„Von Aktivismus kann man keine Miete bezahlen“

Für seinen Dokumentarfilm „Dear Future Children“ hat Franz Böhm drei Aktivistinnen auf drei Kontinenten begleitet.
Interview von Nadja Schlüter
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Pepper, Rayen und Hilda (v.l.n.r.) kämpfen für unterschiedliche Ziele an verschiedenen Orten auf der Welt. Doch ihr Aktivismus und ihr Mut verbinden sie.

Filmstills: Friedemann Leis; Bearbeitung: jetzt

Franz’ Jetlag ist nicht so schlimm, denn zwischen Santiago de Chile, wo er gestern noch war, und Stuttgart, wo er jetzt vor der Webcam sitzt, sind nur vier Stunden Zeitverschiebung. „War mir vorher auch nicht klar, aber Chile liegt viel weiter westlich als man denkt“, sagt Franz und lacht. Gemeinsam mit einem Kameramann hat der 20-jährige Filmregisseur dort für einen Dokumentarfilm über jungen Aktivismus gedreht. Insgesamt haben die beiden in den vergangenen Monaten drei Frauen im Alter zwischen 20 und 25 Jahren begleitet: Pepper (ein Pseudonym), die in Hongkong für mehr Demokratie und Unabhängigkeit protestiert; Hilda, die in ihrem Heimatland Uganda einen Ableger von „Fridays for Future“ gegründet hat; und Rayen, die mit der Protestbewegung in Chile gegen soziale Ungleichheit kämpft. Jetzt steht die Postproduktion mit dem 20-köpfigen Team an. Im Sommer soll „Dear Future Children“* fertig werden. 

jetzt: Franz, du bist gestern vom Dreh in Chile zurückgekommen. Wie wars?

Franz Böhm: Unheimlich intensiv. Es war von allen drei Drehblöcken der gefährlichste. Wir hatten trotzdem eine gute Zeit, weil wir sehr herzlich aufgenommen wurden und weil glücklicherweise fast nichts passiert ist. 

Was heißt „fast nichts?

Ich wurde von einer Tränengas-Granate der Polizei getroffen, zum Glück hatte ich einen Helm auf. Das war ein Schockmoment, auch, weil wir vorher die Illusion hatten, dass wir durch die Kennzeichnung als Presse vor Polizeigewalt geschützt seien.

War der Dreh in Chile wegen des harten Polizeieinsatzes am gefährlichsten?

Ja. Als wir im August und September 2019 in Hongkong waren, waren die Proteste dort zwar größer und die Polizei hat ebenfalls Tränengas und Wasserwerfer gegen Demonstrierende eingesetzt hat. Aber alles war organisierter und die Polizei hat wenigstens jedes Mal vorgewarnt, bevor sie Gewalt angewandt hat. Wenn in Santiago der zentrale Plaza Italia geräumt wird, läuft das jedes Mal sehr brutal ab. Bei den Protesten in Chile wurden Hunderte Menschen von Gummigeschossen der Polizei ins Auge getroffen, viele haben dadurch sogar ein Auge verloren. Wir haben eine Fotografin kennengelernt, der das passiert ist. 

Wird die Polizeigewalt in Chile auch durch die Demonstrant*innen provoziert?         

Die Polizei ist schon im Vorfeld extrem provokativ und natürlich gibt es Demonstrierende, die darauf eingehen und sich wehren. Es gibt zum Beispiel die sogenannten „Frontliner“,  deren Aufgabe es ist, die Polizei von den Protesten zurückzuhalten, und deren Mitglieder wenden natürlich auch Gewalt an. Aber ich finde, einen Stein gegen einen gepanzerten Wasserwerfer zu schleudern, ist immer noch was anderes, als eine Tränengas-Granate in das Gesicht eines Demonstrierende zu schießen.

„Wenn man sich den aktuellen jungen Aktivismus anschaut, dann sind da nun mal viele Frauen dabei“

   

Ihr habt drei Aktivistinnen in Hongkong, Chile und Uganda begleitet. Ist es Zufall, dass ihr nur Frauen porträtiert habt?

Ob du es glaubst oder nicht: Das war wirklich Zufall! Wir haben uns nicht vorgenommen, einen Film über drei Aktivistinnen zu machen, sondern einen über jungen Aktivismus. Bei der Suche nach passenden Protagonisten hat sich das dann einfach so ergeben. Und wenn man sich den aktuellen jungen Aktivismus anschaut, dann sind da nun mal viele Frauen dabei.

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Rayen demonstriert in Chile für mehr soziale Gerechtigkeit.

Filmstill: Friedemann Leis
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Die Demonstrierenden in Chile fordern unter anderem eine Verfassungsreform sowie eine Reform des Wirtschaftssystems. Die Polizei geht mit großer Härte gegen sie vor.

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Hilda hat „Fridays for Future Uganda“ gegründet. Heute ist es eine der größten Gruppen der Klimastreikbewegung in Afrika.

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Hilda organisiert Demos und Müllsammelaktionen und sie klärt die Bevölkerung über die Folgen des Klimawandels auf.

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Pepper ist „Frontlinerin“ der Proteste in Hongkong. Sie demonstriert gegen die Peking-nahe Regierung und für mehr Demokratie.

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Die gelben Regenschirme, mit denen sich die Demonstrierenden in Hongkong vor Tränengasbeschuss schützen, hatten den letzten großen Protesten in der chinesischen Sonderverwaltungszone im Jahr 2014 ihren Namen gegeben: „Regenschirm-Revolution“.

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Die Gründe für den Aktivismus der drei sind unterschiedlich. Gibt es etwas, das sie verbindet?

Alle drei haben die grundsätzliche Einstellung: Hier ist etwas nicht in Ordnung und es wird nicht genug getan – also müssen wir es machen. Sie kämpfen alle einen Kampf, den sie ihrer Meinung nach auf keinen Fall verlieren dürfen, weil es um ihre Zukunft geht. Sie sind sehr mutig. Und jede von ihnen hat gelernt, welche Schattenseiten und Probleme der Aktivismus mit sich bringt.

„Manchmal haben wir gedacht: ,Wahnsinn, jetzt geht sie gerade ein extremes Risiko ein‘“

Zum Beispiel?

Von Aktivismus kann man keine Miete bezahlen, und gleichzeitig ist es eine Tätigkeit, die einem unheimlich viel abverlangt. Diese Frauen riskieren viel: Rayen und Pepper stehen in der Frontline der Proteste. Sie haben gesehen, wie direkt vor ihnen Leute übel zugerichtet oder festgenommen wurden, Rayen hat in Chile sogar gesehen, wie Menschen gestorben sind. Und Hilda steht in der Öffentlichkeit

Hilda ist als „Fridays for Future“-Aktivistin im Gegensatz zu den beiden anderen aber keiner Gewalt ausgesetzt, oder? 

So würde ich das nicht sagen. Klar, Pepper geht in Hongkong auf die Straße und dort ist sie Gewalt ausgesetzt. Aber sie ist als Aktivistin anonym. Hilda ist nicht anonym – und die Kommentare, die teilweise unter ihren Posts oder unter Berichten über sie stehen, sind auch gewaltsam und können genauso wehtun wie physische Gewalt. 

Gab es Situationen, in denen du falsch fandest, was die Aktivistinnen getan haben?   

Ja, schon.

          

Kannst du ein Beispiel nennen?

Leider nicht, das würde unsere Protagonistinnen gefährden. Aber ab und zu haben unser Kameramann Friedemann und ich uns zugeflüstert: „Das würden wir ganz anders machen…“ Und manchmal haben wir uns natürlich auch gedacht: „Wahnsinn, jetzt geht sie gerade ein extremes Risiko ein“, und mussten uns fragen, ob es nicht eher ein Himmelfahrtskommando ist, jetzt nochmal an die Frontline zu gehe.    

Was glaubst du: Warum demonstrieren gerade jetzt so viele junge Menschen an so vielen verschiedenen Orten auf der Welt? 

Weil unsere Generation politisch interessiert ist und bereit, aktiv zu werden. Weil wir als jüngere Menschen noch am längsten auf diesem Planeten und in den jeweiligen Ländern leben werden und darum Mitspracherecht haben sollten. Ich glaube außerdem, dass es auch ein gegenseitiges Anstacheln gibt.

„Für Bewegungen ist es besser, keine Führungsfigur zu haben, weil es zu einfach ist, sie auszuschalten“

Die Bewegungen inspirieren sich gegenseitig?          

Ja. Die Hongkonger Bewegung hat sich an den Studentenprotesten in Chile 2011 orientiert und die chilenische Bewegung jetzt orientiert sich wiederum an der aktuellen Hongkonger Bewegung. Beide Länder haben eine Vergangenheit des jungen Protests, beide haben bei den vergangenen Protesten teilweise Fehler gemacht und lernen jetzt daraus. Zum Beispiel, dass es besser ist, keine Führungsfigur zu haben, weil es zu einfach ist, sie auszuschalten. Und insgesamt herrscht eine große Solidarität zwischen den jungen Protest-Bewegungen. Als ich Rayen in Chile von Hilda in Uganda erzählt hab, war sie begeistert und hat gesagt: „Es muss ja nicht immer gleich zu Protesten kommen. Es ist sogar besser, wenn sich die Probleme schon davor lösen lassen.“ 

Hilda demonstriert aber doch auch?

Sie organisiert in Uganda auch Märsche, aber eben nicht in dem Ausmaß wie in Hongkong oder Chile. Ich glaube allerdings, wenn die Bevölkerung in Uganda realisiert, was ihnen in den nächsten Jahrzehnten wegen des Klimawandels bevorsteht, könnte es dort auch zu heftigeren Protesten kommen.

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Franz Böhm hat schon mehrere Filme gedreht. „Dear Future Children“ haben sein Team und er hauptsächlich über Crowdfunding finanziert.

Foto: Vincent Langosch
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Immer wieder eskaliert bei den Protesten in Santiago de Chile die Gewalt. Die Demonstrierenden tragen Gasmasken, um sich vor Tränengas zu schützen.

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Hildas Aktivismus basiert stark auf Kommunikation. Darum besucht sie Konferenzen und hält Reden, zum Beispiel beim „C40 World Mayors Summit“ in Kopenhagen im vergangenen Dezember (s. Foto) oder bei der Klimakonferenz in Madrid.

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Ihr Aktivismus fordert Pepper extrem, Zeit zum Ausruhen bleibt ihr kaum. Trotzdem versucht sie, neben den Protesten ihr normales Leben weiterzuführen.

Filmstill: Friedemann Leis

Verläuft durch alle Bewegungen ein Generationen-Bruch? Kämpft  überall Jung gegen Alt?

In Hongkong ist es schon ein sehr junger Protest und in Uganda machen sich die jungen Menschen logischerweise mehr Sorgen um ihre Zukunft, weil sie noch länger in diesem Land leben müssen. Bei den Proteste in Chile sind aber wirklich alle Generationen auf der Straße mit dabei. Das ist eher ein Klassenkampf, der von der jungen Generation angeführt wird.

Mal abgesehen von den Drehs bei gewaltsamen Protesten: Welche Herausforderungen musstet ihr als Team meistern? 

Die Dreharbeiten waren insgesamt nicht leicht. Wir waren auf drei Kontinenten, in zwei Krisengebieten und wir mussten Sprachbarrieren überwinden. Auch die Finanzierung war eine Herausforderung, die wir dann über Crowdfunding gelöst haben. Als wir die Kickstarter-Kampagne veröffentlicht haben, gab es krassen Gegenwind.

Wieso?

Wir wurden von Verschwörungstheoretikern angefeindet, hauptsächlich in Bezug auf die Proteste in Hongkong, aber dann auch in Bezug auf Fridays for Future, auf die Bewegung in Chile und auf meine Person. Mir wurde Gewalt angedroht und vorgeworfen, dass ich Teil der westlichen „Medien-Propaganda“ sei. Wir bekommen immer noch täglich E-Mails, die teils unter die Gürtellinie gehen. Eine weitere Herausforderung war übrigens, dass wir nunmal nicht die Ältesten sind. Wenn wir uns mit Korrespondenten getroffen haben und wichtige Kontakte von ihnen haben wollten, haben die manchmal gefragt: „Warum soll ich das einem 20-Jährigen geben?“ Da muss man dann eine schlagfertige Antwort parat haben.

Die da wäre?

Ich habe meistens gesagt: „Wenn ich dir mein Alter nicht gesagt hätte, hättest du gedacht, dass ich 30 bin!“

*Update am 4. Mai 2020: In der vorigen Version dieses Interviews wurde der Film unter seinem Arbeitstitel „Prayers Do Nothing“ genannt. Nachdem der offizielle Titel – „Dear Future Children“ – nun feststeht, wurde er im Text angepasst.

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