„Brexit ist sch****, aber lasst uns trotzdem Party machen“

Der britische Abgeordnete Magid Magid hat eine EU-Abschiedsparty gefeiert – inklusive Geigenmusik und Fake-Hochzeiten für EU-Pässe.
Von Nadja Schlüter, Brüssel
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Magid Magid hat seine Zeit als EU-Abgeordneter genossen – darum hat er sie kurz vorm Brexit auch noch mal gefeiert.

Foto: Chris Saunders / dpa, Nadja Schlüter

Ein Kreisverkehr im Nieselregen ist nicht der schönste Ort, um ein Gedicht vorzutragen, aber besondere Anlässe erfordern besondere Maßnahmen. Darum steht Magid Magid am Donnerstagabend auf dem Place du Luxembourg neben dem Europäischen Parlament in Brüssel und rezitiert Verse, begleitet von zitternden Geigenklängen: über seine Zeit als Europaabgeordneter, seine Angst vor dem Aufstieg der Rechten, die Klimakrise und „unsere geliebte EU“. „Fuck Brexit to all and to all goodbye!“, schließt er und das Publikum jubelt. Dann bittet Magid um Applaus für die Geiger*innen, die sich „The Fuck Brexit Orchestra“ nennen und nun gemeinsam „I Will Survive” spielen.

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Auf der Party spielt das Orchestester mit dem wohl ehrlichsten Namen der Welt: „The Fuck Brexit Orchestra“.

Foto: Nadja Schlüter

Magid Magid, 30, ist Abgeordneter der britischen Grünen und wurde im vergangenen Mai ins Europaparlament gewählt. Seitdem war er als junger, schwarzer, muslimischer Abgeordneter mit Fluchtgeschichte eine Ausnahmeerscheinung im Plenarsaal, und hielt leidenschaftliche Reden gegen den Brexit und für Geflüchtete. Dass er vom Vizepräsidenten des Parlaments nach einer dieser Reden gebeten wurde, die gelbe Kappe – sein Markenzeichen – abzunehmen, sagt viel über das Pendeln der EU zwischen großer Politik und kleinteiligem Regelwerk. Nun muss Magid das Parlament nach wenigen Monaten im Amt schon wieder verlassen, weil Großbritannien ab dem 1. Februar 2020 kein EU-Mitglied mehr ist. Der Brexit ist da. 

Weil Magid immer gegen den Austritt seiner Heimat gekämpft hat, will er jetzt nicht einfach still und leise gehen, sondern hat diese Party hier organisiert. Etwa 150 Menschen haben sich unter dem Motto „Brexit’s s***, but let’s party anyway“, (zu deutsch: „Brexit ist sch****, aber lasst uns trotzdem Party machen“) auf dem „Place Lux“ versammelt, Donnerstagabends treffen sich in den Bars um den Platz und auf der Wiese im Kreisverkehr traditionell die jungen EU-Mitarbeiter*innen. Normalerweise verabschieden sie sich hier nur übers Wochenende, aber heute müssen einige von ihnen endgültig gehen. Denn die 73 britischen EU-Abgeordneten, die mit dem Brexit das Parlament verlassen, haben jeweils mehrere Angestellte – und die verlieren jetzt ihre Jobs.

Magids Mitarbeiterin Aya sagt: „Unsere Zeit hier war so kurz. Es bricht mir wirklich das Herz“

Aya, eine junge Frau mit Kopftuch und sehr elegantem britischem Akzent, hat bisher in Magids Büro gearbeitet. Eine ihrer letzten Diensthandlungen ist es, auf der Party durch die Menge zu laufen und farbige Sticker mit dem Gesicht ihres Chefs darauf zu verteilen. „Grün bedeutet: alles gut, ich habe einen Pass und kann in der EU bleiben“, sagte sie. „Orange heißt: Ich weiß noch nicht genau, was wird. Und rot: Hilfe! Ich bin bereit zur Scheinehe, ich bin zu allem bereit!“ Sie lacht. „Oder war es andersrum? Egal!“ 

Zurück in London wüde Aya gerne eine ähnlichen Job finden wie den, den sie hier gemacht hat. „Es ist bittersüß für mich, gehen zu müssen“, sagte sie. „Ich freue mich darauf, meine Familie und Freunde wieder zu sehen. Aber unsere Zeit hier war so kurz. Es bricht mir wirklich das Herz.“ Dann wird sie von einer Italienerin unterbrochen, die sich als „überzeugte Europäerin“ vorstellt und gerne einen Sticker haben möchte. Sie verwickelt Aya in ein Gespräch über die EU, die Macht der Demokratie und Nigel Farages Brexit Party. Solche Gespräche werden heute Abend immer wieder geführt. 

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Aya fällt es schwer, die EU und damit Brüssel zu verlassen.

Foto: Nadja Schlüter
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So geht es vielen. Daher ist das Motto der Party auch: „Brexit ist scheiße, aber lasst uns trotzdem Party machen.“

Foto: Nadja Schlüter
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Wer wirklich nicht gehen mag, muss wohl unter den Traubogen – und sich in die EU einheiraten.

Foto: Nadja Schlüter

Neben dem Zelt, in dem die Musiker spontan die Europahymne spielen und dann „All You Need Is Love“ anstimmen, hat Magids Team einen kleinen Traubogen aufgebaut und mit Luftballons geschmückt. Ein Paar gibt sich das Ja-Wort, Magid mimt den Standesbeamten. Noch bevor er „Sie dürfen die Braut jetzt küssen“ sagt, ruft er: „Rose kann jetzt ein EU-Bürgerin werden und in Brüssel bleiben!“ Die spontan zu Hochzeitsgästen gewordenen Partygäste jubeln. 

Michael hat sich sofort nach dem Referendum um einen belgischen Pass bemüht

Britische Staatsbürger*innen, die aktuell in der EU leben, müssen sie am 1. Februar 2020 nicht verlassen, das ist im Austrittsabkommen geregelt. Aber was passiert, wenn man nach der Übergangsphase, die am 31. Dezember 2020 endet, von der EU ins Vereinigte Königreich oder umgekehrt ziehen möchte, ist noch völlig unklar. Die EU und Großbritannien wollen bis Ende des Jahres diese Details aushandeln und eine Handelsvertrag abschließen. Wenn die beiden neuen Partner keine Einigung finden, kann es doch noch zu einem „Hard Brexit“-Szenario kommen. Auf diese Unsicherheit – und auf die vielen Brit*innen, die die EU lieber nicht verlassen würden – spielt der kleine Traubogen an. 

„Es ist ein Witz, aber die ernste Botschaft dahinter ist: Wir wollen, dass die Briten mit dem Kontinent und mit dem europäischen Projekt verbunden bleiben, denn es ist ein wichtiges Friedensprojekt“, sagt Abdi, einer von Ayas Kollegen aus dem Abgeordnetenbüro, der mit seinem roten Mantel im grauen Nieselregen leuchtet. Auch Abdi geht zurück nach London. „Ich will mit eigenen Augen sehen, ob eine Regierung unter Boris Johnson wirklich so schlimm ist, wie sie klingt!“, sagt er und lacht. Auf die Frage, ob er traurig sei, sagt er: „Ich denke, wir sollten vor allem um die Zukunft des Vereinigten Königreichs trauern.“ Denn sein Land sei ab sofort alleine in einer Welt.

Mittlerweile wird die Party von der Musik der rund um den Platz gelegenen Bars beschallt und die Musiker*innen haben Feierabend. Sie kennen sich aus dem „Bruocsella Symphony Orchestra“, ein Hobby-Orchester. „Rosie, eine Mitarbeiterin von Magid, hat uns gefragt, ob wir heute spielen wollen. Und das haben wir natürlich gerne gemacht, um unseren britischen Kollegen ein bisschen Solidarität zu zeigen“, sagt Stefanie, eine Niederländerin, die lange in Deutschland gelebt hat.

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Stefanie aus den Niederlanden ist eine Geigerin, die zum Abschied Großbritanniens spielte.

Foto: Nadja Schlüter
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Einige der Musiker*innen posierten mit Magid unter dem Traubogen.

Foto: Nadja Schlüter

Ihre beiden britischen Kollegen Michael und Thomas sind auch in mehreren europäischen Ländern daheim – aber Thomas verliert mit dem Brexit die Unionsbürgerschaft, während Michael seine behalten kann. „Ich lebe seit 13 Jahren in Belgien. Nach dem Referendum habe ich angefangen, meine Papiere zusammenzusuchen, damit ich Belgischer Staatsbürger werden kann“, erzählt Michael. Seit drei Jahren hat er nun beide Pässe. „So kann ich nachts besser schlafen.“ Thomas stimmt ihm zu: „Sicher sein, dass man dort leben darf, wo man lebt, das ist wichtig.“ Er hat lange in Frankreich gelebt, danach in Belgien, „aber ich bin immer noch Brite.“ Den Brexit nennt er „absolut frustrierend“. Und Michael sagt: „Der Brexit bedeutet Lügen. Mehr kann man dazu eigentlich nicht sagen.“

Magid gibt die Hoffnung nicht auf, dass Großbritannien eines Tages in die EU zurückkehrt

Magid hält sich heute nicht lange mit dem Schimpfen auf den Brexit auf, er verteilt Umarmungen, macht Fotos mit Freund*innen und Bekannten, zum Beispiel mit einem Ehepaar aus seinem Wahlkreis im Nordosten von England, das auf der Rückreise von Paris extra Halt gemacht hat, um die Abschiedsparty zu besuchen. Die gelbe Kappe leuchtet mal hier, mal da in der Menge auf. „Ich hatte die ganze Woche gemischte Gefühle“, sagt Magid schließlich in einer ruhigen Minute. „Aber insgesamt bin ich dankbar, denn das hier war eine großartige Möglichkeit für mich und ich habe viel gelernt.“ 

Er liebt die EU, gerade darum hat er sie immer wieder kritisiert. Auch heute gibt er ihr noch mahnende Worte mit: „Wir brauchen mehr Diversität im Europaparlament. Es muss Europa widerspiegeln, wenn es Europa wirklich repräsentieren will.“ Wenn es nach Magid geht, kann und muss die EU noch viel tun, um die beste Version ihrer selbst zu werden. Aber er bleibe hoffnungsvoll, sagt er, „denn was ist die Alternative?“ Er gibt auch die Hoffnung nicht auf, dass es in Zukunft wieder eine Europäische Union mit einem Mitglied namens „Vereinigtes Königreich“ geben wird. Oder, wie er es in seinem Brexit-Gedicht ausgedrückt hat: „With a few more grey hairs and the same yellow cap, who knows, in a few years, I might just be back.“

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