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Jeremias Thiel war am Mittwochabend bei Maischberger zu Gast.

Foto: Max Kohr / WDR

In der Talkrunde von Sandra Maischberger am Mittwochabend wurde der 17-jährige Jeremias Thiel mit „Er wuchs in Armut auf“ vorgestellt. Mit schwarzer Hornbrille und etwas aufgeregt saß er im Stuhlkreis mit Sahra Wagenknecht, dem Selfmade-Millionär Ralf Dümmel („Die Höhle der Löwen“) und zwei Wirtschaftsjournalisten.

Aufhänger der Sendung mit dem Thema „Die unfaire Republik: Reiche bevorzugt, Arme benachteiligt?“ waren zwei Meldungen, die kürzlich die Runde machten: Die Erwerbsarmut in Deutschland hat sich in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt. Gleichzeitig kamen im vergangenen Jahr 250.000 Millionäre hinzu. Eine Gleichung, die nicht so ganz aufgehen will.

Was drohte, ein sehr theorielastiges Gerede am Mittwochabend zu werden, wurde von Jeremias überraschend aufgelockert, indem der die Chance nutzte, den Beteiligten sehr elaboriert und aus erster Hand nahezulegen, was es bedeutet, in Armut zu leben. 

Er kommt aus einer zerrütteten Familie. Beide Eltern haben selten bis nie gearbeitet. Der Vater war depressiv, die Mutter spielsüchtig, der Bruder hatte ADHS. Kein einfaches Umfeld. Auf die Frage, woran ein Kind merkt, dass es in Armut lebt, antwortet Thiel trocken: „Ich habe gemerkt, dass ich arm war, als ich während der Europameisterschaft Flaschen sammeln war.“ Während der Spiele zog er los, damit er sich ein Paar Schuhe leisten konnte.

Auch seine sozialen Kontakte hätten gelitten: Einfach mal ein Eis mit den Freunden essen gehen war nicht drin, auch zum Fußballturnier konnte er nicht mitfahren. Armut, so Jeremias, sei vor allem die Einschränkung des sozialen Lebens.

Rainer Hank, Leiter der Wirtschaftsredaktion der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, stimmte in der Runde einer bekannten Aussage von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zu: Wer Hartz 4 beziehe, sei nicht arm. Wenig später wurde er von Jeremias mit der Realität konfrontiert, der eine sehr klare Meinung zu Hartz 4 hat: „Das Existenzminimum ist gestellt, man hat natürlich das nötige Essen“, räumt er ein – aber das einzige, was wirklich dadurch gefördert werde, seien Übergewicht und soziale Isolation. Viel schlechtes Essen und finanziell keine Chance, ein geregeltes Sozialleben zu führen: „Man fördert negativ und in keinem Weg positiv“, sagte Jeremias.

Und auch beim Schlagwort „Chancengleichheit“ hatte der 17-Jährige keine Scheu, eindeutig Position zu beziehen: „Das Wort Chancengleichheit ist, in dem Kontext realistischer Jobmöglichkeiten, ein Begriff, der nicht existiert.“ Er selbst schätzt sich glücklich, aus seiner Situation herausgekommen zu sein. Ohne ausgiebiges Engagement wäre das jedoch nicht möglich gewesen. Und er ist sich sicher, dass viele, die in ähnlichen Verhältnissen leben, nie die Möglichkeit oder Kraft hätten, sich daraus zu befreien. Daneben wirkte Rainer Hank unglaubwürdig, wenn er etwa sagte: „Wer einen Vollzeitjob haben will, der wird ihn bekommen. Ich gehe kein hohes Risiko damit ein, wenn ich sage: Jeder wird einen bekommen und auch davon leben können.“

Jeremias ist inzwischen Vollstipendiat an einer internationalen Schule in Freiburg und hat sich das Ziel gesetzt, in Harvard zu studieren.

schja

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