„Ich musste schon einige Male um mein Leben laufen“

In ganz Mexiko streikten Frauen gegen die brutale Gewalt, der sie täglich ausgesetzt sind.
Protokolle von Lisa Freudlsperger

Foto: privat, Ana Léon, Ruben Martinez, Verónica Salinas, Bearbeitung: jetzt

Am vergangenen Sonntag färbten sich Brunnen in Mexiko-Stadt lila, den Boden vor dem Regierungssitz zierten die Namen der seit 2016 in Mexiko ermordeten Frauen. Etwa 80 000 Menschen hatten sich am Sonntag allein in Mexiko-Stadt an den Protesten zum Weltfrauentag beteiligt. Am Montag streikten die Mexikanerinnen; sie machten sich unsichtbar – landesweit. Die mexikanische Tageszeitung El Financiero hatte Tage zuvor eine Umfrage veröffentlicht, wonach 57 Prozent der Befragten landesweit planten, zu streiken – unter den 18- bis 29-Jährigen in der Hauptstadt sogar 70 Prozent.

Die Resonanz war enorm: Zahlreiche Behörden, nationale und internationale Unternehmen, Banken und Bildungsstätten hatten sich mit der Bewegung solidarisiert und stellten ihren Mitarbeiterinnen frei, zu streiken – teils ohne Lohnabzüge. Der Streik der Frauen ist Teil des Protests gegen die Gewalt, die sie in Mexiko erleben. Durchschnittlich werden dort jeden Tag zehn Frauen ermordet. Im Jahr 2019 verzeichnete die mexikanische Regierung mit einer Zahl von 1006 sogenannten „Feminicidios“ einen traurigen neuen Höhepunkt. Femizide sind Morde an Frauen und Mädchen, die aufgrund ihres Geschlechts getötet werden. Häufig werden solche Gewalttaten nicht zur Anzeige gebracht, nicht öffentlich gemacht und nicht weiter verfolgt. Die lasche Strafverfolgung, die zur allgemeinen Ohnmacht beiträgt, steht zunehmend in der Kritik.

Wir haben Mexikanerinnen gefragt, warum sie sich entschieden haben, gegen die Gewalt aufzustehen und zu streiken. Wie erleben sie ihren Alltag und die Frauen-Bewegungen im Land? Und was erhoffen sie sich für die Zukunft von Mädchen und Frauen in Mexiko?

„Wir müssen dafür sorgen, dass Frauen in Zukunft mit Respekt aufwachsen und nicht mit Angst“

Foto: Ana Lèon

Tania ist 22 Jahre alt und lebt in Morelia. Sie studiert Architektur.  

„Die Idee am Tag ohne Frauen ist, dass keine Frau rausgeht, die Wirtschaft des Landes in keiner Art ankurbelt und ein Bewusstsein dafür schafft, welche Folgen das hat. Ich werde den Tag mit den Frauen aus meiner Familie verbringen, die ebenfalls streiken: mit meiner Schwester und meiner Mutter, ein paar Tanten und Cousinen. Ich glaube, wenn wir uns alle zusammentun, gibt uns das die Macht, nie wieder Angst haben zu müssen und nicht mehr zu schweigen, wenn wir sehen, dass anderen Frauen –  und damit uns allen – Unrecht angetan wird.

Leider ist Mexiko ein vom Machismus geprägtes Land. Von Kindheit an werden wir Mädchen dazu erzogen, still und zurückhaltend zu sein, während Jungs für das genaue Gegenteil gefeiert werden. Die Älteren erziehen dich dazu, dass deine wichtigste Lebenserwartung ist, deinen Partner glücklich zu machen. Zugleich wachsen die Männer in der Ansicht auf, dass sie jede Frau haben können und deshalb finden sie es auch okay, uns zu belästigen. Mir persönlich macht es große Angst, wenn ein Mann näher kommt oder sich nach mir umdreht. Es ist echt belastend, wenn man ständig auf Alarmbereitschaft ist.

Die Bereitschaft der Behörden, Mordfälle an Frauen aufzuklären oder zu verhindern, dass Frauen belästigt werden, ist praktisch gleich Null. Eben deshalb werden die Frauen immer wütender und die Proteste immer revolutionärer. Wir müssen die veralteten Haltungen zur Seite schieben, mit denen wir aufgewachsen sind und dafür sorgen, dass Frauen in Zukunft mit Respekt und nicht mehr mit Angst aufwachsen müssen.“  

Ich musste schon einige Male um mein Leben laufen

Foto: privat

Paulina arbeitet im Vetriebsmanagement. Sie ist 33 Jahre alt, geschieden und hat keine Kinder.

„Ich gehe am Montag nicht in die Arbeit, kaufe nichts ein und versuche, das Surfen in sozialen Medien auf ein Minimum zu beschränken – nur um informiert zu bleiben, was draußen so passiert. In meiner Arbeit haben sie sehr positiv reagiert und uns mitgeteilt, dass wir daheim bleiben können und nicht arbeiten sollen. Was mich bewegt mitzumachen, ist der Mangel an Empathie in unserer Gesellschaft. Diese tief verwurzelte Ignoranz zu glauben, dass der Machismus die Schuld der Frauen wäre, weil sie für die Erziehung verantwortlich sind. Als ob wir nicht alle Teil des gleichen Patriarchats wären, das uns nach diesem Modell erzogen hat.

Wir lernen, dass die Mörder von Frauen außergewöhnliche, monströse Männer seien. Die Mörder sind aber ganz normale Männer mit machohaftem Verhalten, das sie so verinnerlicht haben und für normal halten, dass ihnen gar nicht auffällt, wie ihre Gewalttätigkeit nach und nach steigt. Mir macht es Angst, allein unterwegs zu sein. Ich versuche, mich davon nicht unterkriegen zu lassen, aber ich musste schon einige Male um mein Leben laufen. Das letzte Mal vor zwei Monaten, als mir ein Taxifahrer nachstellte und mir sagte, er würde mich mitnehmen. Als er plötzlich anhielt und ausstieg, rannte ich einfach los, bis zum nächsten Laden.

Ich fühle mich nicht sicher, aber die Frauen-Bewegungen im Land werden immer stärker und ich bin ihnen sehr dankbar, dass sie den Mut haben, aktiv zu werden. Natürlich gibt es auch Gruppen, die schockieren wollen und extremistisch sind. Das macht mich traurig, aber ich will ihr Handeln nicht verurteilen. Ich weiß nicht, was ich tun würde, wenn jemand aus meiner Familie ermordet werden würde. Der Streik am Montag wird vielleicht nicht der Auslöser des Umschwungs sein, den wir wollen. Ich hoffe aber, er trägt dazu bei, dass die Regierung die Problematik wahrnimmt.“

 

„Ich habe immer einen Gegenstand dabei, mit dem ich mich verteidigen kann“   

Foto: privat

Claudia ist 44 Jahre alt und leitet die Finanzabteilung einer Modell-Agentur in Mexiko Stadt.

„In letzter Zeit gab es in meiner Stadt und anderen Bundesstaaten eine Menge Morde an Frauen. Und dazu kommen noch all die Verbrechen, die nicht veröffentlicht oder gar zur Anzeige gebracht werden. Ich persönlich kenne zwei Fälle. Beide Mordopfer waren Freundinnen meiner Schwestern. Die Familien erstatteten Anzeige, einer der Mörder ist mittlerweile im Gefängnis, der zweite wurde nie gefasst und keiner der beiden Fälle drang an die Öffentlichkeit. Ich glaube solche Schicksale gibt es Tausende.

Ich bin mittlerweile vorsichtiger, wenn ich unterwegs bin. Ich habe sogar immer einen Gegenstand dabei, mit dem ich mich verteidigen kann. Ich achte darauf, was ich anziehe und halte Abstand zu Männern, die ich nicht kenne. Am Anfang war ich nicht einverstanden damit, dass manche Feministinnen historische Monumente ansprühen oder zerstören. Mittlerweile denke ich, wenn das die Art ist, wie man Aufmerksamkeit bekommt, dann weiter so. Ich hoffe, dass Bewegungen wie der Streik am 9. März dazu führen, dass Gesetze und Aktionen folgen, die Frauen jeden Alters Sicherheit geben. Langfristig hoffe ich, dass Frauen allgemein mehr Respekt erfahren – von der eigenen Familie bis zur Regierung.“

 

„Frauen, die Opfer von Gewalt wurden, werden als verrückt oder dramatisch abgestempelt“

Foto: privat

Sonia ist 19 Jahre alt, wartet gerade auf ihre Zulassung für die Uni und jobbt in einer Bank. 

„Gestern sollte nicht geputzt, gekocht, auf die Kinder aufgepasst oder eingekauft werden. So soll ein Szenario entstehen, in dem deutlich wird, wie die Frauen in der Gesellschaft fehlen würden. Als Frauen leiden viele von uns unter systematischer Gewalt, derer wir uns oft nicht mal bewusst sind. Gewalt trifft man am häufigsten direkt auf der Straße, in den öffentlichen Verkehrsmitteln, der Schule und der Arbeit an, in Form von Belästigungen und Frauenfeindlichkeit.

Es ist eigentlich unglaublich, wie wir in Angst vor unseren Kollegen, Lehrern und Nachbarn leben. Angst haben, vor den Männern, die sich nähern. Einfach weil es ein Mann ist kommen dir Tausende Gedanken in den Kopf, was er dir antun könnte. Ein Grund dafür, dass viele von uns nicht die Stimme erheben oder Anzeige erstatten, wenn etwas geschieht, ist die Straffreiheit im Land. Frauen, die Opfer von Gewalt wurden, werden als verrückt oder dramatisch abgestempelt oder sie werden einfach ignoriert. Am Ende ignorieren sie den Vorfall selbst oder spielen ihn zu einer Banalität herunter. Die Ohnmacht ist enorm. In Mexiko erleben wir eine Epoche des Wandels, in der Frauen nach Respekt und Gleichberechtigung in der Gesellschaft suchen. Einfach ist das nicht, eher gefährlich und schmerzhaft.“

„Es gibt auch gleichgültige Frauen, aber die große Mehrheit hat die Situation satt“

Foto: Verónica Salinas

Lili ist 40 Jahre alt, arbeitet als Fotografin und leitet gemeinsam mit ihrem Mann eine Foto- und Videoagentur.

„Ich beteiligte mich am Generalstreik, genau wie die Frauen, die in meiner Firma arbeiten. Ich möchte einen besseren Ort zum Leben haben, an dem ein Klima von Respekt gegenüber Frauen herrscht. Es macht mich unglaublich traurig zu wissen, wie viele Frauen ermordet, vergewaltigt, entführt und verletzt worden sind.

Belästigt worden bin ich auch schon, wie wahrscheinlich die meisten Mexikanerinnen. Es ist unmöglich, in einem Rock auszugehen, weil dir alle hinterherrufen, dich ansehen, als wollen sie dich auffressen und das ist ja noch das Harmloseste. Ich habe echt Panik davor, dass ich eines Tages selbst vergewaltigt oder getötet werde, weil das ja schon alltäglich geworden ist und keine Gerechtigkeit existiert, keine Strafen.

Es gibt auch gleichgültige Frauen, aber die große Mehrheit hat die Situation satt. Mir ist es wichtig, die Aufmerksamkeit weiter auf das Problem der Gewalt an Frauen zu lenken. Wir müssen ein Bewusstsein dafür schaffen und die Männer sollen wissen, dass wir in Angst leben und dass wir Respekt einfordern. Mir selbst ist noch nie etwas Schlimmes passiert, aber ich lese und höre, was da draußen geschieht und denke nur: Ich gehöre wohl zu denen, die Glück haben und nur verbal belästigt wurden. Ich weiß, dass sich dieses Problem nicht von einem Tag auf den anderen lösen lässt, aber ich glaube, dass Aktionen wie der Streik ein wichtiger Anfang sind.“

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