„Das Video geht an die Grenze dessen, was man aushalten kann“

Polizeigewalt gegenüber Schwarzen wird seit Jahren mit Videos dokumentiert. Warum war ausgerechnet das George-Floyd-Video so wirkungsvoll?
Interview von Marcel Laskus

Illustration: FDE

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Immer wieder dokumentieren Videos Polizeigewalt gegenüber Schwarzen in den USA. Und immer wieder führen sie zu Protesten. So etwa 2014, als Eric Garner und Michael Brown durch Polizeigewalt ums Leben kamen. Und so auch jetzt, nach dem Tod von George Floyd. Gibt es aber keine Videoaufnahmen, bleiben die Proteste oft aus, wie Anfang Mai, als die Schwarze Sanitäterin Breonna Taylor in Louisville, Kentucky, unter ungeklärten Umständen von Polizisten erschossen wurde. Warum haben Videos eine solche Mobilisierungskraft? Und warum ist sie bei dem Video, das George Floyds gewaltsamen Tod zeigt, besonders hoch? Ein Gespräch mit der Kommunikationswissenschaftlerin Cornelia Mothes, deren Forschung sich vor allem damit beschäftigt, warum Menschen sich welchen Inhalten zuwenden und welche Wirkung das hat.

jetzt: Videos, die Polizeigewalt gegenüber Schwarzen zeigen, gibt es immer wieder. Warum ist ausgerechnet dieses Video so wirkungsvoll?

Cornelia Mothes: Damit ein Video eine solche Wirkung entfalten kann, muss zunächst eine gewisse soziale Ungerechtigkeit wahrgenommen werden. Einmal durch die Betroffenen, die zur benachteiligten Gruppe gehören. Und einmal durch jene, die sich mit dieser Gruppe solidarisieren. Die Wut gegenüber Donald Trump, aber auch die Corona-Krise, die Schwarze in den USA besonders schwer trifft, haben das sicher verstärkt. Es liegt aber auch am Video selbst: Man kann es sich nur sehr schwer anschauen. Das Video geht an die Grenze dessen, was man aushalten kann. Es berührt gleich mehrere Ebenen von Emotionalität.

Welche?

Einerseits hat der Inhalt des Videos einen sehr starken Nachrichtenwert aufgrund des enormen Negativismus: Ein Mensch leidet. Negativismus steigert die Wahrscheinlichkeit, einem Inhalt seine Aufmerksamkeit zu schenken und ihn mit anderen zu teilen. Mitunter wird das evolutionsbiologisch begründet: Wir wenden uns negativen Inhalten stärker zu, weil sie uns auf eine Gefahr aufmerksam machen könnten, auch wenn sie abstrakt ist. Hinzu kommt ein starkes „Moral Framing“. In dem Video ist ganz konkret zu sehen, was schief läuft in einer Gesellschaft. Ein Weißer tut einem Schwarzen Gewalt an, obwohl der Schwarze nichts getan hat, was diese Gewalt rechtfertigen würde.

Foto: Björn Günther

„Wir leben in einer Welt, in der wir beständig mit negativen Inhalten konfrontiert sind“

Das Video zeigt, wie der Polizist weiter auf dem Hals von George Floyd kniet, obwohl der Polizist sieht, dass er gefilmt wird. Man sieht einen Menschen im Todeskampf. Braucht es wirklich so drastische Bilder, um eine Gesellschaft aufzurütteln?

Wir leben in einer Welt, in der wir beständig mit negativen Inhalten konfrontiert sind. Deshalb sind wir oft abgestumpft, gerade wenn diese Inhalte nicht unmittelbar uns selbst betreffen. Das kann uns davon abhalten, uns weiterführend mit den Themen zu beschäftigen. Es kann uns eher ‚nachrichtenmüde‘ und letztlich auch ‚politikmüde‘ machen. Deshalb hat es vielleicht diese Härte gebraucht, damit das Video solch eine Wirkung haben konnte.

Einige Aktivistinnen und Aktivisten, wie die US-amerikanische Schriftstellerin Melanye Price forderten: „Bitte hört auf, das Video zu zeigen.” Der Tod von Schwarzen sei lange genug als „Spektakel” behandelt worden. Das müsse enden.

Das ist ein Argument, das ich verstehen kann. Das Video zeigt sehr konkret, dass Schwarze offenbar der Regierungsgewalt unterlegen sind. Gleichzeitig zeigt die ausgelöste Diskussion, dass ja nun eben nicht eine systembedingte Schwäche der Afroamerikaner im Vordergrund steht, sondern eine übermäßige Stärke des Rassismus. Das wiederum kann der afroamerikanischen Bevölkerung zu Stärke verhelfen.

Inwiefern können Bilder von „leidenden Schwarzen“ eine andere Wirkung auf uns haben als Bilder von „leidenden Weißen“?

Das kommt wohl darauf an, wen Sie mit „uns“ meinen. Das Bild „leidender Weißer“ mag für Weiße – also Menschen mit Weißen Privilegien – insofern unüblicher sein, als dass man Personen ähnlicher ethnischer Herkunft und kultureller Erfahrungen wohl nicht so häufig dahingehend wahrnimmt, dass sie auch Weiße sind. Man ‚verortet‘ sie eher nach spezifischeren sozialen Kategorien, etwa nach Geschlecht, politischer Einstellung oder regionaler Herkunft.  Und nicht nach der Hautfarbe.

„Wäre es ein journalistisches Video gewesen, wäre es kaum denkbar gewesen, dass die Gesichter unverpixelt gezeigt werden“

Nicht nur der Polizist, auch George Floyd ist in dem Video mit seinem Gesicht zu erkennen. Ist das nicht problematisch?

Dass die Gesichter des Opfers und des Täters eindeutig zu sehen sind, ist rechtlich und ethisch sicherlich nicht unbedenklich. Wäre es ein journalistisches Video gewesen, wäre es kaum denkbar gewesen, dass die Gesichter unverpixelt gezeigt werden. Aber das Video wurde von einer 17-jährigen Privatperson gedreht und veröffentlicht. Hier greifen andere rechtliche Rahmenbedingungen. Aber natürlich wäre es auch in diesem Fall möglich zu prüfen, inwiefern Persönlichkeitsrechte berührt sind, die gegenüber dem öffentlichen Interesse Vorrang haben, also als „Schranken“ der Meinungs-, Informations- und Medienfreiheit wirksam werden können. Gleichzeitig verstärkt es den Effekt des Videos, dass die Gesichter zu erkennen sind: Mit anonymisierten Gesichtern können wir uns oft nicht so stark identifizieren – negativ wie positiv. Das Video hätte sonst also vielleicht sogar eine geringere Wirkung gehabt.

„Ob ein einziges Video ausreicht, um etwas zu verändern, ist fraglich“

Was kann das Video bei denen verändern, die es sehen?

Ob ein einziges Video ausreicht, um etwas zu verändern, ist natürlich fraglich. Aber ein derart moralisch aufgeladener Inhalt kann die politische Partizipation durchaus beflügeln. Personen mit moderater Einstellung könnten sich stärker gegen Rassismus positionieren. Es sind aber auch Boomerang-Effekte möglich: Wenn wir uns Inhalten zuwenden, die nicht unseren Einstellungen entsprechen, kann das dazu führen, dass wir sie zu entkräften versuchen und andere Argumente einbringen, die den angeprangerten Missstand abschwächen sollen. Das könnte die Polarisierung in der Gesellschaft fördern.

Manche behaupten, die Polizei habe gegenüber George Floyd korrekt gehandelt. Wie kann man zu so einer Annahme kommen?

Man könnte es unter anderem mit dem sogenannten „Confirmation Bias“ begründen. Das bedeutet, dass man Informationen, die den eigenen Einstellungen entsprechen, eine größere Objektivität, Richtigkeit und Relevanz zuweist als Informationen, die dieses Weltbild hinterfragen. Dadurch, dass sich im Internet solche Informationen und Gleichgesinnte, die die eigene Sichtweise bestätigen, so leicht finden lassen, hat sich das zum Teil noch einmal verstärkt. Das soll aber nicht heißen, dass jeder Republikaner, der das Video anschaut, kaltblütig zu einer gegenteiligen Einschätzung gelangt. Insgesamt gehe ich davon aus, dass das Video und die Proteste eine konstruktive und langfristige Diskussion in Gang setzen könnten.

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