„Die AfD hat von der Unzufriedenheit der jungen Menschen profitiert“

„Die Anliegen und Herausforderungen junger Erwachsener werden von der Politik nicht ausreichend berücksichtigt“ – Ulrike Zeigermann über die Situation junger Menschen in Sachsen Anhalt.
Foto: Jana Dünnhaupt

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20 Prozent der jungen Erwachsenen haben in Sachsen-Anhalt die AfD gewählt. Die Grünen kommen – trotz guter Umfragewerte auf Bundesebene – nur auf 13 Prozent. Ulrike Zeigermann ist Politikwissenschaftlerin an der Otto von Guericke Universität in Magdeburg und spricht darüber, warum die Grünen gerade im ländlichen Raum nur wenig Zustimmung haben und wieso es wichtig ist, junge Menschen in politische Entscheidungen einzubinden. 

jetzt: Die Ergebnisse der Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt sind auf den ersten Blick überraschend. Das Wahlergebnis der jungen Menschen hebt sich vom Gesamtergebnis deutlich ab. Mit welchen Herausforderungen und Problemen werden junge Menschen in Sachsen-Anhalt konfrontiert?

Ulrike Zeigermann: Eines der größten Probleme in Sachsen-Anhalt ist die Armut. 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen gelten als armutsgefährdet. Es ist eines der Bundesländer mit der höchsten Jugendarbeitslosigkeit. Das führt dazu, dass viele junge Menschen abwandern, sowohl innerhalb Deutschlands als auch ins Ausland. Soziale Absicherung, Zukunftsperspektiven und Arbeit sind zentrale Themen bei der jungen Bevölkerung.

Die AfD kommt bei den Unter-30-Jährigen auf 20 Prozent, die CDU auf 17 Prozent. Konnten diese Parteien bei diesen Themen punkten?

Die Wahlergebnisse deuten tatsächlich darauf hin, dass der CDU viel Kompetenz zugeschrieben wird, wenn es um Absicherung und wirtschaftliche Zukunftsperspektiven geht. Zudem wurden die Ergebnisse der bisherigen Landesregierung in Sachen Krisenmanagement und Kohleausstieg vor allem der CDU als Erfolge zugeschrieben, während SPD und Grüne davon kaum profitieren konnten. Auch die AfD schaffte es, bei Fragen nach Arbeitsplätzen sichtbar zu sein und die Probleme im Wahlkampf anzusprechen. Die AfD hat von der Unzufriedenheit der jungen Menschen profitiert, gerade unter den 25- bis 35-Jährigen. Allerdings muss man auch sehen, dass die AfD im Vergleich zur vorherigen Wahl bei den Unter-30-Jährigen massiv an Stimmen verloren hat. 2016 kam sie noch auf 29 Prozent.

Woran könnte das liegen?

Man sieht zwar, dass die AfD nicht nur aus Protest gewählt wurde, sondern zum Beispiel auch wegen ihrer Position in der Corona-Pandemie, in ihrer Regierungskritik an den Corona-Maßnahmen war sie aber nicht alleine:  Auch die FDP hat in ihrem Wahlkampf einen großen Fokus auf gesellschaftliche Öffnungen und Lockerungen gelegt. Das war ein Thema, das aufgrund der starken Einschränkungen gerade für junge Menschen wichtig war und dazu beigetragen hat, dass 13 Prozent der jungen Erwachsenen die FDP gewählt hat.

„Die Grünen sind traditionell in Städten deutlich stärker, was sich auch bei dieser Wahl gezeigt hat“

Die Grünen kommen bei den Unter-30-jährigen auf 13 Prozent, die Älteren haben noch weniger Grün gewählt. Warum konnte die Partei in Sachsen-Anhalt vom bundesweiten Aufschwung nicht sonderlich profitieren? Bundesweit stehen die Grünen insgesamt zwischen 24 und 26 Prozent.

Zum einen ist es der aktuellen Situation geschuldet: Externe Schocks, zu denen eine Pandemie zählt, beeinflussen auch das Wahlverhalten. Viele Wähler*innen setzen in solchen Situationen auf Altbewährtes, was Ministerpräsident Reiner Haseloff entgegengekommen ist. Außerdem ist es ein Nachteil für die Grünen, dass Sachsen-Anhalt ein Flächenland ist. Es gibt hier sehr viel ländlichen Raum. Die Grünen sind traditionell in Städten deutlich stärker, was sich auch bei dieser Wahl gezeigt hat: In Magdeburg und Halle haben die Grünen deutlich besser abgeschnitten als im Rest des Landes.

Warum ist das so?

Im ländlichen Raum sind die Herausforderungen, die die Bevölkerung beschäftigen, ganz andere. In Sachsen-Anhalt, wo überproportional viele junge Menschen eine Ausbildung beginnen, ist zum Beispiel ein großes Problem die große räumliche Distanz zwischen Ausbildungsplatz und Wohnort. Der ländliche Raum ist vom Öffentlichen Nahverkehr nicht gut erschlossen und auch der Ausbau des Radverkehrsnetzes in Sachsen-Anhalt geht nur langsam voran. Daher sind junge Menschen bei ihrem Arbeitsweg und auch privat stark auf das Auto angewiesen. Ansätze der Grünen für nachhaltige Mobilität sind im ländlichen Raum deshalb weit weniger beliebt und relevant als in Städten.

Dennoch haben mehr junge als ältere Menschen die Grünen gewählt. Sind die Unter-30-Jährigen klimabewusster als ihre Eltern und Großeltern?

Die Herausforderungen des Klimawandels sind für junge Menschen in Sachsen-Anhalt ein sehr wichtiges Thema, da es um ihre eigene Zukunft geht und die Existenz zukünftiger Generationen bedroht ist. Den Grünen wird in Sachen Klimaschutz und Ökologie eine große Handlungskompetenz beigemessen, was die Wahlerfolge der Grünen unter jungen Menschen teilweise erklären kann. Fridays for Future haben in den letzten Jahren auch in Sachsen-Anhalt zu einer Sensibilisierung und Mobilisierung insbesondere von jungen Menschen zu Klimafragen beigetragen. Gleichzeitig stellen sich im Kontext des Klimawandels nicht nur Fragen nach einer ökologischen Transformation, sondern auch nach sozialer und wirtschaftlicher Nachhaltigkeit. In Folge des Kohleausstiegs ist der Strukturwandel in Sachsen-Anhalt eine Herausforderung, die alle Generationen betrifft und die Themen Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft verbindet. Klimabewusstsein kann deshalb nicht nur mit der Wahl der Grünen gleichgesetzt werden, sondern äußert sich auch in der Wahl anderer Parteien, die sich zu Klimafragen positionieren.

„Die Anliegen und Herausforderungen junger Erwachsener werden von der Politik nicht ausreichend berücksichtigt“

Was lässt sich aus dem Wahlverhalten der jungen Menschen in Sachsen-Anhalt auch im Hinblick auf die Bundestagswahl ableiten?

Diese Wahl zeigt einmal mehr, wie wichtig es ist, die ländlichen Gegenden nicht zu vernachlässigen. Es braucht Lösungskonzepte für junge Menschen im ländlichen Raum. Dort wird die gesellschaftliche und politische Teilhabe sehr erschwert. Gerade in Sachsen-Anhalt sind jüngere Menschen in der Politik und dadurch auch Entscheidungsprozessen unterrepräsentiert. Die Gremien und Parteien sind von älteren Menschen geprägt.

Welche Probleme entstehen dadurch?

Die Anliegen und Herausforderungen junger Erwachsener werden von der Politik nicht ausreichend berücksichtigt und sie können nur sehr schwer am öffentlichen Leben teilnehmen. Für gesellschaftliche Teilhabe von jungen Menschen braucht es jedoch die notwendigen Strukturen und Ressourcen. Junge Erwachsene müssen zunächst die Möglichkeit haben, an Treffen, an kulturellen, an politischen Veranstaltungen teilnehmen zu können. Dafür braucht es nicht nur mit Blick auf Mobilität, sondern auch mit Blick auf Digitalisierung eine gute öffentliche Infrastruktur, die besonders im ländlichen Raum oft nicht ausreichend vorhanden ist. Und ganz wichtig: Wenn ich von Armut bedroht bin oder keine Arbeit habe, habe ich weniger Freiräume und Möglichkeiten, mich gesellschaftlich einzubringen. Diese strukturellen Fragen stellen sich nicht nur in Sachsen-Anhalt, sondern beschäftigen sehr viele junge Menschen in Ostdeutschland und in der gesamten Bundesrepublik.

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