„Alle paar Jahre gibt es eine große Geste, die so eine Mordswirkung hat“

Was politische Gesten wie Ramelows Weigerung, Höcke die Hand zu geben, wirklich bewirken.
Interview von Magdalena Pulz
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Foto: Michael Reichel / dpa / Bearbeitung: jetzt

Ob Nancy Pelosi, die Trumps Rede zerreißt, oder die Landeschefin der Linken in Thüringen, Susanne Hennig-Wellsow, die dem FDPler Thomas Kemmerich den Blumenstrauß vor die Füße wirft: Immer wieder setzen Politiker*innen ganz ohne Worte Zeichen, die sich rasant verbreiten. Im politischen Alltag sind solche Gesten aber meist viel subtiler.

Marcus Maurer leitet seit einigen Jahren den Lehrstuhl für Politische Kommunikation an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist nonverbale Kommunikation. Er erklärt im jetzt-Interview, warum es von Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow strategisch klug war, als er sich weigerte, die Hand von Björn Höcke zu schütteln, wie wichtig die Küsse von Merkel und Macron sind und welche Gesten in der Politik wirklich interessant sind.

jetzt: Bodo Ramelow hat Björn Höcke nicht die Hand geschüttelt. Was bedeutet so eine Geste in so einem Moment überhaupt?

Marcus Maurer: Wenn man das in etwas Verbales übersetzt, dann heißt das: „Ich als Vertreter einer normalen demokratischen Partei will dem nicht die Hand geben, weil das ist der Vertreter einer extremistischen Partei.“ Das Argument, dass die Linkspartei eine normale demokratische Partei sei, war durch den Thüringen-Wahlkampf schon etwas ausgeleiert – irgendwann kann’s ja dann auch keiner mehr hören. Um die Botschaft noch einmal zu unterstreichen, musste Ramelow noch etwas Spektakuläres machen. Und so was wie der verweigerte Handschlag bekommt natürlich Aufmerksamkeit, das war strategisch schlau.

Aber ist das nicht auch eine Gefahr, seine Botschaft so nonverbal rüberzubringen? Man könnte da ja auch anderes reininterpretieren, etwa, dass Ramelow wegen des vorhergehenden Coups der AfD jetzt beleidigt ist ...

Das ist richtig, man könnte auch denken, dass das kindisch war und man da eigentlich drüberstehen sollte. Aber die Abgrenzung zur AfD war die erste Botschaft, die überall weiterverbreitet wurde, das hat Ramelow richtig eingeschätzt.

So oder so, für Höcke war es eine Erniedrigung. Glauben Sie, dass das einen Einfluss auf die Zusammenarbeit im Landtag haben wird?

Ich glaube, die Zusammenarbeit wird so oder so ganz schwer. Die wird jetzt dadurch auch nicht mehr schlimmer.

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Prof. Dr. Marcus Maurer forscht zu politischer Kommunikation und Medienwirksamkeit.

Foto: Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Auf internationaler Ebene wird beispielsweise auch immer wieder über die Begrüßungs-Küsschen von Angela Merkel und Emmanuel Macron berichtet – wie innig die sind und was das über die Länderbeziehung aussagt. Glauben Sie, Medien interpretieren zu viel in solche Gesten hinein?

Ja, wir neigen dazu, die Wirkung von solchen Bildern zu überschätzen. Mein Lehrstuhl hat eine ganze Reihe von Studien gemacht, in denen wir uns vor allem mit Fernsehbildern beschäftigt haben, etwa in Fernsehduellen. Und da finden wir immer wieder, dass für die Zuschauer wichtiger ist, was sie hören, als das, was sie sehen.

Wirklich?

Eigentlich ist es ganz logisch: Wenn ich da vorne stehe und zu den Leuten sage, dass ich die Steuern um zehn Prozent erhöhen möchte, macht es auch keinen Unterschied mehr, ob ich dabei lächle oder nicht. Die Leute erschrecken so oder so. Im Zweifelsfall kann nonverbale Kommunikation aber Gesagtes verstärken.

„Wenn Spitzenpolitiker*innen im Fernsehduell antreten, werden sie wochenlang vorher geschult“

Es gibt aber doch politische Gesten, die viel zu bedeuten hatten und bis heute unvergessen sind: Willy Brandts Kniefall etwa. Glauben Sie, dass so große politische Ereignisse ein bestimmtes Bild brauchen, damit man sich überhaupt erinnert?

Auf jeden Fall. Das war auch der Versuch von Ramelow, so etwas zu schaffen. Das kann man natürlich nicht x-beliebig weitertreiben. Aber alle paar Jahre gibt es so eine große Geste, die so eine Mordswirkung hat, weil sie sich ins kollektive Gedächtnis brennt.

Glauben Sie, Gesten und Körpersprache richtig einzusetzen, ist für Politiker*innen generell ein großes Thema?

Natürlich machen die sich Gedanken, bis runter zu Politiker*innen auf Kreisebene. Wenn Spitzenpolitiker*innen im Fernsehduell antreten, werden sie wochenlang vorher geschult, eben auch, wie sie ihre Körpersprache unterstützend einsetzen können. Aber manche Sachen kann man nicht beeinflussen, das Aussehen etwa.

Jedes Land hat ja so seine eigene politische Debattenkultur, im britischen Unterhaus etwa geht es ganz anders zu als im Bundestag. Haben die Länder auch ihre eigene politische Gestenkultur?

Man muss da zwei Arten von Gesten unterscheiden. Es gibt ganz bewusste Gesten, die gezielt Sprache ersetzen. Beispiel: Ich mache den Daumen hoch und damit sage ich: top. Die unterscheiden sich in unterschiedlichen Ländern natürlich voneinander und werden auch verschieden stark verwendet. Da kenne ich aber keine Studie dazu, die das mal untersucht hätte. Die zweite Art sind unbewusste Gesten: Wenn ich zittere, komisch dastehe oder nervös lächle. Die finde ich viel interessanter. Die sind für die Urteilsbildung über Menschen, also auch über Politiker*innen, viel wichtiger.

Und was halten Sie dann von sogenannten Expert*innen für Körpersprache, die das Verhalten von Politiker*innen interpretieren?

Da mag zwar manchmal etwas Wahres dran sein. Aber grundsätzich basiert das natürlich nicht auf wissenchaftlichen Erkenntnissen, sondern auf Spekulationen. Und die können auch falsch sein.

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