„Ich halte den Begriff ,Einzeltäter‘ für irreführend“

Karolin Schwarz hat als unabhängige Gutachterin die Netz-Aktivitäten des Attentäters von Halle untersucht.
Interview von Pia Stendera
karolin schwarz

Karolin Schwarz, 35, Journalistin, Trainerin und Autorin des Buches „Hasskrieger: Der neue globale Rechtsextremismus“

Foto: Ronny Hartmann / dpa

Seit Juni dieses Jahres steht der Täter des rechtsextremistischen Attentats in Halle vor Gericht. Er hatte mit selbstgebauten Waffen eine Synagoge zu stürmen versucht, tötete zwei Menschen und verletzte weitere. Er übertrug die Tat live im Internet. Die Ermittlungen zum Täter ergaben: Er hatte kaum zwischenmenschliche Kontakte und verbrachte die meiste Zeit am Computer. Was genau er dort machte, konnte das Bundeskriminalamt bisher nicht ermitteln. Die Journalistin und Autorin Karolin Schwarz schon. Deshalb sagte sie am 19. Prozesstag als unabhängige Gutachterin im Prozess gegen den Attentäter aus. Noch bevor der Täter gefasst wurde, recherchierte sie auf einschlägigen Imageboards und in Telegram-Gruppen, die sie als mutmaßliches Online-Umfeld des Attentäters ausmachte.

jetzt: Im Prozess sagten Sie, den Begriff „Einzeltäter“ hielten Sie in Bezug auf den Attentäter von Halle und ähnliche Fälle für falsch. Warum?

Karolin Schwarz: Ich würde „alleinhandelnde Täter“ als Bezeichnung bevorzugen, weil sie die Tat allein ausführen. Ich halte den Begriff „Einzeltäter“ für irreführend, weil diese Täter nicht im luftleeren Raum stehen und weil es Menschen gibt, mit denen die Täter interagiert haben. Teilweise planen sie die Taten allein, aber es gibt ein Umfeld: Das sind spezifische Gruppen, die das gleiche Vokabular teilen und zu den Taten aufrufen. Der Täter übertrug seine Tat wie der Terrorist von Christchurch live ins Internet. Das Publikum des Anschlags hat eine aktive Rolle, indem es zur Verbreitung der Terrorpropaganda, der Videos und Schriften der Täter, beiträgt.

Sie haben vor Gericht Reaktionen auf die Tat in Telegramgruppen und auf Imageboards wie Kohlchan und 4chan vorgestellt. Dort können anonyme Nutzer Bilder hochladen und somit Diskussionen eröffnen. Sie gehen davon aus, dass auch der Täter auf diesen Plattformen aktiv war. Wie kommen Sie darauf?

Er hat seine Tat auf einem Imageboard angekündigt und auch sein Propaganda-Paket aus Bildern und Schriften dort gepostet. Zudem nutzt er einschlägiges Vokabular und Memes – sowohl in seinen Pamphleten als auch in dem Livestream der Tat. In dem Livestream bezog er sich auf Memes, die auch auf Boards verwendet werden und spielte einschlägige Musik ab. Das alles lässt darauf schließen, dass er dort unterwegs war.

Die benannten Imageboards sind im Internet frei zugänglich.  Warum ist das Bundeskriminalamt nicht auf ähnliche Erkenntnisse gestoßen wie Sie?

Es ist ein Streit, in den ich mich nicht einmischen will. In Deutschland ist ein generelles Problem, dass es an Expertise fehlt – leider nicht nur bei der Polizei, sondern auch in den Medien und der Forschung. Ich habe getan, was ich aus meiner Arbeit in den letzten Jahren über Online-Rechtsextremismus und im Fact-Checking gelernt habe. Das bedeutet: Wenn etwas passiert, schaue ich mir an, wie auf bestimmten Plattformen im Netz reagiert wird.

„Es ist durchaus möglich, dass es für den Täter Rückhalt gab“

Auf den Imageboards treten alle User*innen anonym auf. Wissen Sie dennoch etwas über den konkreten Auftritt des Täters?

Es hätte sicherlich die Möglichkeiten zu geben bei Meguca – dem Imageboard, auf dem der Täter seine Propaganda zur Tat veröffentlicht hat – wichtige Informationen abzufragen. Das hätte zur Aufklärung beigetragen, ist allerdings nicht rechtzeitig passiert, bevor die Daten automatisch gelöscht wurden. Für sein konkretes Verhalten müssten die Inhalte seines Rechners umfassend ausgewertet werden.* Es ist von außen nicht sicher feststellbar, ob er zum Beispiel auf anderen Imageboards wie Kohlchan unterwegs war. Im Video der Tat sagt er aber einen Satz, von dem andere Nutzer behaupten, es spräche dafür, dass er auch dort unterwegs war. Es gibt eine Reihe von Anhaltspunkten, die dafür sprechen, dass er auf mehreren Boards unterwegs war.

Zeugenaussagen und das psychiatrische Gutachten vor Gericht ergaben, dass der Täter in seinem analogen Leben viel aneckte. Inwiefern könnte das im Netz anders gewesen sein?

Für viele Menschen, die sich allein fühlen, gibt es Communities im Netz, die ihnen Halt geben. Das ist nichts Außergewöhnliches und nichts, was nur im rechtsextremen Spektrum stattfindet. Es ist durchaus möglich, dass es für den Täter Rückhalt gab und dass er sich von der Tat Zuspruch von einer Online-Community versprochen hat, in der Terroristen verehrt werden.

Warum ist gerade auf Imageboards solch ein Ausmaß von Menschenverachtung möglich?

Es ist nicht der einzige Raum, in dem das online geht. Imageboards sind identitätsstiftende digitale Ort, weil es ein spezifisches Vokabular gibt, Ironisierung eine große Rolle spielt und dort eher internetaffine junge Männer unterwegs sind.

„Gewaltakte, die auf Imageboards angekündigt werden, landen bisher selten bei der Polizei“

Auf diesen Boards wird viel über Memes kommuniziert, es herrscht ein vermeintlich ironischer Ton und auf krasse Aussagen folgen häufig relativierende Selbstrechtfertigungen. Woran kann man da erkennen, wann etwas ernstgemeint und bedrohlich wird?

Man kann nicht ganz genau sagen, wann dieser Punkt erreicht ist. Da das Problem nicht nur auf Imageboards herrscht, muss man auch abseits dieser Plattformen schauen, was passiert. Bei dem Attentäter von Halle gab es vorher Hinweise auch im analogen Leben Hinweise darauf, dass er sich zunehmend radikalisiert hat. Für die Boards gilt: Ankündigungen müssen ernst genommen werden. Gewaltakte, die auf Imageboards angekündigt werden, landen bisher selten bei der Polizei. Die Nutzer auf den Boards sind größtenteils unter sich, da werden solche Dinge nicht angezeigt. Die Vielzahl der entsprechenden Seiten und die Dynamik der Entwicklungen gerade im Internet machen es zudem schwierig, ein Auge auf die Szene zu haben. Zugleich sehen wir, dass Gewaltfantasien und Drohungen auch abseits von Imageboards teilweise unter Klarnamen geäußert werden, ohne dass mit unmittelbaren Konsequenzen zu rechnen wäre.

Sie haben vor Gericht gesagt, Imageboards und Telegram sind Orte im Netz, in denen es heißt: Alles geht. Das kann zu ideologischer Radikalisierung führen, wird aber nicht nur zum Schlechten genutzt. Es gibt auch Subboards, auf denen sich anonyme Nutzer*innen zu Themen wie Depressionen austauschen. Wäre Überwachung da die richtige Lösung?

Anonymität im Internet ist ein wichtiges Gut. Viele Themen sind nach wie vor mit Stigmata behaftet. Menschen müssen sich auch über Dinge austauschen können, ohne dass es für alle zurückverfolgbar ist. Andere Räume im Internet funktionieren durch Moderation. Dort ist die Prämisse, dass eben nicht alles geht. Die Möglichkeiten müssen sich dort im Rahmen der Meinungsfreiheit bewegen. Auf Imageboards sind hingegen viele Inhalte justiziabel. Es gibt Volksverhetzung, Holocaustleugnung und in einigen Fällen auch Darstellungen von Kindesmissbrauch.

Ist es nicht möglich, eine Moderation von Imageboards einzufordern?

Das ist schwer. Viele Server sind bewusst im Ausland gelagert. Da ist nicht immer klar, wer dahintersteckt. Und es gibt immer neue Boards. 8chan wurde nach dem Anschlag in El Paso zunächst abgeschaltet, weil das Attentat auf diesem Imageboard angekündigt wurde. Der Attentäter von Bærum hat seine Tat dann auf einem anderen Board angekündigt. Der Angeklagte von Halle hat seine Tat auf einem wieder anderen Board angekündigt. Man kann davon ausgehen, dass der Attentäter von Halle seine Tat möglicherweise auch auf 8chan angekündigt hätte, wenn das Board zu dieser Zeit online gewesen wäre. Es gab und gibt immer wieder neue Plattformen, die mit dem Versprechen werben, dass alles möglich ist. Man jagt dieser Entwicklung gewissermaßen hinterher. Allerdings haben wir auch in Deutschland Gesetze, um mit einigen dieser Phänomene umzugehen. Es passiert nur bislang sehr selten.

*Anm. d. Red.: Nachdem Karolin Schwarz vor Gericht ausgesagt hatte, stellte ein Bundeskriminalbeamter den Inhalt einer Festplatte und eines USB-Sticks vor, die der Attentäter während der Tat mit sich geführt hatte. Die Aufgabe des Beamten bestand in der groben Sichtung des Materials. Eine Verbindung zu Imageboards und dessen Sprache, die sich schon in der Ordnerstruktur wiederfand, wurde nicht hergestellt.

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