es ein normales Jahr, hätte ich schon Ende August Antworten von den Unis bekommen, ob ich eine Zusage oder Absage habe. Aber weil das Abitur dieses Jahr wegen Corona viel später gemacht wurde, dauert es einige Wochen länger. Ich weiß nicht, worauf ich mich einstellen soll: Gehe ich nach Würzburg oder nach Augsburg, um Soziale Arbeit zu studieren? Für Würzburg habe ich schon eine Zusage, aber ich warte noch auf eine Antwort aus Augsburg. Ich glaube, dass es in beiden Städten schön sein könnte. Aber ich möchte die Wahl haben und mich nicht später ärgern müssen. Die Corona-Zahlen sind niedrig zur Zeit, es wird hoffentlich ein halbwegs normales Semester.

Im Moment wohne ich noch bei meinen Eltern nahe der deutsch-österreichischen Grenze im Süden von Bayern. Bis nach Augsburg und Würzburg sind es mit dem Zug von hier jeweils locker fünf Stunden. Einen Vorteil hat die Corona-Zeit deshalb: WG-Castings finden nun ziemlich oft per Skype und Telefon statt. Ich spare mir dadurch wenigstens die ganze Fahrerei.

Das Casting für eine Augsburger WG mit einem Typen und einem Mädel hat nur zehn Minuten gedauert, es war nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Wir haben uns nett unterhalten, aber ich weiß nicht, ob es perfekt gepasst hätte. Umso besser war dafür eine Würzburger WG, in der drei andere Mädels wohnen. Die waren alle total nett, wir haben ewig miteinander gesprochen. Ich hoffe sehr, dass sie zusagen. Wie die Seminare und Vorlesungen stattfinden sollen, weiß ich noch nicht. Ich will mich nicht zu viel mit den Unsicherheiten beschäftigen.

  

Montag, 12. Oktober: Der Umzug

Die Mädels von der Würzburger WG haben mir zugesagt! Darüber habe ich mich wahnsinnig gefreut, die drei wirken sehr sympathisch. Diese Woche fahre ich endlich die Möbel in meine neue WG. Letzte Woche war ich schon einmal zu Besuch bei meinen neuen Mitbewohnerinnen. Wir haben gekocht und unseren ersten gemeinsamen Abend verbracht. Wir haben Abstand gehalten, klar. Aber mei! Wir wohnen ja dann zusammen, also werden wir uns irgendwann sowieso näher kommen. Vor einigen Tagen habe ich Augsburg endgültig abgeschrieben, wo ich nur auf der Warteliste stand. Ich wollte mich für eine Stadt entscheiden. Und ich kenne in beiden Städten bisher eh keine Leute, also habe ich mich für die nettere WG entschieden.

Falls wirklich ein Lockdown kommen sollte, ist es angenehmer mit anderen zu wohnen. In der Wohnung in der Etage über uns lebt eine 6er-WG. Die machen auch einen netten Eindruck. Alleine wohnen kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, gerade jetzt.

Wenn ich an das erste Semester denke, fühle ich mich unsicher. Die erste Woche soll vor Ort in der Uni stattfinden, darauf freue ich mich schon. Aber danach gibt es Präsenz-Termine nur zwei Mal im Monat. Das ist schon traurig, die Erfahrungen mit den Leuten, die man normalerweise am Anfang seines Studiums macht, werden mir und meinen Kommilitonen fehlen. Das wird ganz anders sein als zu normalen Zeiten. Jeder sitzt vor seinem Laptop. Wie soll man sich da anfreunden und miteinander vernetzen? Wie ich gehört habe, wird es in unserem Jahrgang nur Kleingruppen geben, die bis zum Ende des Semesters bestehen. Ich hoffe sehr, dass ich mich mit den Leuten verstehen werde.

Donnerstag, 22. Oktober: Kaputtes WLAN

Als ich vor ein paar Tagen festgestellt habe, dass das Wlan in meinem Zimmer spinnt, dachte ich mir: ,Oh je, keine Ahnung, wie man so ein Semester schaffen soll, wenn zu Hause nicht mal das Internet funktioniert?' Meine Mitbewohnerinnen haben mir geholfen und zusammen haben wir einen Wlan-Verstärker gekauft und zur Sicherheit ein Lan-Kabel verlegt. Ich hoffe, dass es bald klappt.

Bisher habe ich noch keinen Kontakt zu meinen künftigen Kommilitonen aufgenommen. Bei Facebook habe ich keine Gruppen gefunden, in denen sich mein Studiengang austauscht, und auch sonst weiß ich nicht, wie ich mich mit ihnen vernetzen könnte. Immerhin habe ich jetzt einen Studierendenausweis und mit meiner WG ist es wirklich super. Wir trinken Tee zusammen, kochen miteinander, ab und zu sind Freunde meiner Mitbewohnerinnen zu Besuch. So fühle ich mich hier nie allein.

An einem unserer ersten WG-Abende haben wir die Pandemie kurz vergessen. Wir haben überlegt, wie unsere Einweihungsparty aussehen könnte. Wir hatten jede Menge Ideen für Mottos und Spiele. Aber daraus wird natürlich nichts. Leider steigen die Corona-Zahlen jetzt wieder. Würzburg war kurzzeitig Hotspot. Das ist schon heavy: Man darf vor der Ersti-Woche nicht in die Hochschule gehen, die Mensen sind geschlossen, nirgendwo hängen Plakate, an denen Ersti-Parties angekündigt sind. Und es sieht nicht danach aus, dass die Zahlen so bald runtergehen.

Mittwoch, 4. November: Die Ersti-Woche

„Mittlerweile geht es mir echt gut. Dabei hat unsere Ersti-Woche am Montag ziemlich seltsam begonnen. Wir haben uns draußen auf dem Campus getroffen, und als ich ankam, standen dort schon die meisten Leute meiner Kleingruppe, die aus 20 Leuten besteht. Aber sie hielten großen Abstand zueinander. So gut wie niemand hat geredet. Es war eine merkwürdige Stimmung. Niemand schien so recht zu wissen, wie er auf den anderen zugehen soll. Wie denn auch, wenn man eine Maske aufhat und 1,5 Meter Abstand zueinander halten soll?  

Unser Mentor ging dann mit uns in den Seminarraum und wir spielten Kennenlernspiele. Zum Glück hat das die Stimmung schnell gelockert. Und man hat gesehen: Die Leute studieren nicht ohne Grund Soziale Arbeit. Eigentlich war für den ersten Tag noch eine Stadt-Rallye geplant, so hätte man die Umgebung und die anderen Leute kennenlernen können. Aber wegen des Lockdowns wurde das abgesagt. Nun machen wir stattdessen ein „Online-Speed-Dating“ über Zoom. Ich denke, da werde ich mitmachen, auch wenn es erst einmal seltsam klingt. Aber immerhin ist dann jeder in der selben Situation und sitzt in seinem WG-Zimmer mit einem Bier oder Wein vor dem Laptop. Vielleicht wird es trotzdem ganz lustig.

Solche Ideen sind schön, aber natürlich finde ich es sehr schade, dass das Semester nicht normal sein kann. So gut wie alle Veranstaltungen werden bis mindestens Ende November online stattfinden. Es ist nun einmal was anderes, ob man sich zu viert in einem Café verabredet und einfach Leute zu sich nach Hause einlädt – oder ob man das nur mit seinen Mitbewohnern machen darf.

In meiner WG machen wir Spieleabende, kochen und bestellen seit einer Woche eine Gemüsekiste nach Hause. Das macht viel Spaß. In den ersten Tagen habe ich eine sehr nette Kommilitonin kennengelernt. Sie wohnt allein in einer Wohnung, weil sie so kurzfristig keine WG gefunden hat. Ich habe sie zu uns eingeladen, damit sie sich nicht so einsam fühlt. Ich habe das Gefühl, dass sie das aufgebaut hat. Diese Woche geht das Studium endlich richtig los.“

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