„Ich kenne kein feministischeres Land als Spanien“

Unsere EU-Reporter sehen in Spanien ein Land, das seine Potenziale oft nicht erkennt.
Von Vincent-Immanuel Herr und Martin Speer

Fühlt sich dieser Europabär wohl in Spanien?

Foto: Vincent-Immanuel Herr, Martin Speer

Vor  knapp drei Jahren hatten Vincent-Immanuel Herr und Martin Speer die Idee, dass jeder 18-Jährige in der EU ein Interrailticket geschenkt bekommt. Im letzten Jahr ging ihr Projekt in eine Pilot-Phase: Über einen Bewerbungsprozess gewannen Tausende Europäerinnen und Europäer eines der Gratistickets. Nun wollen Martin und Vincent-Immanuel bei einer Rundreise durch Europa junge Menschen zu ihren Einstellungen, Problemen und Wünschen für ein besseres Europa befragen. Für jetzt berichten die beiden von ihrem Trip. Dieses Mal besuchten sie Portugal.

Welche Orte wir besucht haben: Madrid, Sevilla, Tarifa

Was wir erlebt haben: Fahrten mit Zug, Schiff, Bus, Gespräche mit Aktivistinnen, Politikwissenschaftlern und Studierenden, Austausch in verschiedenen Landesteilen, Termine mit regionalem EU-Parlaments- und Kommissionsbüro.

Was wir gelernt haben: In Spanien gibt es eine lebendige und junge Demokratie. Der bevorstehende National- und Europawahlkampf beschäftigt die Menschen, ebenso die wirtschaftliche Situation und der Feminismus. Wir sehen ein Land, das seine Potenziale noch nicht ausschöpft.

Der Satz, den wir nicht mehr vergessen werden: „Wir alle, Frauen wie Männer, sind Opfer des Patriarchats“ (Luz, Anwältin und Richterin)

Als wir in Spanien ankommen, sind wir begeistert vom gut ausgebauten Hochgeschwindigkeitsnetz der spanischen Bahn Renfe. Die rund 600 km zwischen Barcelona und Madrid legen wir in nur 2,5 Stunden zurück. Am Fenster ziehen bergige Landschaften, Orangenbäume und kleine, malerisch wirkende Dörfer vorbei. Das ganze flüsterleise und pünktlich in modernen Zügen – nur das Wlan an Bord will nicht so recht. Für eine vergleichbare Entfernung braucht man mit dem deutschen ICE mehr als doppelt so lange. Doch im Land läuft bei weitem nicht alles so reibungslos wie der Bahnverkehr.

Insgesamt verbringen wir sechs Tage in Spanien, hauptsächlich in Madrid, aber auch mit Abstechern nach Sevilla, Barcelona und Tarifa. Landesweit fällt sofort auf: Es ist Wahlkampf. Auf der Straße, in der Metro und an Gebäuden grüßen uns große Plakate von oftmals ernst-dreinschauenden, spanischen Politikern. Ausschließlich Männer treten bei der Nationalwahl am 28. April als Spitzenkandidaten an. Die letzte Regierung unter dem Sozialdemokraten Pedro Sánchez ist im Februar in die Brüche geraten. Es war ihm nicht möglich seine Minderheitsregierung mit 84 fehlenden Sitzen länger aufrechtzuerhalten.

Die Katalonienfrage sorgt in Spanien weiterhin für Unruhe

Tatsächlich hat Spanien eine recht holprige Statistik an Regierungen der letzten Jahre. Koalitionen werden aufgekündigt und Premierminister gestürzt. Hinzu kommt die Katalonienfrage, die in Spanien weiterhin für Unruhe sorgt. In Barcelona sehen wir viele katalonische Flaggen an Balkonen, Autos und Protestplakate mit der Aufschrift „Llibertat Presos Politics“ (Freiheit für politische Gefangene). Die  Unabhängigkeitsbestrebungen der spanischen Region haben Strahlkraft weit über die spanischen Grenzen hinaus. 

Rosa, Direktorin beim Verband Spanischer Stiftungen, sagt uns: „Eine mögliche Abspaltung Kataloniens kann Folgen für ganz Europa haben. Ich befürchte, der Unabhängigkeitsprozess wird dann auch ausgenutzt, um Europa zu schwächen.“ Ganz andere Vorstellungen von der Zukunft Spaniens hat dagegen die neue rechtspopulistische Partei Vox. Sie will ein zentralistisches Spanien und lehnt die Autonomierechte der Regionen ab. Zehn Prozent der Stimmen könnte Vox bei der Nationalwahl Umfragen zufolge erhalten.

All das würde die Spaltung eines Landes fördern, das noch gar nicht so lange eine Demokratie ist. Bis 1975 herrschte Diktator Francisco Franco in dem Land. Kaum zu glauben, schließlich war er bereits 1939, auch mit Hilfe Nazi-Deutschlands, an die Macht gekommen. Nach Francos Tod zerfiel die Diktatur jedoch recht schnell. König Juan Carlos I führte Spanien schließlich in die Demokratie und betonte in seiner Thronrede, dass „eine freie und moderne Gesellschaft die Beteiligung aller in den Entscheidungszentren (…) erfordere“.

Ein paar turbulente Jahre folgten, in denen die Franquisten hofften, nochmal an die Macht zu kommen. Anfang der 1980er gelang Spanien schließlich der Weg in die Demokratie und Anfang 1986 die Vollmitgliedschaft in der Europäischen Gemeinschaft. „Nach der Franco-Zeit bot das vereinte Europa uns eine neue Chance. Wir wollten uns öffnen, schnell sein. Das ist bis heute so“, berichtet uns Eugenio im EU-Parlamentsbüro in Madrid.

So schnell schaffte es kein anderes EU-Land von der Diktatur zum Mitglied der Staatengemeinschaft. Die junge Demokratiegeschichte ist auch heute noch spürbar. Man fokussiert sich stark auf nationale Themen. Eugenio sagt uns: „Die Welt ist noch zu groß für uns. Wir konzentrieren uns auf die eigene Entwicklung.“ Diesen Eindruck bekommen wir in Spanien mehrfach. Das Land hat viel, auf das es stolz sein könnte, erhebt aber selten seine Stimme in internationalen Angelegenheiten. So hätte Spanien eigentlich große Einflussmöglichkeiten in der EU – immerhin ist es der fünftbevölkerungsreichste Mitgliedsstaat – überlässt aber unserem Eindruck nach Deutschland, Frankreich und auch Italien das Feld.

„Ich kenne kein feministischeres Land als Spanien“

Diese Zurückhaltung ist auch in anderen Bereichen so. Beispiel: Feminismus. Schauen wir uns die Zahlen an, so steht Spanien besser da als andere: Das Land liegt beim Gender Equality Index mit 68.3 Punkten leicht über dem EU-Schnitt (66,2 Punkte). Es gibt mehr weibliche als männliche Studierende und mit 14,2 Prozent liegt der Gender-Pay-Gap deutlich unter dem von Deutschland (21,5), Finnland (17,4) oder dem EU-Schnitt (16,2). In der letzten Regierung gab es mehr Ministerinnen als Minister und hundertaussende Menschen gingen am Weltfrauentag auf die Straße.

Doch sprechen wir mit Spanierinnen darüber, zeigen sie sich zurückhaltend: Man sei doch noch ein recht patriarchales Land, hören wir mehrfach. Gerade in Punkto Familienleben und am Arbeitsplatz. Eine Amerikanerin, die seit zwei Jahren in Madrid lebt, nervt diese Einstellung. An ihre spanischen Freunde gewandt, sagt sie: „Es gibt hier diese Mentalität, sich nie gut genug zu fühlen. Ich kenne kein feministischeres Land als Spanien. Seid doch mal stolz darauf!“

Wir beobachten auf unserer Reise ein Land, das sich nach wie vor kleiner fühlt, als es ist. Spanien hat eine starke Zivilgesellschaft (allein 8000 Stiftungen hat das Land), Technologie und Innovation haben hier ein Zuhause (Europas wichtigste Smartphone-Messe findet hier statt), die Hauptstadt hat eines der größten U-Bahn-Netze der Welt (289 Station gibt es, Berlin hat 173) und eine lebendige Politikszene (Parteineugründungen wie Podemos haben europaweit für Aufmerksamkeit gesorgt). Darüber prahlen hören wir allerdings niemanden. Auf eine Weise ist das sehr erfrischend. Gleichzeitig könnten wir uns gut vorstellen, dass etwas mehr Selbstbewusstsein nicht nur Spanien, sondern auch der EU gut zu stehen käme.

Die Arbeitsmarktsituation hat sich in den letzten Jahren verbessert

Und dann sind da auch noch die ökonomischen Kennziffern. Sie trüben die Sicht. Rund 14 Prozent Arbeitslosigkeit hat Spanien heute. Unter jungen Menschen sind immer noch rund 32 Prozent ohne Job. Rosa meint: „Ich sehe die großen Herausforderungen Spaniens im Bereich der immer noch hohen Arbeitslosigkeit und Ungleichheit“. Doch vergleicht man die Lage auf dem Arbeitsmarkt vor fünf Jahren hat sich die Situation verbessert. 26 Prozent der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter suchten 2013 noch einen Job. Über zehn Prozent mehr als heute. Der Trend gibt Hoffnung. Ebenso wie die positiven Wirtschaftsaussichten von rund zwei Prozent Wachstum in 2020.

Nach schweren Jahren der Wirtschaftskrise, die sich auch auf den Gefühlzustand des Landes und die Beziehung zu Deutschland – wir hören vom „deutschen Spardiktat“ – ausgewirkt hat, spüren wir in unseren Gesprächen vorsichtigen Optimismus. Eugenio und Angeles aus Madrid fassen es im Gespräch so zusammen: „Europa ist für uns ein Blick in die Zukunft.“ Und sie sprechen von all den neuen Perspektiven, die die Mitgliedschaft in der EU dem Land brachte – von Infrastruktur über Bildung bis Kultur. Eigentlich hätten wir zum Abschluss unserer Europaforschungsreise nichts Schöneres hören können.

Von Spanien lernen wir also, dass der Weg nach vorne in die Zukunft nicht immer einfach ist, dass es dabei Rückschläge und Enttäuschungen gibt. Doch von Spanien lernen wir auch, dass man seine eigenen Stärken nicht aus dem Blick verlieren sollte und sein Licht nicht zu weit unter den Scheffel stellt. Wir begegneten vielen Menschen mit erstaunlicher Bescheidenheit. Das macht das Land gerade in Zeiten von Trump, Erdogan, Orban, Putin und Farage so sympathisch: Lieber was Gutes tun, ohne viel darüber zu reden, als zu lautstark zu polemisieren, ohne am Ende viel Fortschritt zu erzielen. Danke, Spanien.