„Wir sollten einfach alle Antifaschist*innen sein“

Mala Emde über ihr Treffen mit zwei Antifa-Aktivist*innen: „Das war wahnsinnig spannend. Während wir mit denen geredet haben, mussten wir unsere Handys in die Mikrowelle legen“.
Foto: Mathias Bothor

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Eine junge Frau möchte politisch aktiv werden. Auf der Suche nach einer Heimat, einer Aufgabe und sich selbst schließt sie sich einer linken Gruppierung an. Schnell ist sie der Meinung, dass die Demonstrationen und Protestaktionen nicht weit genug gehen. Sie radikalisiert sich, wird extrem und steht plötzlich vor einer Entscheidung über Leben und Tod.

Der Film „Und morgen die ganze Welt“ von Julia von Heinz war einer der meistbeachteten deutsche Filme des vergangenen Jahres, war für den Goldenen Löwen und sogar für den Oscar als bester Internationaler Film nominiert. Nun ist der Film auf Netflix zu sehen. Mit uns hat die Hauptdarstellerin Mala Emde, 25, über Wut, Aktivismus und ein Treffen mit der Antifa gesprochen.

jetzt: Mala, in dem Film „Und morgen die ganze Welt“ spielst du Luisa, eine junge Frau, die sich politisch engagieren möchte und sich schließlich in der linken Szene radikalisiert. Warum ist dieser Film zurzeit relevant?

Mala Emde: Die Stärke des Films ist, dass er dieses Massenbedürfnis auffängt, das es derzeit gibt: Wir müssen uns zusammenschließen und die Gesellschaft und die Politik verändern. Alleine schaffe ich es nicht, aber es wird Zeit, etwas zu tun. Unser Film wirft die Frage nach dem „Wie?“ auf.

Hast du dir während der Dreharbeiten auch die  Frage gestellt, was die richtige Art ist, sich zu engagieren?

Man darf gerade jetzt nicht untätig sein. Ich kann nicht sagen: Ich trage keine politische Verantwortung, deswegen muss ich mich nicht engagieren. Mit so einer Entscheidung verhält man sich schon politisch, weil man dann einfach ein Teil davon wird, wo sich die Welt gerade hinbewegt – und das leider eher nach rechts.

Das Thema, das der Film behandelt, ist sehr komplex und vielschichtig: Eine junge Frau engagiert sich in der linken Szene und radikalisiert sich schließlich so sehr, dass sie vor der Entscheidung steht, Gewalt anzuwenden und sogar zu töten. Wie hast du dich auf deine Rolle vorbereitet?

Ich wusste über drei Jahre lang, dass ich die Rolle spielen werde. In dieser Zeit läuft man wie „schwanger mit der Figur“ durch die Welt und blickt immer auch mit den Augen der Figur auf die Geschehnisse. Dann hat die Zusammenarbeit mit der Regisseurin Julia von Heinz eine große Rolle gespielt. Sie hat ihre Erfahrung, ihr Wissen, ihre Leidenschaft, aber auch ihren kritischen Blick auf linke Gruppierungen mit mir geteilt. Und auch das Buch „Nie war ich furchtloser“ von Inge Viett, die in der Bewegung 2. Juni und in der RAF war, hatte Einfluss auf meine Arbeit.

„Während wir mit denen geredet haben, mussten wir unsere Handys in die Mikrowelle legen“

Inwiefern?

Luisa durchlebt in dem Film drei Phasen: Die Suchende, die im Aktivismus eine Art Ersatzfamilie finden will, die Radikalisierung, in der sie sehr hart ist und schließlich ist sie dann komplett auf sich allein gestellt und wird wieder verletzlich. Vor allen Dingen in der zweiten Phase habe ich mich sehr von Inge Viett inspirieren lassen. Diese Einstellung: Mein persönliches Glück muss sich immer hinter meinen politischen Bestrebungen anstellen.

Ihr habt für den Film auch mit Menschen gesprochen, die aktuell in der Antifa aktiv sind. Was hast du in diesen persönlichen Gesprächen gelernt?

Das war wahnsinnig spannend. Während wir mit denen geredet haben, mussten wir unsere Handys in die Mikrowelle legen und so. Das, was die beiden uns erzählt haben, war sehr wichtig, um das Ganze noch einmal in das Heute zu holen, weil Julia vor allen Dingen Erfahrungen aus den 90er Jahren hat. In so einer Zeit verändert sich natürlich auch vieles.

Hat sich dein Blick auf die linke Szene durch die Recherche und den Film verändert?

Ja, in zwei Richtungen. Zum einen sehe ich die Schwachstellen der Bewegung: dieses Zerreißen und die Kämpfe zwischen linken Gruppierungen wegen minimal anderer Ansichten.  Anstatt dass man gemeinsam für die Ziele kämpft, die einen vereinen. Und auf der anderen Seite empfinde ich aber auch eine Liebe dafür und ein Gefühl von: Wir sollten alle unbedingt Antifaschist*innen sein. Diese Haltung, die von Trump und von wem sonst noch in die Welt gesetzt wird, dass die Antifa eine terroristische Organisation ist, lehne ich komplett ab. 

„Wut rauszulassen und sie einzusetzen ist sehr viel gesünder, als sie herunterzuschlucken“

Deine Rolle radikalisiert sich im Film. Warum wird ihre Haltung immer extremer, sogar bis zu einem Punkt, an dem sie wirklich gesellschaftsgefährdend wird?

Luisa wird im Laufe des Films immer bewusster, dass sie etwas gegen immer stärker werdende rechte Strukturen machen muss, die viel mächtiger, gewalttätiger und erbarmungsloser sind, als sie es sich jemals vorgestellt hätte. Irgendwann ist sie an dem Punkt, an dem sie auch bereit ist, dem Ganzen Gewalt entgegenzusetzen, denn in ihr steigt der Gedanke auf: „Eine*r muss es ja tun.“

Kannst du diese Wut, die Luisa empfindet, ein Stück weit auch nachempfinden?

Absolut. Es gibt dieses Lied von Neonschwarz: „Das. Ist. Unser Haus. Das. ist. Unser Haus“. Das beschreibt dieses Gefühl ganz gut. Dieses: „Mann, das ist unsere Erde und ihr macht sie gerade kaputt. Aber wir wollen auf sie aufpassen. Das ist unsere Demokratie, die ist uns wichtig. Wir wollen uns öffnen und nicht zurück in die Nationalstaaten und in den Konservatismus gehen.“ Das ist vielleicht ein Ausdruck von Wut, aber eigentlich steckt da sehr viel Liebe dahinter, zu unserem Haus, zu unserer Welt.

Kann Wut denn ein gutes Mittel sein, um etwas zu erreichen?

Ich glaube, Wut rauszulassen und sie einzusetzen ist sehr viel gesünder, als sie herunterzuschlucken. In unserer Gesellschaft muss man immer so brav sein. Dadurch halten wir sehr viel zurück, was eigentlich Antrieb und Kraft sein könnte. Wut als Antrieb kann also manchmal zu sehr viel führen, Beispiel: Greta Thunberg. Auch sie ist wütend und protestiert doch gewaltfrei.

„Mein Beruf zwingt mich, Menschen zu verstehen, bei denen ich normalerweise sofort sagen würde: 'Ne, das ist scheiße, was du machst'“

Wie war es denn für dich mit einer Regisseurin zu arbeiten, die im Drehbuch ihre persönliche Geschichte verarbeitet hat?

Es war eine ziemlich große Verantwortung. Ich dachte mir nur: „You better be good.“ Ich spiele zwar nicht Julia, denn es ist eine fiktive Geschichte, aber in Luisa steckt viel von Julias Seele. Das Tolle war, dass Julia mir sehr viele Freiheiten gelassen hat. Je länger wir gedreht haben, desto mehr hat sie mir vertraut. Irgendwann habe ich die Rolle so sehr gespürt, dass ich genau wusste, was Luisa machen würde. Ich musste auch nicht mehr proben. Ich habe gespielt und plötzlich ist irgendetwas ganz anderes passiert, als Julia und ich ganz ursprünglich mal geplant hatten. Dabei hat mir auch sehr geholfen, dass wir ein sehr freies Kamerakonzept hatten. Die Kamera ist mir immer gefolgt und wir durften uns sehr frei bewegen.

Du hast in deiner Laufbahn schon sehr viele, sehr krasse Rollen gespielt: Anne Frank, dann eine überzeugte Nationalsozialistin,  jetzt eine Linksradikale. Musst du als Schauspielerin immer Sympathie für deine Rolle empfinden?

Es gibt unter Schauspieler*innen einen Satz: Verrate niemals deine Figur. Deshalb mag ich meinen Beruf so. Mein Beruf zwingt mich, Menschen zu verstehen, bei denen ich normalerweise sofort sagen würde: „Ne, das ist scheiße, was du machst.“ Gründe zu finden warum Personen so handeln, wie sie handeln, ist sehr interessant. Diese Menschlichkeit zu finden und Brücken zu bauen, anstatt Fronten zu verhärten und jedem Menschen erstmal mit Respekt zu begegnen, das ist meine Herangehensweise.

Wie schaffst du das bei so schwierigen Rollen?

In der neuen Serie Shadow Play spiele ich eine Killerin. Etwas, das ich im echten Leben natürlich niemals tun würde. In diese dunklen Bereiche des Denkens mal reinzugehen ist total faszinierend und schwierig. Ich nehme meine Rollen immer sehr an und mache dann, um sie zu verstehen, plötzlich irgendwelche Türen im eigenen Denken auf. Das sind ganz dunkle Orte in einem selbst.

„Auch in entwaffnender Ehrlichkeit und Verletzlichkeit steckt Stärke“

Wie gehst du damit um, wenn du diese Türen aufgemacht hast?

Natürlich gibt es da auch neue helle, liebevolle Orte und Erfahrungen und die geben einem immer wieder neue Kraft. Bei „Und morgen die ganze Welt“ waren es die tollen Kolleginnen, die mir sehr geholfen haben. Aber ich brauche auch nach jedem Film eine bestimmte Regenerationszeit. Wenn ich richtig, richtig regenerieren muss, verreise ich ganz allein. Bei Luisa habe ich ihr einen Brief geschrieben und mich bei ihr bedankt dafür, was sie mir gezeigt hat und was ich von ihr gelernt habe. Und ich habe eine lange, lange Dusche genommen.

Für was hast du Luisa denn genau gedankt?

Dafür, dass sie so stark ist, nicht aufgibt und sich nicht profilieren muss.  Dass sie nicht zu stolz war, anzuerkennen, dass sie Fehler gemacht hat. Sie ist ein Mensch, der nicht in der ersten Reihe stehen und am lautesten schreien muss, aber sie weiß trotzdem, dass sie wahnsinnig stark und trotzdem verletzlich ist. Das ist etwas, das mich und viele andere junge Frauen beschäftigt: Wir müssen andauernd stark sein und diese Stärke nach außen zeigen, weil wir gegen etwas ankämpfen müssen. Aber ich möchte nicht, dass wir so harte Menschen werden müssen, weil wir etwas erreichen wollen. Das Patriarchat zwingt einen dazu, keine Emotionen zu zeigen. Aber auch in entwaffnender Ehrlichkeit und Verletzlichkeit steckt Stärke.

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