Ein Liebesbrief an Chemnitz

Du hattest kein leichtes Jahr. Und deshalb stehe ich jetzt erst recht zu dir.
Von Karina Geipel

„Nischl“ nennen die Chemnitzer den großen Marx-Kopf, wo sich im Sommer auch rechte Demonstranten trafen.

Bildrechte: Kay Fochtmann / photocase.de, dpa

Liebes Chemnitz,

du hattest kein leichtes Jahr. Bis Ende August warst du den meisten Menschen völlig egal oder sie kannten dich nicht. Vielleicht hat der ein oder andere mal einen Witz über dich gehört, die Stadt mit drei O, „Korl-Morx-Stodt“, hehehe. Oder ein paar Kraftklub-Fans wussten, dass ihre Lieblingsband aus Chemnitz kam. Dann aber schrieb plötzlich sogar die New York Times über dich. Ganz Deutschland diskutierte über dich und Aufmärsche von Rechten. Das hat verändert, wie ich über dich denke. Deshalb schreibe ich dir diesen Brief.

Chemnitz, ich hatte wirklich nie eine gute Beziehung zu dir. Du warst nie so richtig meine Heimat, obwohl du es sein solltest. Seit 20 Jahren hältst du beschützend deine betongrauen Hände über mich, ich kenne dich in und auswendig. Ich weiß genau, wo deine zauberhaften Punkte sind. Ich weiß genau, wie man mit dir umzugehen hat, damit du die Möglichkeit hast, deine Schönheit zu entfalten. Du wurdest immer bunter, das hat auch spätestens jeder gemerkt, nachdem ein 300 Meter hoher Schornstein, zu sächsisch „Lulatsch“, in Regenbogenfarben angemalt wurde.

Vor allem aber war meine Beziehung zu dir, Chemnitz, von einer Mischung aus Selbstmitleid, Hass und Galgenhumor geprägt. Es war einfach, über dich herzuziehen, weil dich sowieso niemand kannte, der nicht aus Chemnitz kam. Und jeder, der aus Chemnitz kam, wusste, dass du vor allem eins warst: langweilig. Es gab eigentlich nie einen triftigen Grund für die Abneigung. Du warst einfach nur allen gleichgültig, immer im Schatten von Leipzig und Dresden. Zu grau, zu trüb, zu trist, zu alt. Einfach nichts, wonach man als junger Mensch sucht. Dich blöd zu finden, half uns jungen Chemnitzern auch, uns selbst gut zu finden. Du warst schuld, dass unser Leben in Chemnitz nie spannend war.

Jedes Mal den „Nischl“ im Fernseher zu sehen, wenn über Rechtsextremismus gesprochen wird: Das tut verdammt weh.

Nur leider, liebes Chemnitz, haben einige Menschen hier sich entschieden, dass diesen Sommer alles umgekrempelt werden muss. Auf hitzige Temperaturen folgten hitzige Taten. Ich weiß nicht, wieso ausgerechnet du Schauplatz zahlreicher Krawalle und Ausschreitungen geworden bist. Ich weiß nicht, wieso du diese Last auf dich genommen hast und ich kann mir kaum vorstellen, dass es dich erfreut. Jedes Mal, wenn in dieser Zeit über Rechtsextremismus gesprochen wurde, sah man den „Nischl“ im Fernsehen, den bronzenen Marx-Kopf, vor dem Rechte ihre Deutschlandfahnen schwenkten, ihre Parolen schrien und ihre Wutgesichter in die Kameras hielten. Das tat verdammt weh. Und ich merkte: Chemnitz, es war so viel schöner, dich zu hassen und über dich zu lästern, als du mir noch keine guten Gründe dafür gegeben hast.

Doch jetzt redet auf einmal jeder über dich. Und es wird immer schwerer mitzureden. Am Anfang war es noch ganz Sachsen, der ganze Osten, und jetzt bist du auf einmal das Symbolbild für rechte Gewalt. Die Stadt, vor der man Angst haben muss, wenn man in den Augen mancher nicht deutsch aussieht (was immer das eigentlich sein soll: deutsch aussehen) oder man etwas trägt, die manchen nicht in den Kram passt. Seien das Dreadlocks und bunte Socken oder ein Hidjab. Und ich stehe daneben und frage mich: Warum? Plötzlich fühlt es sich falsch an, über dich zu lästern, Chemnitz. Stattdessen sollte die Welt erfahren, warum ich dich liebe.

Ich möchte allen, die vom „Nazisumpf“ im „Entwicklungsbundesland“ sprechen und mich fragen, wie viele „Hutbürger“ in Chemnitz leben, sagen, dass es auch viele Menschen gibt, die schon lange versuchen, Chemnitz intellektueller, kultureller, weltoffener und interessanter zu machen. Zum Beispiel seit 2012 im „Lokomov“, einer Anlaufstelle für kulturellen Austausch, für Weltoffenheit und Toleranz. Hier treffen Menschen aller Nationalitäten und sozialer Herkunft aufeinander. Allerdings wurde diese alternative Bar bereits mehrmals Opfer von Angriffen mit Steinen und sogar durch Schusswaffen. Oder durch Theaterprojekte wie die „neue unentdeckte narrative“ an der auch ich teilnehme. Leider wollten manche Eltern von Schülern aus Hamburg nicht, dass ihre 15- bis 18-jährigen Kinder zu einer Zwischenstandspräsentation nach Chemnitz kommen, obwohl alles gut betreut war. Grund war eine große Pro-Chemnitz Demo. Rechte waren also der Grund, weswegen Eltern ihre Kinder von dir fernhalten, Chemnitz – obwohl diese eigentlich genau aus dem Grund überhaupt an diesem Projekt teilnehmen. Ich würde diesen Eltern gerne ins Gesicht schreien, wie sie nur so über dich denken können, Chemnitz!

Ich möchte schreien: So bist du nicht! Nicht mein Chemnitz! Doch es fällt immer schwerer.

Meine erste Reaktion auf die Geschehnisse Ende August war auch mehr Hass auf dich, gepaart mit Verständnislosigkeit und Wut. Aber dann kam Innehalten. Es kamen Fragen: Was bringt es, wenn jetzt jeder Mensch, der noch ein Fünkchen für dich empfindet, aus Empörung verschwindet? Muss man nicht gerade jetzt zu dir stehen?

Ja. Du solltest auch geliebt werden für deinen Charme, deine Zeitlosigkeit, für Zusammenhalt. Für deinen Aktivismus, den es an jeder Ecke gibt. Für Menschen, die dich nicht fallen lassen und dich jeden Tag schöner machen. Für Bewegungen wie #wirsindmehr. Ich will dich nicht im Stich lassen, Chemnitz. Denn du tust mir leid. Du hast das nicht verdient. Jetzt, wo jeder schlecht über dich redet, kommt bei mir eine Art Mutterinstinkt zum Vorschein. Ich will mein Chemnitz in den Arm nehmen, knuddeln und beschützen vor all den Menschen, die behaupten, sie wüssten, wie du bist.

Die bunten Farben sind noch da, sie sind nur verschmiert, zu einem hässlichen Braun.

Chemnitz, für mich bist du bunt. Natürlich wusste ich, dass es Rassismus in Chemnitz gab und gibt. Aber in dem Ausmaß? Ich lebe hier seit 20 Jahren und ich kann mich doch nicht so geirrt haben! Oder doch? Um bei dem Bild vom Mutterinstinkt zu bleiben: War ich wie eine Mama, die nicht checkt, was das pubertierende Kind hinter ihrem Rücken treibt? So fühlt es sich an, wenn ich sehe, wie ein Mädchen mit Hidschab aus einem Zug am Bahnhof steigt und angepöbelt wird, sie solle verschwinden. Dahin, wo sie hergekommen ist. Dass sie aus Hamburg kommt, interessiert niemanden. In solchen Momenten möchte ich dich an meine Brust reißen, Chemnitz, und allen verkünden – hör nicht hin, das bist du nicht! So bist du nicht! Nicht mein Chemnitz! Doch es fällt immer schwerer.

Wahrscheinlich ist es so: Dein Name wurde in den Schmutz gezogen. Du hast zugelassen, vielleicht haben wir alle es zugelassen, dass sich Rechte an deinem Denkmal versammeln und all die wunderschönen Farben, die wir dir ins Stadtbild gezaubert haben, innerhalb einer Woche ausradieren. Aber vielleicht muss man es auch anders sehen: Die Farben sind noch da, sie sind nur verschmiert, zu einem hässlichem Braun. Damit musst du, müssen wir uns jetzt arrangieren.

Wenn also jeder dich jetzt hasst und abstempelt als das Nazi-Chemnitz, versuche ich dich zu lieben. Wenn alle gehen, die dich einst ironischerweise belächelt haben, dann bleibt niemand mehr übrig.

Du hattest kein leichtes Jahr, Chemnitz. Du liegst am Boden. Hilfesuchend siehst du dich um, doch keiner reicht dir die Hand um dich wieder auf die Beine zu stellen. Langsam kommt jeder in den Genuss des Chemnitz-Bashings. Aber wer weiß – wenn wir alle zusammenhalten und dich nicht hängen lassen und es dir nur oft genug sagen, dann schaffst du es womöglich wieder aufzustehen. Dann schüttelst du den ganzen Dreck von dir ab und erstrahlst wieder in deinen bunten Farben. Oder zumindest in deinen schützenden Beton-Grautönen. Und dann kann ich wieder anfangen, ganz selbstironisch über dich herzuziehen. Aber du wirst es mir danken, mit einem Lächeln in Grau, das so viel schöner ist als Braun.

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