„Unsere Freiheit endet spätestens am Beatmungsgerät“

Auf Twitter reagieren Hunderte verzweifelt und wütend auf die steigende Zahl der Corona-Fälle in Deutschland.
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Foto: Sebastian Gollnow / dpa

Die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland ist derzeit so hoch wie noch nie zuvor. Am Donnerstag meldete das Robert-Koch-Institut 6638 Neuinfektionen mit dem Coronavirus an einem Tag – der letzte Rekordwert (mit 6294 Fällen) wurde im März erfasst. Die Gesamtzahl der bestätigten Fälle steigt somit auf 341 223 und die Zahl der Todesfälle auf 9710. Das Robert-Koch-Institut schreibt: „Daher wird dringend appelliert, dass sich die gesamte Bevölkerung für den Infektionsschutz engagiert.”

„Was muss noch geschehen?”

Angesichts der neuen Infektionsdynamik zeigen sich viele Twitter-Nutzer*innen wütend und verzweifelt. „Was muss noch geschehen?”, fragt ein Nutzer. Was er damit vermutlich meint: Was muss noch geschehen, bis der Staat strengere oder bessere Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung verhängt? Ein anderer sieht diejenigen dafür verantwortlich, die sich bislang nicht ausreichend an die Schutzmaßnahmen gehalten haben: „Wenn die eigene ‚Freiheit‘ über dem Wohl der Gesellschaft steht”, schreibt er. Viele ärgern sich über Menschen, die gegen Schutzmaßnahmen wie das Masketragen demonstrierten, auf Partys gingen oder in Risikogebieten Urlaub machten. 

Gleichzeitig zeigen sich viele Nutzer*innen wenig überrascht. Schließlich habe man schon früh gewusst, dass eine zweite Welle im Herbst zu erwarten sei und hätte sie dementsprechend vermeiden können. Comedian Jan Böhmermann twitterte zynisch: „Seit einem halben Jahr reden alle von der zweiten Covid-19-Welle im Herbst. Wer außer ~alle~ hätte also ahnen können, dass im Herbst eine zweite Covid-19-Welle kommt?“

„Wenn ich die Zahl der #Neuinfektionen sehe, möchte ich schreien. Warum seid ihr so?“

Auch Nutzer*innen, die nach eigenen Angaben im Gesundheitswesen arbeiten, melden sich auf Twitter zu Wort. Eine medizin-technische Assistentin schreibt zum Beispiel: „Wenn ich die Zahl der #Neuinfektionen sehe, möchte ich schreien. Warum seid ihr so?“ Und eine Krankenpflegerin schreibt schlicht: „Na gute Nacht ... Das klappt ja wunderbar mit dem eigenverantwortlichen Handeln.“ Auch eine Landärztin tut ihr Unverständnis kund: „Bin ich einfach nur zu alt um zu verstehen, dass man in diesen Zeiten nicht einfach mal zuhause oder im kleinen Kreis bleiben kann?“, schreibt sie und ergänzt: „Unsere Freiheit endet spätestens am Beatmungsgerät.“

Viele fordern einen „zweiten Lockdown wie im Frühjahr“. Während andere darauf hinweisen, dass es niemals einen ersten Lockdown in Deutschland gegeben hat. Tatsächlich gab es in Deutschland keine Ausgangssperre, sondern lediglich Ausgangsbeschränkungen.

Gar so strenge Regeln wie im Frühjahr, als beispielsweise nahezu alle Geschäfte außer Lebensmittelgeschäften geschlossen hatten, sind bislang noch nicht konkret geplant. Bund und Länder beschlossen am Donnerstagabend aber ein zweistufiges Maßnahmenpaket, das sich nach der Höhe des Inzidenzwertes innerhalb von sieben Tagen richtet: Dazu gehören Maskenpflicht, Kontaktbeschränkungen, Sperrstunden und weitere Regularien. Einigen Twitter-Nutzer*innen scheint das aber nicht konsequent genug. Sie fordern zum Beispiel mehr Schutzmaßnahmen in den Schulen und dass jede*r Einzelne nun verantwortungsvoller handeln müsse.

Andere kritisieren die deutsche Regierung für die Entscheidungsfindung im Bezug auf den Beschluss des Maßnahmenpakets

Andere kritisieren die Maßnahmen, weil sie sie entweder für nicht wirkungsvoll halten – oder aber, weil sie die Gefahr, die vom Coronavirus ausgeht, als gering einschätzen. Wenig überraschend finden sich unter den diversen Hashtags zum Thema auch einige Verschwörungstheorien oder Forderungen von Rechtspopulist*innen, die Schutz-Maßnahmen abzuschaffen. Andere kritisieren die deutsche Regierung für die Entscheidungsfindung im Bezug auf den Beschluss des Maßnahmenpakets. Ein Nutzer findet zum Beispiel, der Prozess laufe nicht demokratisch genug ab und das führe zur  „Zerstörung ganzer Wirtschaftszweige”.

Comedian Shahak Shapira vergleicht den Umgang mit den steigenden Zahlen der Coronainfektionen mit einem Haus, in dem zwei Etagen brennen, die Feuerwehr Löschmaßnahmen dennoch verweigert:

Ob er sich damit auf die Gegner*innen der Maßnahmen oder auf das Vorgehen einiger Landesregierungen bezieht, geht aus seinem Tweet allerdings nicht hervor.

fsk

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