Wieso ich erleichtert bin, dass Karneval ausfällt

Eigentlich hat unsere Autorin immer gerne Karneval gefeiert – aber seit dem Anschlag in Hanau bringt sie das in einen emotionalen Konflikt. Passen kollektive Trauer und Karneval zusammen?
Von Franziska Setare Koohestani
karneval hanau

Foto: Oliver Berg / dpa

Wahrscheinlich war ich drei, als ich das erste Mal als Tiger auf’m Zoch war und mir danach den Bauch mit Kamelle vollschug. Ich habe es geliebt, mich zu verkleiden, haufenweise Berliner zu futtern und später dann auch mit Freund*innen – manchmal auch wildfremden Menschen – zu schunkeln und dabei (oft genug auch komplett nüchtern) „Drink doch ene mit“ zu grölen. Anders gesagt: Ich komme aus Köln. Aber wenn Menschen mich fragen „Woher kommst du?“, dann geben sie sich damit nicht immer zufrieden. Denn ich bin nicht weiß. Deshalb sehe ich nicht für alle auf den ersten Blick aus wie eine karnevalsliebende Kölnerin. 

Am Freitag ist der rechtsextreme Anschlag in Hanau ein Jahr her. Am 19. Februar 2020, einen Tag vor Weiberfastnacht, ermordete ein Rassist Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov. Sie alle waren auch Menschen mit Migrationshintergrund beziehungsweise rassifizierte Menschen – also Menschen, die durch den rassistischen Blick von außen als „Andere“ wahrgenommen werden. Einige von ihnen wurden in einer Shisha-Bar erschossen. Ein Ort, an dem auch ich als Jugendliche viel Zeit verbrachte. Mich erschütterte der Anschlag in Hanau also auch, weil ich mich in mancherlei Hinsicht mit den Opfern identifizieren kann. Nachts hält mich der Gedanke an Hanau oft wach. Wenn ich an die Hinterbliebenen denke, an die Opfer, an all das, was politisch davor und danach schiefgelaufen ist: rechtsextreme Netzwerke in der Polizei, Racial Profiling, der unterbesetzte Notruf in der Tatnacht, die Absage der Gedenkveranstaltung im Sommer, während Corona-Leugner*innen in Berlin demonstrierten und noch vieles mehr. An die Ungerechtigkeit und die Notwendigkeit, dass sich etwas Grundlegendes in Deutschland verändert, damit rassifizierte Menschen sich wieder sicher fühlen können. Das ist bis heute so.

Kollektiver Trauer, Erinnerungskultur und Schmerz trifft auf Party, Schunkeln und Weltflucht via Verkleidung

Klar ist aber: Der Tag des Anschlags in Hanau wird für immer mit Karneval zusammenfallen. Der Versuch kollektiver Trauer, Erinnerungskultur und Schmerz trifft auf Party, Schunkeln und Weltflucht via Verkleidung. Für weiße Jecken wird das wenig verändern. Sie werden weiterfeiern. Für rassifizierte Nicht-Jecken ist hingegen klar, dass Karneval zu feiern von nun an vermessen ist. Diese zwei zentralen Sichtweisen zeigen sich auch in den Artikeln, die aktuell zum coronabedingten Ausfall von Karneval veröffentlicht wurden: Die einen heißen den Ausfall gut – wegen Hanau. Die anderen vermissen Karneval in Corona-Zeiten umso mehr – ohne Hanau dabei zu erwähnen. Ich als nicht-weiße Kölnerin gerate in eine Art emotionalen Konflikt, der vielleicht keiner sein sollte. Meine Identität als karnevalsliebende Kölnerin prallt auf meine Identität als rassismuskritische und von Rassismus betroffene Person.

Denn immer wenn ich lese, dass Karneval nach Hanau nicht mehr stattfinden soll, dann stimme ich den Argumenten zu. Oft genug bedeutet Karneval schließlich auch: rassistische und antisemitische Verkleidungen oder Witze über Minderheiten bei Büttenreden im Fernsehen. Außerdem könne es sich nicht jede*r leisten, die Morde von Hanau einfach wegzufeiern – vor allem nicht von Rassismus Betroffene, für die der Anschlag eine Zäsur war, die sich seither nicht mehr sicher fühlen. Ich sehe das auch so. 

Ich bin erleichtert, dass Karneval in diesem Jahr wegen Corona ausfällt. Denn so kurz nach Hanau hätte das nicht sein sollen. Aber etwas in mir vermisst den Karneval, wie ich ihn kenne, auch ein bisschen. Langfristig muss ich mich also fragen: Sollten wir nach den rechtsextremen Morden in Hanau jemals wieder Karneval feiern? Werde ich wieder Karneval feiern können? Werde ich das überhaupt wollen? Oder sollten wir uns lieber fragen, ob es noch eine andere Möglichkeit statt wegfeiern gibt – die der ursprünglich subversiven Idee des Karnevals eher entspricht? Ist das überhaupt noch möglich?

Mir war überhaupt nicht nach Feiern zumute. Trotzdem bin ich hingegangen

Am Morgen nach dem Anschlag in Hanau war ich in Köln. Es war Weiberfastnacht und ich war nach drei Jahren Pause das erste Mal wieder für Karneval angereist, um meine Freund*innen wiederzusehen und gemeinsam zu feiern. Obwohl sich mein Umgang mit Karneval seit meiner Kindheit verändert hat, ich reflektierter und auch kritischer im Hinblick auf diesbezüglichen Sexismus und Rassismus geworden bin, habe ich mich wahnsinnig darauf gefreut.

An Weiberfastnacht war ich auf die Geburtstagsfeier einer Freundin eingeladen, die ich schon lange nicht mehr gesehen hatte. Wegen des Anschlags in Hanau wollte ich erst nicht hingehen. Denn ich war aufgewühlt, traurig, hatte kaum geschlafen. Kurz: Mir war überhaupt nicht nach Feiern zumute. Noch dazu hatte ich Angst, meine Eltern auch. Trotzdem bin ich hingegangen. Ich war nur ein paar Stunden da, habe mich nicht ganz ablenken können, nicht betrunken, mit meinen – unter anderem auch nicht weißen – Freund*innen und Bekannten dabei auch über Hanau und Rassismus gesprochen, es also nicht „weggefeiert“ oder ausgeblendet. Aber es war trotzdem nun mal eine Karnevalsparty, ich wollte die Stimmung nicht versauen und deswegen bin ich früh nach Hause.

Den Rest des Tages habe ich alles zu Hanau gelesen, was ich finden konnte. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich mich nicht dafür schäme, überhaupt hingegangen zu sein. Das tue ich. Aber mir wurde dadurch auch klar, dass ich den Anschlag in Hanau nicht wegschieben kann. Das nicht zu können finde ich richtig. Aber das macht auch einsam. Denn andere können das.

Seit Hanau belastet mich die Gleichzeitigkeit von Karneval und Hanau. Von Trauer und Lebensfreude

Nach außen hin mag Karneval wie das ultimative weiß-deutsche Spektakel anmuten. Der etablierte, institutionelle Karneval ist das sicherlich auch. Aber als Kölnerin weiß ich, dass es durchaus viele nicht weiße, Schwarze Menschen und People of Color gibt, die gerne Karneval feiern – und das, wie ich, auch tun, seitdem sie Kinder sind. Sie feiern, wie die meisten Kölner*innen, zu Hause, in den Kneipen, Bars und bei gutem Wetter auch auf den Straßen.

Ich würde gerne wissen, wie sie sich bei dem Gedanken fühlen, dass der Anschlag in Hanau in Zukunft mit Karneval zusammenfallen wird. Werden sie das ausblenden können? Werden sie aufs Feiern verzichten? Und warum? Etwas, das für sie so selbstverständlich zum Jahr dazugehört wie für viele, auch nicht weiße Kölner*innen, ist nicht so wahnsinnig selbstverständlich aufzugeben wie für andere. Auch wenn man es vielleicht sollte. Aber was dann? Feiern dann wirklich nur noch die Weißen? Und hieße das, dass rassifizierte Menschen durch ihre Betroffenheit anders mitfühlend sein müssen?

 

Ich habe mich bisher nicht getraut, darüber mit meinen Freund*innen zu sprechen. Aber seit Hanau belastet mich die Gleichzeitigkeit von Karneval und Hanau. Von Trauer und Lebensfreude. Ich glaube, es wäre gut, wenn wir in Zukunft auch diese Gespräche führen würden. Ich bin jedenfalls erleichtert, dass Karneval dieses Jahr ausfällt. Vermutlich hätte ich nicht gefeiert, nicht am ersten Jahrestag des Anschlags in Hanau. Aber ich bin auch erleichtert, dass es nicht meine individuelle Entscheidung ist, sondern coronabedingt ein kollektiver Ausfall, der dem Hanau-Gedenken hoffentlich auch mehr Raum gibt. Und ich wünsche mir, dass wir bis zum nächsten Jahr darüber sprechen, wie und ob sich kollektive Trauer mit kollektivem Feiern vereinbaren lässt.

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