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Dass Notre-Dame brannte, berührte Menschen – und  bewegte sie,  teilweise enorme Summen zu spenden.

Illustration: Jessy Asmus

Der Brand der Kathedrale Notre-Dame hat sehr viele Menschen tief bewegt. Weltweit waren Prominente, Politiker und normale Bürger geschockt ob des immensen Schadens an diesem einzigartigen Kulturdenkmal. Nach mehr als 15 Stunden Löschanstrengungen der Feuerwehr lag die Kathedrale am Dienstag gebrochen im Morgenlicht. Und Macron kündigte den Wiederaufbau an.

Drei Tage später ist man den Anblick der nackten und endturmten Kathedrale fast gewohnt, der Alltag kehrt langsam zurück. Bei dem Brand wurde eine Person verletzt, niemand starb, die Dornenkrone wurde zusammen mit einigen anderen Kulturschätzen gerettet. Soweit, so gut.

Irritiert sind nun viele eher von dem gigantischen Geldbetrag, der innerhalb kürzester Zeit für die Restauration von Notre-Dame zusammengekommen ist: Über 800 Millionen Euro sollen bereitgestellt worden sein. Mehr als 300 Millionen Euro alleine durch französische Super-Reiche. Wie viel die Restauration am Ende genau kosten wird, ist dabei noch nicht klar.

Eigentlich eine gute Sache, könnte man denken – dennoch regt sich auch Unmut: Ist das noch verhältnismäßig, fragen sich Menschen, dass so viel Geld für ein abgebranntes Gebäude gegeben wird – während im gleichen Atemzug Menschen etwa an Unterernährung sterben? Befeuert wurde diese Debatte auch durch Instagram-Posts wie diesem hier: Das Jugendmagazin Fluter der Bundeszentrale für Politische Bildung, vergleicht darin die Spenden für Notre-Dame mit denen für die Seenotrettung von Geflüchteten:

Wer sich einmal entschieden hat, zu spenden, springt nicht mehr so schnell ab

 Es ist eine Debatte, die gleichermaßen von Prominenten wie etwa Natascha Ochsenknecht und auch großen Medienhäusern geführt wird. Bevor man sich aber über die Moralität der Spenden von Notre-Dame aufregt, muss man aber die Relevanz des Problems einordnen: Ist die Spendenaktion um Notre-Dame Ausdruck einer Tendenz, dass Menschen gegenüber dem Leid anderer immer abgestumpfter werden? Dass Symbole einem wichtiger sind, als echte Menschen? Oder handelt es sich um einen nichtssagenden Einzelfall?

Für deutsche Verhältnisse spricht hier viel für einen Ausreißer: Von den 5,3 Milliarden Euro Spendengeldern, die 2018 von Privatpersonen gegeben wurden, gingen 73,7 Prozent an humanitäre Zwecke und nur 2,5 Prozent an den Erhalt von Kulturdenkmälern. Die höchste Summe, die in den vergangenen fünfzehn Jahren für einen Zweck gespendet wurde, wurde an die Erdbeben- und Tsunami-Opfer im Jahr 2004 gespendet, bei dem etwa 230 000 Menschen starben. Im Jahr 2005 hatte fast jeder zweite Deutsche Geld dafür gegeben. Das belegen Zahlen des Deutschen Spendenrats, einer Organisation, die sich unter anderem auch für Spenden-Transparenz einsetzt.

Trotzdem, der Fall Notre-Dame hat durchaus eine medienpolitische Dimension: Damit für etwas gespendet wird, müssen die Menschen erst einmal mitbekommen, dass ihre Hilfe nötig und erwünscht ist. Die Geschäftsführerin des Deutschen Spendenrats, Daniela Geue, sagt gegenüber jetzt, dass je mehr über etwas berichtet wird und je eindringlicher die Bilder sind, umso mehr auch dafür gespendet wird: „Das ist natürlich auch problematisch.“

„Wenn man etwa schon einmal dort war, hat man eine ganz andere Nähe zu dem Problem“

Gleichzeitig sei es so, dass ein Fall wie das Feuer natürlich die sogenannten anlassbezogenen Einmalspender wachruft. Bei längeren Krisen sei es schwierig, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu erhalten. Die gute Nachricht sei aber, dass der Anteil der Menschen, die regelmäßig spenden, über die Jahre gewachsen sei. „Die Leute gucken nach einer Organisation, der sie vertrauen können, und dann bleiben sie bei der.“ Das viel beschworene Phänomen der Spendenmüdigkeit stimmt also nur halb: Wer sich einmal entschieden hat, für einen Anlass länger Geld zu geben, springt nicht mehr so schnell ab.

Was bewegt also jemanden zum Spenden? Es gibt unterschiedliche Anreize, Geue betont die Wichtigkeit von der eigenen Identifikation zu dem Spendenfall: „Die Leute entscheiden das oft vom Herzen her, also, Krebshilfe ist mir wichtig, weil ich beispielsweise jemand in der Verwandtschaft hatte oder habe, der daran erkrankt ist.”

Bei Notre-Dame könnte das auch so gewesen sein: „Wenn man etwa schon einmal dort war, oder es sich vielleicht schon immer gewünscht hat, einmal hinzufahren, hat man eine ganz andere Nähe zu der Katastrophe“. Dass das Bild von Notre-Dame eines war, dass jeder von uns auch schon vor dem Brand kannte, ob aus klassischen Kunstwerken, Disneys Glöckner von Notre-Dame, aus Paris-Werbungen oder durch einen echten Besuch, ist klar. Dieses Bild niederbrennen zu sehen, berührt.

Wird eine Kirche wieder aufgebaut, ist das Ergebnis überprüfbar

Was ein weiterer hilfreicher Faktor bei der Spendensammlung für Notre-Dame ist, sei die Unmittelbarkeit – eine Kirche wird wieder aufgebaut, Punkt. Ein einfacher Handelsauftrag, das Ergebnis ist überprüfbar. Die Forschung ist sich einig, dass Menschen es scheuen, für etwas Geld zu geben, wenn nicht ganz klar ist, wie und wohin das Geld fließt. „Der Krieg in Syrien ist so ein Fall. Da sind sich die Leute nicht sicher, was passiert mit dem Geld. Kommt das überhaupt an?“ Das sei manchmal eine berechtigte Sorge, aber manchmal eben auch nicht: „Das Deutsche Rote Kreuz ist international hervorragend organisiert, unmittelbarer Hilfe in Krankenhäusern oder Notlagern.”

Und ist es jetzt unmoralisch für Notre-Dame zu spenden – und für Menschen nicht? Geue findet: Nein. Sie sagt: „Am Ende entscheidet doch jeder Spender für sich, ob er spenden möchte. Es ist großartig, dass überhaupt gespendet wird.“ Diese Freiheit solle man nicht eingrenzen.