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Was die kommende Schulöffnung für mich als Schüler bedeutet

Foto: Feliphe Schiarolli / Unsplash / Bearbeitung: jetzt

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Am Freitag, den 13. März 2020, fühlte ich mich erhört. Das war der Tag der coronabedingten Schulschließungen in Rheinland-Pfalz. Ich marschierte mit einem breiten Grinsen durch die Vormittagssonne zu meiner einzigen Unterrichtsstunde an diesem Tag – der Rest meiner Lehrer*innen am Kleinstadtgymnasium hatte sich krankgemeldet. Es war ein beruhigendes Gefühl, dass anscheinend auch bei den rheinland-pfälzischen Bildungspolitiker*innen endlich der Groschen gefallen war. Dass sie an uns dachten.

In den Tagen zuvor sah das noch anders aus: Während wir Zwölftklässler*innen über soziale Medien zuerst Bilder aus China, dann aus Italien von menschenleeren Straßen und Geschäften und überfüllten Krankenhäusern sahen, während Menschen sich in der Öffentlichkeit häufiger mit Atemschutzmasken schützten, während Veranstaltungen mit über 100 Teilnehmer*innen in immer mehr Landkreisen in Deutschland verboten wurden, waren meine Mitschüler*innen und ich tagtäglich Teil einer Veranstaltung mit gut 900 Teilnehmer*innen auf engstem Raum: in der Schule.

Ob im Seifenspender auch Seife war – jedes Mal aufs Neue eine Überraschung

In den Pausen mussten wir uns durch enge Treppenhäuser aneinander vorbeizwängen. Warmes Wasser zum Händewaschen gab es auf den Toiletten nicht. Ob im Seifenspender auch Seife war – jedes Mal aufs Neue eine Überraschung. In der Politik schien das aber keinen zu interessieren. Einziges Signal: Plakate, die vor dem Sekretariat darum baten, man solle sich nicht die Hand geben, und Plakate neben den Waschbecken, die zeigten, wie man sich richtig die Hände wäscht.

schulsperrung tilmann

Der Schüler Tilmann ist 18 Jahre alt und würde gerne selbst entscheiden, wann er sich welcher Gefahr aussetzen muss.

Foto: Privat

So wirklich glaubte irgendwann keine*r von uns mehr daran, dass wir noch lange in die Schule gehen würden. Ein Lehrer fragte bei der Vorbereitung auf eine Klausur mit einem Grinsen: „So, und jetzt mal ehrlich: Wer von euch glaubt, dass wir diese Arbeit noch schreiben?“ Aber trotzdem: Signale von der Politik blieben aus. Bis zum letzten Freitag in der Schule.

Verlässliche Informationen gab es an diesem Vormittag noch nicht. Die meisten von uns wurden per Push-Meldung auf ihrem Handy darüber informiert, dass die Entscheidung zwar erst mittags falle, aber davon auszugehen sei, dass die Schulen erstmal geschlossen würden. Unsere Lehrer*innen wussten an diesem Tag ebenso wenig wie wir. Eine Durchsage in der Schule wirkte wie eine Bestätigung des Gerüchts: Wir sollten doch bitte noch heute unsere Bücher aus den Spinden holen und nach Hause mitnehmen. Und am Nachmittag stand es dann fest: Bis nach den Osterferien sind die Schulen dicht.

Homeschooling gibt uns endlich selbst die Kontrolle, wie wir mit dem Coronavirus umgehen

 

Die ersten Tage zu Hause fühlte sich dann nach Ferien an – die wenigen Arbeitsaufträge, die in meinem E-Mail-Postfach landeten, ignorierte ich. Stattdessen: Ausschlafen, liegengebliebene Bücher lesen, die Film-Sektion auf Netflix durcharbeiten, die Sims wiederentdecken. Und ganz generell das Gefühl: Es geht voran, wir Schüler*innen wurden nicht vergessen, wir haben endlich selbst die Kontrolle, wie wir mit dem Coronavirus umgehen.

Denn der Kontrollverlust gehörte zu den Dingen, die mir am meisten Angst eingeflößt hatten, als wir noch in die Schule gehen mussten. Jede*r sprach von Social Distancing, davon, als Vorsichtsmaßnahme nur noch einmal in der Woche einkaufen zu gehen – wir Schüler*innen aber hatten keine Wahl. Wir konnten nicht kontrollieren, welchem Risiko wir uns aussetzten. Niemand von uns hatte Einfluss darauf, ob Mitschüler*innen oder Lehrer*innen mit Covid-19-Symptomen auch wirklich Zuhause blieben, oder ob sie in der Schule neben oder vor uns saßen. Und seien wir ehrlich: Genügend Sicherheitsabstand zu halten, ist in einem Klassenraum unmöglich.

In den dreieinhalb Wochen zu Hause kam dann doch immer mehr schulischer Alltag zurück – die Lehrer*innen begannen, ihren Unterricht der neuen Lage anzupassen und waren entschlossen, ihn weiter durchzuziehen: Zoom-Videokonferenzen um acht Uhr morgens, die meinen gerade erst liebgewonnenen Langschläfer-Rhythmus zerstörten, Massen an Arbeitsaufträgen. Irgendwann fühlte sich das alles an, als hätte ich ständig Schule – obwohl es eigentlich weniger Aufgaben waren, als wir in der normalen Schulzeit bearbeitet hätten. Trotzdem: Es war ein sicheres Gefühl. Bis kurz vor den Osterferien. Denn da stellte sich wieder die Frage: Wie soll es weitergehen?

Man kann nicht Großveranstaltungen langfristig verbieten und gleichzeitig die Schulen öffnen

 

Dass man überhaupt schon darüber nachdenken könnte, die Schule direkt nach den Osterferien wieder zu öffnen – das hatte ich nicht geglaubt. Die Zahl der Infizierten war doch weiter angestiegen, über das Virus wusste man immer noch sehr wenig und von einem Impfstoff war man auch noch weit entfernt. Vielleicht habe ich mich da in einer Filterblase bewegt. Ich dachte, endlich hätten alle verstanden: Erstmal muss Schluss sein. Man kann nicht Großveranstaltungen langfristig verbieten und gleichzeitig die Schulen wieder öffnen.

Das ist nun aber der Plan von Bund und Ländern: Ab Montag, 4. Mai sollen die Schulen in Deutschland wieder geöffnet werden – zunächst für die Abschlussklassen, die Klassen, die im kommenden Jahr Prüfungen ablegen und die obersten Grundschulklassen. Teils variiert die Regelung auch von Bundesland zu Bundesland: In Nordrhein-Westfalen werden die Schulen zum Beispiel früher geöffnet, in Bayern erst später.

Natürlich: Verbunden sein soll das alles mit Sicherheitsvorkehrungen. Bis zum Mittwoch, 29. April, soll die Kultusministerkonferenz der Länder ein Konzept darüber vorlegen, wie diese Hygienemaßnahmen genau aussehen sollen. Aber machen wir uns nichts vor: Auch wenn Schüler*innen zum Beispiel erst einmal in kleineren Gruppen zurückkehren – die Infektionsgefahr bleibt bestehen.

Selbst ich werde mich damit schwer tun, mich nach einem Monat ohne meine Freund*innen weiter von ihnen fernzuhalten. Wie kann man das von Grundschüler*innen erwarten? Auf Twitter sehe ich, wie Gesundheitsminister Jens Spahn seine Atemschutzmaske zuerst falsch herum aufsetzt, dann an ihr rumzurrt – nur um sie später beim Gespräch mit der Presse ganz abzuziehen. Aber von Viertklässler*innen erwarten Bund und Länder, damit richtig umzugehen?

Wissen die Bildungspolitiker*innen nicht, wie es in unseren Schulen tatsächlich aussieht?

Mir ist die Entscheidung unverständlich. Wissen die Bildungspolitiker*innen nicht, wie es in unseren Schulen tatsächlich aussieht? Wie will man alle Schüler*innen und Lehrer*innen, die zurück müssen, mit Atemschutzmasken versorgen? Als Schüler fühle ich mich machtlos. Wieso haben wir in dieser Entscheidung kein Wort mitzureden? Wieso fragen Bund und Länder neben den Forscher*innen von der Nationalakademie Leopoldina nicht auch mal Schüler*innen und Lehrer*innen, wie die Lage in deutschen Schulen tatsächlich aussieht, und was wir von alledem halten?

Diese Machtlosigkeit ist schwer zu akzeptieren. Statt selbst über unsere Zukunft und das Risiko für unsere Gesundheit zu entscheiden, müssen wir uns danach richten, was Politiker*innen sagen – ohne dass sie unsere Meinung in ihre Überlegungen einbeziehen. Jetzt schickt man uns in kleinen Gruppen wieder an die Corona-Front.

Vielleicht denkt man sich dabei: Den jungen Menschen wird ohnehin nichts passieren, sie werden ja durch Covid-19 weniger gefährdet. Aber das ist zu kurz gedacht: Ansteckend kann man auch ohne Symptome sein – allerdings achtet man dann vielleicht weniger darauf, niemandem zu nahe zu kommen. Außerdem gibt es Schüler*innen und Lehrer*innen mit Vorerkrankungen, und auch außerhalb der Schule hat sicher jede*r von uns früher oder später Kontakt zu Risikopersonen.

Ich finde: Ein paar Wochen Schule sind es nicht wert, dass Schüler*innen und Lehrer*innen Gefahr laufen, sich selbst und andere mit dem Coronavirus anzustecken. Wenn ich an den 4. Mai denke, wird mir mulmig.

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