Homosexuelle Menschen, vergleicht ihr eure Körper beim Sex?

Denkt ihr „Ihre Brüste sind schöner als meine“ oder „Sein Po ist straffer als meiner“?
Von Johannes Angermann und Agnes Striegan
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Welcher Popo ist schöner?

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Liebe Queers,

wenn es um Liebe geht, gibt es keinen Unterschied zwischen Queers und Heteros: Wir lieben den Menschen, den wir lieben, weil wir ihn lieben. Wenn es um Sex geht, ist es aber anders: Eine der schönsten Seiten daran, heterosexuell zu sein, ist – in meiner Welt – der offensichtliche Unterschied zwischen unseren Körpern. Wenn ich mich umdrehe, dann ist die Frau, die neben mir liegt, immer die schönste Frau in diesem Bett. Sie hat die stupsigste Nase, die schönsten Brüste und den schönsten Hals. Umgekehrt gilt das genauso: Da liegt in dem Bett dann immer der schönste Mann. Ich habe keine Ahnung, was Frauen da so sehen. Vielleicht liegt da der Mann, der am besten duftet. Oder der mit dem schönsten Hintern oder dem krauligsten Brusthaar. Diese Unterschiedlichkeit macht es wunderbar einfach: Ich kann einen Körper bewundern, einen Körper erfahren, den ich so nicht habe. Und ihr geht es genau so. 

Aber wie ist das für euch? Wie ist das, wenn der Körper des Menschen neben euch eurem so ähnlich sieht? Freut ihr euch, mehr von allem zu haben: Zwei eigene und zwei Gast-Brüste? Oder verunsichern euch solche Momente? Was ist, wenn er oder sie den besser geformten Po hat? Wie ist das, wenn sein kleiner Freudenspender größer ist, ihre Brüste symmetrischer, seine Oberarme muskulöser? Denkt ihr dann: Warum liegt so ein schöner Mensch neben mir? Findet sie mich, findet er mich genauso attraktiv? Vergleicht ihr eure Körper unbewusst miteinander – oder ist das einfach total egal, wenn man Lust aufeinander hat? 

Ist es schwierig, Unterschiede auszuhalten, wenn man weiß: Schatz, du hast den gleichen Körper wie ich?

Und wie ist das in einer langen Beziehung? Was, wenn der oder die eine Lust auf Selbstoptimierung und Sport hat, der oder die andere aber einfach nicht? Klar, wir lieben diesen Menschen, den wir lieben, weil wir ihn lieben. Wir sehen den Menschen hinter den Äußerlichkeiten. Aber wir bemerken auch, wie unterschiedlich wir uns bisweilen entwickeln. Und dann wird nur ein Po immer knackiger. Ist es schwierig, solche Unterschiede auszuhalten, wenn man weiß: Schatz, du hast den gleichen Körper wie ich?

Wir sind gespannt.

Danke, 

eure Heteros 

Die Antwort:

Liebe Heteros,

vielleicht ist auch das mit dem Sex, überhaupt das Körperliche, bei uns gar nicht so anders als bei euch.

Mich überrascht eure Selbstsicherheit. Dass ihr denkt, ihr seid für die andere Person immer der oder die Schönste. Diese Gedanken „Warum liegt so ein schöner Mensch neben mir? Er oder sie kann mich doch nicht wirklich genauso wollen?“ oder früher „Wie soll ich ihn oder sie überhaupt auf mich aufmerksam machen?“, die kennt ihr doch bestimmt auch. Dieses Gefühl, gar nicht zu wissen wohin mit dem eigenen, seltsamen Körper neben so jemand Tollem. Ihr könntet euch doch auch vergleichen: Wessen Bauch ist flacher, wessen Haut reiner? Ihr könntet doch auch das Problem bekommen, dass die eine in einer langen Beziehung mehr Sport macht als der andere?

Ich gucke mir nicht unsere Brüste an und stelle fest: Ihre sind aber schöner

Wobei es nicht so klingt, als tätet ihr das. Und auch für mich haben diese Gedanken wenig mit Vergleichen zu tun. Eher mit Staunen. Oder mit allgemeiner Unsicherheit. Denn nein, ich messe meinen Körper nicht an dem der Frau, in die ich verliebt bin. Ich gucke mir nicht unsere Brüste an und stelle fest: Ihre sind aber schöner. Unterschiede fallen mir einfach auf – und ich liebe sie, genau wie ihr. Meine Nase ist eher gerade, ihre vielleicht stupsig, meine Haare sind kraus, ihre vielleicht weich. Gut, ich habe mich schon dabei ertappt, meinen Stil ein bisschen ihrem anzupassen, aber unabsichtlich, einfach, weil er mich an sie erinnert. Wenn ich wirklich verliebt bin, sehe ich sowieso nur sie, nicht mich.

In jedem Fall aber werte ich Unterschiede nicht. Was daran liegen mag, dass ich viel feministische und queere Literatur gelesen hat. Was wiederum daran liegen mag, dass ich eine homosexuelle Frau bin. Nichts hat mir so dabei geholfen, mich in meinem Körper wohl zu fühlen, als trockene akademische feministische Literatur (und davon gibt es viel, nicht nur Simone de Beauvoirs Klassiker „Das andere Geschlecht“. Für einen Überblick mag ich „The Routledge Companion to Feminist Philosophy“ und „The Philosophy of Sex – Contemporary Readings“). Keine Komplimente von Freundinnen, keine Selbstliebe-Tipps. Sondern mich wissenschaftlich damit zu befassen, was für ein Riesenscheiß all diese Forderungen sind, die Menschen – Männer – sich erdreisten, an uns zu stellen. Wie lange das schon so geht, wer davon profitiert. Je mehr ich begreife, wie anmaßend das ist und wie absurd, desto weniger bewerte ich. Weil ich es mir verbiete. Aber auch, weil der Maßstab unsinnig geworden ist. Das ist einfach mein Körper, verdammt!

Dazu kommen all diese Fragen: Was Geschlecht überhaupt ist, zum Beispiel – oder was sexuelle Orientierung. Das ist nämlich gar nicht so einfach (weshalb wir beide in dieser Kolumne vereinfachen und ziemlich binär denken). Frausein und einen weiblichen Körper haben ist nicht dasselbe: trans Frauen sind ebenso Frauen, trans Männer ebenso Männer. Überhaupt ist es schwierig, eine Eigenschaft zu finden, die wirklich alle Frauen oder alle Männer gemeinsam haben und die sie ausmacht. Nicht alle Frauen werden schwanger, nicht alle sind fürsorglich, nicht alle feminin. Nicht alle Männer produzieren Sperma, nicht alle sind Machos, nicht alle maskulin. Und auch die Biologie ist überraschend vieldeutig: Geschlechtsmerkmale wie Genitalien, Chromosomen und Hormone können unterschiedlich kombiniert sein – und wir entscheiden, wie viel Bedeutung wir all dem beimessen. Wer darüber lange genug nachdenkt, wer irgendwann anfängt, mit seiner Dozentin so etwas zu diskutieren wie die Bedeutung von Strap-Ons für Sex oder Gender, der bekommt einen recht sachlichen Blick auf Körper. Damit will ich nicht sagen, dass es unbedingt die akademische Debatte sein muss. Aber dass, wer sich mit diesen – den echten – Problemen beschäftigt, die anderen oft nicht mehr so hat. Und dass Frauen und queere Menschen das eher tun.

Für mich mit das Schönste daran, lesbisch zu sein, dass mein Körper und der meiner Partnerin sich gleichen

Was ich an eurer Frage aber sehr spannend finde: Ihr gebt einen Hinweis darauf, was sexuelle Orientierung ist. Ein Punkt, der da umstritten ist, ist nämlich, ob sie allein davon abhängt, welches Geschlecht man anziehend findet, oder ob das eigene Geschlecht zusätzlich eine Rolle spielt. Wir verstehen sexuelle Orientierung üblicherweise auf die zweite Art: Ich bin eine Frau, die Frauen mag, also bin ich homosexuell, genau wie schwule Männer. Man könnte sexuelle Orientierung aber auch auf die erste Art verstehen: Dann würden lesbische Frauen und heterosexuelle Männer eine Gruppe bilden, einfach, weil sie beide Frauen mögen, und schwule Männer und hetero Frauen, weil sie beide Männer mögen. Nun schreibt ihr, eine der schönsten Seiten daran, heterosexuell zu sein, ist der offensichtliche Unterschied zwischen euren Körpern. Umgekehrt ist für mich mit das Schönste daran, lesbisch zu sein, dass mein Körper und der meiner Partnerin sich gleichen – dass wir nur zwei Frauen sind und sonst niemand. Das passt dann zu der Idee, dass es bei sexueller Orientierung darum geht, welche Beziehungen wir erotisieren – die zwischen gleichen oder verschiedenen Körpern. Wieder etwas gelernt!

Aber damit das hier keine theoretische Abhandlung wird, schließe ich lieber schnell mit einer Gegenfrage, und die ist nur so halb scherzhaft gemeint: Liebe Heteros, wie ist das denn, wenn man gar nicht nachempfinden kann, was jemand am eigenen Körper sexuell anziehend findet?

Alles Liebe,

eure homosexuellen Menschen

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