Welches Englisch werden wir nach dem Brexit sprechen?

Vielleicht das lustige “Eurish”, das man jetzt schon in Brüssel spricht?
Von Nadja Schlüter
eurisch

Sprechen wir in Zukunft in Europa nicht mehr amerikanisches oder britisches, sondern  ein eigenes „europäisches" Englisch miteinander?

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Wenn eine Dienstreise ansteht, sagen Mitarbeiter*innen der EU gerne: „I go on a mission.“ Ihre britischen Kolleg*innen schmunzeln dann. Für sie klingt es, als habe der oder die andere umgeschult und sei jetzt Geheimagent*in. Eine Dienstreise ist im Englischen eigentlich ein „official trip“, oder man sagt einfach: „I go to Stockholm for work.“ „On a mission“ ist höchstens James Bond.

„Mission“ ist einer von knapp 130 Begriffen, die Jeremy Gardner, ein britischer Mitarbeiter des Europäischen Rechnungshofs, vor einigen Jahren gesammelt und als „Misused English words and expressions in EU publications“ veröffentlicht hat. Weil das Englisch, das in den EU-Institutionen verwendet werde, häufig einer Erklärung bedarf, damit auch Außenstehende (und darunter auch die, deren Muttersprache Englisch ist) verstehen, was gemeint sei. 

In dem knapp 60-seitigen Dokument finden sich viele interessante, absurde und lustige Beispiele, in denen Begriffe aus anderen Sprachen wörtlich übersetzt oder neu geprägt wurden, oder sich falsche Grammatik eingeschliffen hat: „enterprise“ für „Unternehmen“; „eventually“ für „wahrscheinlich“; „homogenise“ für einen Prozess der Angleichung (eigentlich, so beschreibt Gardner es, „a rather unusual word in English and most commonly used with reference to milk“); „third country“ für „Drittland“, also ein Land außerhalb der EU; oder Substantive in der Mehrzahl, die im Englischen eigentlich keinen Plural haben („actions“). 

Englisch ist oft der kleinste gemeinsame Nenner, um sich ohne Dolmetscher*in verständigen zu können

In Brüssel ist es bereits eine Art Running Gag, dass dort nicht Englisch, sondern „bad English“ gesprochen wird. Als Deutsche*r denkt man dabei schnell an Günther Oettinger, der vor Jahren mal was von „We are all sitting in one boat“ sagte und trotzdem EU-Kommissar wurde. Ende des vergangenen Jahres twitterte Terry Reintke, deutsche EU-Abgeordnete der Grünen, dass sich manche Menschen über das „shitty English“ lustig machten, das in Brüssel gesprochen werde:

Die EU hat aktuell 24 verschiedene Amtssprachen und offiziell wird keine davon bevorzugt. Wichtige Dokumente werden in alle Sprachen übersetzt, genauso gibt es Dolmetscher*innen von Bulgarisch bis Ungarisch. Aber im täglichen Umgang ist Englisch, das die meisten Europäer*innen schon in der Schule lernen, nun mal häufig der kleinste gemeinsame Nenner, um sich ohne Dolmetscher*in zu verständigen. Für die Mischung aus korrektem Gebrauch, falschen Übersetzungen und Fachjargon, die dabei manchmal herauskommt, gibt es sogar schon einen Namen: In Anlehnung an „Globish“, einer auf dem Englischen basierende Plansprache, wird sie als „Eurish“ bezeichnet. 

Aber was passiert mit diesem „Eurish“ und mit Englisch in Europa insgesamt, wenn das Verenigte Königreich am 31. Januar 2020 die EU verlässt? Bis zu diesem Tag sprechen 13 Prozent der EU-Bürger*innen Englisch als Muttersprache – danach nur noch etwa ein Prozent. Das Verhältnis unter den Mitarbeiter*innen der EU wird ähnlich aussehen. Nach dem Brexit wird es kein EU-Land  mehr geben, das Englisch als erste Amtssprache führt, denn in den englischsprachigen Ländern Irland und Malta sind das Gälisch und Maltesisch. Und es werden kaum noch Brit*innen bei der EU arbeiten, die bisher, wie Jeremy Gardner, über ein „korrektes“ Englisch gewacht haben. Der Brexit wird den Status der englischen Sprache in der EU also auf jeden Fall verändern – aber mit welchen Konsequenzen? Kommt das Französische, immerhin traditionelle Sprache der Diplomatie und zu Beginn der EU auch wichtigste Sprache in den Institutionen, zurück? Einige französische Politiker haben das bereits unmittelbar nach dem Brexit-Referendum gefordert. Wird Deutsch, das derzeit mit 18 Prozent die größte Gruppe an Muttersprachler*innen in der EU hat, noch wichtiger? Oder bleibt es trotz allem bei Englisch? Und wenn ja, wird es sich verändern? Noch „eurischer“ werden?

Tilmann Haak, 39, ist seit elf Jahren Dolmetscher in Brüssel und Straßburg. Im Europaparlament überträgt er zum Beispiel Redebeiträge während Debatten im Plenum und in Ausschuss- und Fraktionssitzungen ins Deutsche, seine Ausgangssprachen sind Englisch, Spanisch, Französisch, Niederländisch und Litauisch. Haak wäre also auch dann nicht arbeitslos, wenn hier nach dem Brexit nie wieder jemand Englisch sprechen würde. Aber das hält er sowieso für unwahrscheinlich. „In den Institutionen hat Englisch mittlerweile den Charakter einer Verkehrssprache”, sagt er beim Gespräch in einer der Dolmetscherkabinen des Parlaments. Mit Hilfe einer Verkehrssprache, oder auch „lingua franca“, können Menschen, die verschiedene Muttersprachen haben, kommunizieren. Und das, glaubt Haak, werde auch nach dem Austritt der Brit*innen so bleiben.

Der Dolmetscher hat jetzt häufiger mit dem Englisch von Nicht-Muttersprachler*innen zu tun als früher

Dass der Brexit seine Arbeit trotzdem verändern wird, merkt er schon heute: „In dieser Legislaturperiode habe ich bisher öfter Englisch von Nicht-Muttersprachlern als von Muttersprachlern gedolmetscht.“ Weil die meisten britischen Abgeordneten der Brexit-Party angehören, diese aber fraktionslos sind, nehmen sie nicht an Fraktionssitzungen teil. Außerdem sind nach der Europawahl im Mai 2019 in den Ausschüssen weniger Posten an Brit*innen vergeben worden, weil man ja nicht wissen konnte, wie lange sie bleiben würden. In der Konsequenz haben bei vielen Sitzungen, in denen Haak gedolmetscht hat, weniger Brit*innen geredet als in den vergangenen Jahren – mal abgesehen von den Brexit-Debatten im Plenum.

Tilmann Haak wird in Zukunft also deutlich öfter aus dem „Eurischen“ übersetzen. Stört ihn das eigentlich? Er sagt, es sei ihm selbst nicht immer bewusst, dass manche Begriffe und Formulierungen, die verwendet werden, kein „richtiges Englisch“ sind. Aber er erinnert sich zum Beispiel daran, dass eine britische Abgeordnete vor Kurzem sagte: „I have a prejudice against the word ,to mainstream‘.“ „Mainstream ist ein Substantiv, das gibt es nicht als Verb“, sagt Haak. „Aber hier wird ständig irgendwas ,gemainstreamt‘, das fällt niemandem mehr auf. Mir wäre es auch nicht aufgefallen, wenn sie es nicht gesagt hätte.“

„Da fragt man sich schon, wie die Briten so dumm sein konnten“, sagt Marko Modiano. „Nach dem Brexit werden sie keinen Einfluss mehr darauf haben, wie Englisch in Europa benutzt wird. Darum können wir jetzt damit machen, was wir wollen!“ Modiano ist Englisch-Professor an der schwedischen Universität Gävle. Aufgewachsen ist er in den USA, er lebt aber schon seit vielen Jahren in Schweden, wo er für das Interview in seiner Wohnung vor der Webcam sitzt. Wenn die Brit*innen gingen, sagt Modiano, dann sei das so, wie wenn der Englischlehrer die Klasse verlässt und die Schüler anfangen, sich mit Papier zu bewerfen. Klingt nach Chaos. Doch Modiano meint das durchaus positiv: „Die Party fängt gerade erst an!“

„Es gibt kein ,schlechtes Englisch‘, es gibt nur Sprach-Faschisten, die andere schlecht machen wollen“, sagt der Wissenschaftler

Im Herbst 2017 hat Modiano in der Fachzeitschrift „World Englishes“ einen Aufsatz mit dem Titel „English in a Post-Brexit European Union“ veröffentlicht. Darin vertritt er die These, dass die Europäer*innen ohne die Brit*innen automatisch eine eigene Variante des Englischen entwickeln werden. Und zwar nicht nur in Brüssel und in der „EU-Bubble“, sondern auf dem gesamten Kontinent und im Alltag. Eigentlich, sagt Modiano, gebe es dieses „European English“ sogar schon. „Du drückst mit deiner Art, Englisch zu sprechen, deine Identität als Nicht-Muttersprachlerin aus“, sagt er während des Interviews. Schmeichelhafter wurde ein deutlich hörbarer deutscher Akzent wohl nie beschrieben. 

Modiano glaubt, dass junge Europäer*innen in Zukunft immer seltener perfektes American oder British English sprechen werden – und zwar bewusst. Anstatt Amerikaner*innen oder Brit*innen zu „imitieren“, würden sie dann Wert darauf legen, mit ihrem Englisch ihre europäische Herkunft zu markieren. 

Dass sich auf dem ganzen Kontinent ein „European English“ entwickeln wird, mit eigenem Akzent, eigenen Idiomen, die aus den verschiedenen europäischen Sprachen herrühren, und eigener Grammatik, eine Zweitsprache, die wir alle neben unserer Muttersprache lernen und beherrschen werden – das ist natürlich eine gewagte These. Modiano nennt sie „sehr liberal“ und räumt ein, dass nur wenige Linguist*innen sie unterstützen. Und, dass sowas natürlich nicht von heute auf morgen passiere, sondern Zeit brauche. Seine Prognose klingt dann allerdings fast nach übermorgen: „In 25 Jahren werden Europäer*innen sagen, dass sie ein eigenes Englisch sprechen!“

Darauf angesprochen, dass manche das Englisch in den EU-Institutionen als „bad English“ bezeichnen, wird Modiano ein bisschen sauer. „Es gibt kein ,schlechtes Englisch‘, es gibt nur Sprach-Faschisten, die andere schlecht machen wollen. Wenn Menschen versuchen, miteinander zu kommunizieren, sollte man sie ermutigen!“ Eine Sprache, sagt Modiano, gehöre nicht nur den Muttersprachler*innen, sondern allen, die sie benutzten. Tilmann Haak, der Dolmetscher, kann aber auch verstehen, dass englische Muttersprachler*innen nicht immer glücklich mit „Eurish“ sind. „Wenn Leute hier Deutsch sprechen, bin ich immer begeistert, auch, wenn sie Fehler machen“, sagt er. „Aber wenn das Hunderte machen und gewisse Dinge sich verfestigen würden, könnte ich mir schon vorstellen, dass mich das stört …“ 

Vielleicht wird es darum in Zukunft noch ein paar Ir*innen und Malteser*innen geben, die mit der „Misused English words and expressions in EU publications“-Liste wedeln, wenn mal wieder jemand einen Plural benutzt, wo es keinen gibt. Sehr wahrscheinlich aber werden alle weiterhin versuchen, bestmöglich zu kommunizieren, sich irgendwie zu verstehen und so Kompromisse zu finden. Dass das überhaupt funktioniert, bei fast 30 Ländern und mehr als 20 verschiedenen Sprachen, ist ja sowieso immer wieder ein kleines Wunder. Oder wie man in Brüssel vielleicht sagen würde: „We see the European potentials which enable to communicate globally. There might be eventual difficulties – but hey, we are all sitting in one boat!“

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