„Wie sollen wir in unserer Schule die Hygiene- und Abstandsregeln einhalten?“

Das sagen Abiturientinnen zu den geplanten Schulöffnungen in NRW.
Protokolle von Sophie Aschenbrenner
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Fotos: Privat / Ina Stark

Eigentlich sollen die meisten Schulen in Deutschland frühestens ab dem 4. Mai wieder schrittweise öffnen. Doch Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet hat für die Schüler*innen in seinem Bundesland andere Pläne. Schon in der kommenden Woche sollen prüfungsvorbereitende Kurse für diejenigen stattfinden, die in diesem Jahr ihren Abschluss machen – auf freiwilliger Basis. Das verkündete Laschet am Mittwochabend. Die Schulen sollten gezielte Angebote in den Prüfungsfächern machen, sagte Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) am Donnerstag im Schulausschuss des Düsseldorfer Landtags. Es gehe dabei nicht um klassischen Unterricht nach Stundenplan.

Gebauer sprach von einem „fairen Angebot für Prüflinge“, das Bildungsgerechtigkeit sicherstellen solle. Ab Donnerstag könnten dann angehende Abiturient*innen und  Schüler*innen, die vor mittleren Abschlüssen stehen, wieder in die Schule kommen. Doch dieses Angebot finden nicht alle gut, auf Twitter trendet bereits der Hashtag #SchulboykottNRW. Wir haben mit drei Abiturientinnen aus NRW darüber gesprochen, wie sie es finden, ab kommender Woche wieder in die Schule zu gehen – zumindest theoretisch.

„Wir waren laut, aber anscheinend hat es nicht gereicht“

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Foto: Ina Stark

Felicitas, 17, geht auf ein Gymnasium in Hagen:

„Es ist alles total turbulent. Wir Schüler fühlen uns alleingelassen, missverstanden und nicht ernst genommen. Es wurden so viele Petitionen gestartet, in denen wir gefordert haben, dass es ein Durchschnittsabitur geben soll, dass also der aktuelle Notendurchschnitt zählt und wir nicht mehr für Prüfungen in die Schule müssen. Wir waren laut, aber anscheinend hat es nicht gereicht. Es macht uns wütend und fassungslos, dass wir ignoriert werden. Das einzig Positive ist, dass wir uns jetzt innerhalb der Schülerschaft stärker vernetzen. 

Laschets Rede gestern war ein Schlag ins Gesicht. Wir haben im Normalfall nicht einmal Seife in unserer Schule. In meinen Leistungskursen sitzen 30 Menschen, wie sollen wir da den Mindestabstand einhalten? Ich glaube, nicht einmal in unseren Gängen wäre es möglich, die Abstandsregelungen einzuhalten. Dazu haben wir eine Partnerschaft mit einer anderen Schule, an der wir einige Kurse besuchen. Das bedeutet: noch mehr soziale Kontakte. Ich wünsche mir mehr Mitspracherecht für uns Schüler*innen bei solchen Entscheidungen. Und, dass Bildung und Gesundheit nicht gegeneinander ausgespielt werden. Lasst uns selber entscheiden, ob wir die Prüfungen schreiben wollen oder ob wir das Durchschnittsabitur wollen.

In den vergangenen Wochen war der psychische Druck sehr groß, ich konnte kaum lernen. Mails ersetzen keinen Unterricht. Sollte es jetzt freiwillige Kurse geben, denke ich trotzdem nicht, dass aus meiner Stufe viele dorthin gehen würden. Die Ansteckungsgefahr ist zu groß, genau wie die Empörung bei uns in der Stufe, manche gehören auch selbst zur Risikogruppe. 

Dass mein Gang zur Schule freiwillig wäre, macht die Sache meiner Meinung nach nicht fairer. Denn wenn ich jetzt nicht hingehe, suggeriert das, ich hätte keine Lust. Das ist aber nicht der Fall. 

Petitionen sind friedlich, haben aber nicht funktioniert. Deswegen überlegen wir jetzt, wie wir uns noch stärker wehren können. Wir überlegen, ob und wie wir rechtlich dagegen vorgehen könnten. Oder wir organisieren eine Demo, natürlich bedacht auf den Sicherheitsabstand. Wir werden mutwillig übertönt, das wollen wir ändern.“

„Unser Gebäude ist sehr alt, wir haben kein warmes Wasser, die Gänge sind sehr eng“

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Foto: Privat

Esther, 24, besucht ein Oberstufenkolleg in Bielefeld und holt dort gerade ihr Abitur nach:

„Bei uns in der Stufe sind etwa 120 Schüler und die Lage ist sehr angespannt. In unserer Whatsapp-Gruppe geht es drunter und drüber. Alle haben unterschiedliche Quellen zur politischen Lage, manche sind sich unsicher, welchen Texten man trauen kann. Ich versuche deshalb immer, die Pressekonferenzen anzuschauen. Gestern nach der Erklärung von Merkel dachte ich erst: ,Okay, der 4. Mai macht Sinn‘ – und dann hat Laschet plötzlich was ganz anderes verkündet. Ich konnte das im ersten Moment nicht glauben. Wie kann man sich so gegen die allgemeine Richtlinie stellen? Das verstehe ich nicht. 

Wir werden von der Schule regelmäßig per Mail informiert. Bisher kam noch keine Mail, wie es jetzt in der kommenden Woche weitergeht. Ich kann mir das nicht vorstellen: Wie sollen wir in unserer Schule die Hygiene- und Abstandsregeln einhalten? Unser Gebäude ist sehr alt, wir haben kein warmes Wasser auf den Toiletten, die Gänge sind sehr eng. Ich finde es nicht gut, dass wir jetzt auf freiwilliger Basis kommen können. Manche haben kranke Eltern oder Geschwister, die werden jetzt nicht in die Schule kommen und ihre Angehörigen gefährden. Viele können sich auch daheim nicht richtig konzentrieren, einige wohnen in kleinen Wohnungen, haben wenig Platz. Viele müssten dann aber mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in die Schule fahren, das macht ja auch keinen Sinn. 

Ich hatte die vergangenen fünf Wochen konstant eine chronische Mandelentzündung. Die kommt vor allem, wenn ich Stress habe. Außerdem hatte ich viele Jahre lang eine Angststörung. Mich belastet die momentane Situation ohnehin schon total – es würde mich fertig machen, jetzt wieder in die Schule zu gehen. Wenn ich selbst entscheiden dürfte, wäre ich für ein Durchschnittsabitur, das sehen in meiner Stufe fast alle so. Das bedeutet, dass das Abi sich aus den Noten berechnet, die wir bisher geschrieben haben. Unsere Gesundheit und unsere Sicherheit sind jetzt wichtiger als Prüfungen. Wir haben zwei Drittel der Leistungen für das Abizeugnis schon erbracht. Es geht jetzt nicht um Faulheit. 

Ich wünsche mir ganz klare Konzepte von der Politik, dass die Schulen wissen, was zu tun ist. Es heißt immer: Man müsste, man könnte, man sollte. Niemand in unserer Stufe kann sich gerade richtig konzentrieren oder arbeiten. Wenn wir wirklich bald wieder in die Schule können, dann denke ich, dass diejenigen kommen, die für die Prüfungen noch Lücken haben. Andere werden wegen ihrer Gesundheit daheim bleiben.“

„Ich werde auf jeden Fall mal hingehen und schauen, ob mir die Kurse was bringen“

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Foto: Privat

Jolina, 18, besucht ein Gymnasium in Radevormwald bei Wuppertal:  

„Die Meinungen zu den neuen Maßnahmen sind in meiner Stufe sehr gespalten. Ich finde es gut, dass wir selbst entscheiden können, ob wir in der kommenden Zeit in die Schule gehen oder nicht. Ich werde auf jeden Fall mal hingehen und schauen, ob mir die Kurse was bringen und ich denke, das werden viele so machen. Wir hatten in den vergangenen Wochen keinen Unterricht, der aufs Abi vorbereitet hat, deswegen haben sicherlich viele noch offene Fragen. Von der Schule werden wir über eine App informiert. Wir sollen Anfang der kommenden Woche Infos bekommen, wie es jetzt für uns weitergeht. 

Ich kann mir aber überhaupt nicht vorstellen, wie die Schulöffnungen umgesetzt werden sollen. Niemand hat damit gerechnet, dass es so schnell wieder losgeht. Ich wohne zum Beispiel auf dem Dorf, da fahren die Busse jede Stunde. Die sind immer voll. Unsere Klassenzimmer sind klein. Und es können ja auch nicht alle einfach kommen: Wir haben zum Beispiel einen Schüler in der Stufe, der krank ist und für den es sehr gefährlich wäre, wieder in die Schule zu kommen. 

Ich finde es insgesamt unfair, dass das mit dem Abi in jedem Bundesland unterschiedlich geregelt ist. Denn es ist ja auch unfair gegenüber den Schülern in anderen Bundesländern, dass wir früher physischen Unterricht haben: Wenn wir jetzt noch Fragen haben, dann können wir sie unseren Lehrern stellen, und das ist im Klassenzimmer schon einfacher als zum Beispiel via Mail. 

Ich würde schon sehr gern das Abi schreiben. Ich stelle es mir komisch vor, ein  Durchschnittsabitur ohne Abschlussprüfungen zu bekommen. Ich fände es am besten, wenn die Prüfungen noch eine ganze Weile nach hinten verschoben werden würden. Das Problem dabei ist, dass es auch immer schwerer wird, sich zum Lernen zu disziplinieren. Man muss sich alles selber beibringen und erarbeiten, noch dazu ist die aktuelle Situation belastend. Viele in meiner Stufe haben gerade ganz andere Probleme und keinen Kopf, wirklich zu lernen. Es ist sehr anstrengend, dass sich alles ständig ändert.“

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