Queers, nervt es euch, wenn Heteros im Homo-Club tanzen?

Nehmen sie euch damit einen wichtigen Schutzraum?
Von Niko Kappel und David Württemberger

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Liebe Queers,

es gibt kein heterosexuelles Pendant zu Homo-Clubs. Heterosexuelle Menschen wurden nie aufgrund ihrer sexuellen Vorlieben ausgeschlossen, verurteilt oder verfolgt. Deshalb gab es auch nie einen Grund, Schutzräume für sie zu schaffen, in denen sie sicher tanzen, feiern und flirten können. Jetzt ist es aber so, dass in Clubs, die eigentlich ein Safe Space für queere Menschen sein sollen, nicht nur homosexuelle Menschen feiern gehen, sondern auch Heteros. 

Meine beste Freundin ist lesbisch und ab und zu gehen wir in einem Homo-Club feiern. Wenn ich dann da so feiere und trinke – aber eben nicht flirte – fühle ich mich manchmal wie ein Eindringling. Sollten solche Clubs nicht Menschen vorbehalten sein, die ihre Sexualität vielerorts immer noch nicht frei ausleben können? Klar, nicht alle queeren Menschen flirten im Homo-Club. Aber haben solche Clubs nicht den Sinn, heteronormative Strukturen auszuschalten? Sagen Homo-Clubs queeren Mensch nicht: „Hier sind die Menschen sexuell genauso eingestellt wie du, hier kannst du dich ausleben?“ Störe ich da als Hetero?

Nehmen wir euch einen Schutzraum weg?

Feiert ihr anders, wenn ihr merkt, dass zum Beispiel auf einer schwulen Dating-Party auch heterosexuelle Männer unterwegs sind? Habt ihr das Gefühl, dass manche Hetero-Männer lesbischen Frauen vor allem auch einfach gerne beim Knutschen zuschauen? Nehmen wir euch, wenn wir als Heteros in Homo-Clubs gehen, einen wichtigen Schutzraum weg?

Ich könnte mir vorstellen, dass es gerade für Menschen, die ihr Coming-out noch vor sich haben, sehr wichtig ist, einen Ort zu haben, an dem man sich frei ausleben kann, ohne ver- oder beurteilt zu werden. Es macht das Dating-Game sicher leichter, wenn man dort feiern geht, wo sich hauptsächlich Menschen der gleichen sexuellen Orientierung aufhalten. 

Gibt es, wenn wir mit euch in Homo-Clubs feiern gehen, irgendwas, auf das wir achten sollten? Mal abgesehen von den offensichtlichen Dingen: Toleranz, Respekt und Offenheit? Was sind absolute No-Gos? Oder sollen wir uns lieber ganz fern halten und froh sein, dass wir einfach überall sicher feiern gehen können? Verratet es uns doch, wir sind gespannt.

Eure Heteros

Die Antwort:

Liebe Heteros,

ich habe mich ein einziges Mal beim Feiern richtig geprügelt. Es war auf einer queeren Indoor-Beach-Party. Ein heterosexueller Mann befand, dass eine Freundin von mir lieber mit ihm sprechen und tanzen sollte statt mit ihrer Freundin. Irgendwann wurde es zu viel, eine von beiden schob ihn weg, plötzlich wurde geschubst, ich ging dazwischen und – Boom – lag ich raufend mit dem Gockel auf dem sandigen Dancefloor. Dazu lief vermutlich Rihanna und hätte ich danach keine schmerzhaften blauen Flecken und Kratzer in der Brille gehabt, würde ich sagen, dass ich schon schlechtere Dates hatte.

Diese Situation war die absolute Ausnahme in meiner Party-Historie. Aber sie zeigt, wann Heteros in unseren Clubs wirklich nerven: Wenn sie sich ganz selbstverständlich so verhalten, als hätte auch dieser Ort nach ihren Regeln zu tanzen. Wenn sie uns queere Menschen nicht respektieren und uns wegen unserer Sexualität behandeln, als hätten wir weniger Anrecht auf Raum als sie. Wenn sie in unsere Clubs und Bars stolzieren wie in Tierhandlungen, in denen man sich von den possierlichen Queers unterhalten lassen kann. Polemisch gesagt: Wenn sie sich verhalten wie sonst auch.

Es geht im Homo-Club nicht nur um Flirten und Sex

Wir sollten grundsätzlich besprechen, was Schutzräume wie Clubs oder Bars für uns LGBT bedeuten. Klar geht es um Flirten und Sex – aber nicht nur. Kurz gesagt können wir dort sein, wie wir sind. Wir müssen uns nicht verstellen oder zurücknehmen und fühlen uns nicht wegen unserer sexuellen Orientierung unwohl, unwillkommen oder fehl am Platz wie in so vielen Situationen unserer Leben. In Hetero-Clubs bin ich immer zu einem gewissen Grad vorsichtig, analysiere ständig mein Umfeld – in queeren Clubs kann ich einfach loslassen. Wenn ich Bock hätte, könnte ich Make-up tragen, Cosmopolitan schlürfen und „I’m A Slave 4 U“ wie Britney bei den VMAs performen. Es würden zwar genügend Leute lachen und lästern – aber eher, weil ich ziemlich miserabel im Schminken, Tanzen und Singen bin, und nicht, weil ich schwul bin. Es geht nicht direkt darum, alles zu tun, was theoretisch möglich ist. Allein, dass die Möglichkeit bestünde, macht den Schutz solcher Räume aus.

Seit ich selber Teil von ihr bin, wird in der queeren Community kontrovers diskutiert, dass Heteros unsere Clubs und Bars besuchen. Die Befürchtung ist, dass die Community plötzlich zu Gast in ihren eigenen Räumen ist. Das ist sicher auch schon in einigen Läden der Fall gewesen, ich glaube aber, dass die viel größere Gefahr für unsere Schutzräume aktuell ist, dass immer wieder Locations wegen astronomischer Mieten dicht machen müssen – und sich ein großer Teil des Dating-Games ins Internet verlagert hat.

Das Gefühl des Andersseins ist ausgeschaltet

Ich persönlich flirte gar nicht viel beim Feiern. Ich würde sogar sagen, dass das nie meine Hauptmotivation ist, queer feiern zu gehen. Aber wenn sich die Situation doch ergibt, dann kann ich flirten, ohne mir Gedanken machen zu müssen, ob ich mich unter Umständen gerade in Gefahr begebe. Dabei stört ihr mich auch nicht. Klar wäre es schade, wenn ich einen Korb vom heißesten Typen aller Zeiten bekommen würde – aber da würde es für mich auch nichts mehr zur Sache tun, ob er homo oder hetero ist. Und ich schreibe absichtlich im Konjunktiv, denn ich bin noch nie abgeblitzt, weil mein Gegenüber in eurem Team gespielt hat. 

Queere Clubs und Bars sind natürlich auch ein toller Ort, um das eigene Lesbisch- Schwul- Bi- oder Trans*sein zu entdecken – auch als ungeoutete Person. Denn für viele ist ein Club der erste, manchmal auch der einzige Ort, an denen man sich in einem Raum voller Menschen aufhält, die alle ein nicht unwesentliches Stück der eigenen Lebensrealität teilen. Das Gefühl des Andersseins ist für ein paar Stunden stumm geschaltet. Daran ändern auch fünf (respektvolle) Heteros im Club nichts. Denn sind wir doch mal ehrlich: Viel mehr von euch kommen normalerweise auch nicht.

Übergriffiges Verhalten vergiftet jede Stimmung

Wirklich unangenehm sind Heteros in queeren Räumen vor allem in zwei Szenarien: Wenn Hetero-Männer gehört haben, dass man dort ganz besonders gut Frauen abschleppen kann, die mit ihren Freundinnen dort sind. Diese Typen vergiften dann mit übergriffigem Testo-Gebalze allen die Stimmung und machen Drama, wenn sie von einem Mann angesprochen werden. Oder wenn Junggesell*innen-Abschiede zu einer Art Mutprobe einfallen und dann entweder nur penetrant glotzen wie in einer Geisterbahn oder übertrieben hart abgehen als hätten sie bei Jochen Schweizer ein zweistündiges Regenbogenzirkus-Paket gebucht, das sie jetzt einfordern. Dabei fühlen wir uns wie Zoo-Bewohner, die Kunststückchen machen sollen. Wenn ihr das in Zukunft einfach unterlassen könntet? Danke!

Zum Glück ist es ja aber doch so, dass sich die meisten Heteros, die in unsere Clubs und Bars kommen, zu benehmen wissen. Manche können es vielleicht sogar mal richtig genießen, die gute alte Heteronormativität vor der Tür lassen zu können. Klar, sie kommen ja meist mit queeren Freund*innen. Und was wäre Feiern ohne Freund*innen – alte wie neue? Ich finde, es kann nur zu einem besseren Verständnis füreinander beitragen, wenn queere Clubs nicht als mystische, verruchte No-Go-Zones gelten, sondern als Orte, die einen Willkommen heißen, so wie man eben ist.

Also, kommt rum!

Eure Queers

  • teilen
  • schließen